Kritik

Wim Wenders Desperado

„Wim Wenders, Desperado“ // Deutschland-Start: 16. Juli 2020 (Kino)

Das Publikum sieht Kunst immer als fertiges Werk, weniger ab den Prozess, der zu diesem Ergebnis geführt hat. Alleine in der Malerei gibt es ganze Studien zu Kunstwerken, welche offenbaren, dass es selbst bei bekannten Gemälden Korrekturen und Neuanfänge gab, also der Misserfolg Teil eines langen Prozesses war, der oft kräftezehrend war und mit vielen Opfern verbunden. Gerade wenn dieser Vorgang an kommerzielle Interessen gebunden ist, wird der Misserfolg allerdings versucht auszumerzen, ist unerwünscht und man obliegt oft einer Planung, die manchmal noch nicht einmal vom Künstler selbst definiert wurde, die nur auf Perfektion ausgerichtet ist. Vor dem Hintergrund des Filmgeschäfts, in welchem mit teils ausufernden Budgets um sich geschmissen wird und jungen Filmemachern kaum die Chance gelassen wird, Fehler zu machen und aus ihnen zu lernen, ist die Prämisse der neuen Perfektion zu einem fehlgeleiteten Fetisch geworden.

Blickt man zurück auf das Kino der letzten Jahrzehnte merkt man, wie dicht Erfolg und Misserfolg immer waren. Geschichten wie Werner Herzogs Fitzcarraldo oder Francis Ford Coppolas Apocalypse Now sind heutzutage gar nicht mehr vorstellbar, bedenkt man alleine ihre chaotische Produktion, die durch Zerwürfnisse der Regisseure mit Darstellern, Pannen am Dreh und widrige Wetterverhältnisse geprägt ist. Beide Filmemacher sind übrigens Gesprächspartner der Regisseure Eric Friedler und Andreas Frege, die in ihrer neuen Dokumentation, sich einem Filmemacher widmen, für den, dem alten Sprichwort folgend, der Weg oft genug das Ziel war und der nicht selten nur mit einem minimalen Skript anfing zu drehen: Wim Wenders. Neben Frege, der vielen besser bekannt sein dürfte unter dem Künstlernamen Campino, kommen noch andere Weggefährten Wenders’ zu Wort, beispielsweise Patrick Bauchau, Patti Smith, Andie MacDowell und Hanns Zischler. Darüber hinaus greifen die Filmemacher in Wim Wenders, Desperado auf reichlich Archivmaterial wie die ersten Filme, die Wenders als Teenager drehte, oder geschnittene Szenen aus Filmen wie Paris, Texas zurück.

Da, wo wir hin wollen
Am Anfang und am Ende kehrt die Dokumentation wie auch Wenders selbst in eben jene Wüste zurück, in welcher er vor vielen Jahren die ersten Einstellungen zu seinem vielleicht berühmtesten Film Paris, Texas gedreht hat. Die Fahrt ist holprig und selbst die Landrover können sich nach einer Weile nicht mehr durch das ruppige Gelände kämpfen, sodass es eine Weile zu Fuß weitergeht. „Dahinten ist das, wo wir hin wollen“, sagt Wenders und deutet auf einen Fleck irgendwo am Horizont, den die Kamera und damit auch der Zuschauer nicht erfassen kann. Es ist der letzte, sehr bezeichnende Satz dieser Dokumentation über einen Künstler, der aufbricht, um, auch wenn dies übertrieben romantisch klingen mag, das Abenteuer zu suchen, die Erfahrung. Ein festes Ziel hat er nicht vor Augen oder weiß nur ungefähr, wo es hingehen soll, denn lieber lässt er sich treiben von dem, was ihm angeboten wird, was ihm seine Darsteller anbieten oder der Ort, an dem der Dreh stattfinden soll. Das Erzählen, so Wenders, könne man sich auch gleich sparen, wenn man das Ende schon kennt, denn so befreie man sich gewissermaßen von der Möglichkeit, eine neue Erfahrung zu machen.

Über die 120 Minuten dieser Dokumentation entsteht das Porträt eines Aussteigers, eines Abenteurers oder eines Desperados, wie Wenders von Patrick Bauchau, seinem Hauptdarsteller aus Der Stand der Dinge, genannt wird. Wenders ist aber nicht nur jemand, der von Kind an in Bildern denkt, der Dinge in den Bildern um sich sieht, die andere, selbst seine Familie, nicht sehen, sondern der sich von ihnen treiben lässt. Nicht unähnlich den Cowboys in den Western eines John Ford oder Anthony Manns, die er so schätzt, gibt es nicht nur den einen Weg, sondern ein Meer voller Möglichkeiten, eine weite Landschaft, die es zu erkunden gilt. Es ist die Geschichte eines Heimatlosen, der sie immer im Film fand und meinte, sie geografisch wie auch emotional in den USA zu finden, doch mit einer Ernüchterung gestraft wurde, die zu vergleichen ist mit der, die Patrick Bauchaus Charakter in Der Stand der Dinge erfährt.

Für den Zuschauer liegt der besondere Reiz dieser Dokumentation nicht alleine im Porträt Wenders, sondern in dem, was sie über die heutige Kunstwelt aussagt. Wenn sich Herzog und Wenders, seit vielen Jahren nicht nur Kollegen, sondern vielmehr Freunde, gegenüber sitzen, diskutieren sie auch darüber, ob man heutzutage noch Filme wie Fitzcarraldo oder Paris, Texas drehen kann, gerade jetzt, wo im Filmgeschäft immer mehr das Kommerzielle zählt und die Freiheit der Streamingdienste vielleicht auch nur ein schöner Schleier ist.

Credits

OT: „Wim Wenders, Desperado“
Land: Deutschland
Jahr: 202
Regie: Eric Friedler, Andreas Frege
Drehbuch: Eric Fredler
Kamera: Thomas Schaefer
Interviews: Patrick Bauchau, Patti Smith, Andie MacDowell, Hanns Zischler, Francis Ford Coppola, Willem Dafoe, Werner Herzog, Bruno Ganz

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Wim Wenders, Desperado
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Wim Wenders, Desperado
„Wim Wenders, Desperado“ ist eine sehenswerte Dokumentation über einen Abenteurer des deutschen Films. Mittels verschiedener Interviews und einer Vielzahl anderem Materials wird nicht nur vom Leben und Werk Wenders' erzählt, sondern auch von seinem Status innerhalb der internationalen Kultur.
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