Kritik

The Nightingale

„The Nightingale – Schrei nach Rache“ // Deutschland-Start: 25. Juni 2020 (DVD/Blu-ray) // 16. Juli 2020 (Kino)

Schon seit einer Weile arbeitet die irische Strafgefangene Irin Clare (Aisling Franciosi) für die britische Armee, die 1825 in Australien gegen die Ureinwohner kämpft. Während der ganzen Zeit hat sie die Misshandlungen hingenommen, die Gewalt, sogar die Vergewaltigung. Doch als Leutnant Hawkins (Sam Claflin) ihren Mann und das Kind ermordet und sie traumatisiert zurücklässt, schwört sie, Rache an ihm und seinen Männern zu nehmen. Und so nimmt sie alles, was sie noch hat, und überredet den Fährtenleser Billy (Baykali Ganambarr) dazu, sie zu der Truppe zu führen – koste es, was es wolle …

Als 2014 Der Babadook von Sundance ausgehend die Festivals und Kritiker im Sturm eroberte, dürfte das zumindest zum Teil auch an der Person dahinter gelegen hat. Regisseurinnen haben nach wie vor einen eher schweren Stand im Filmgeschäft. Wenn dann eine auch noch mit Mitte 40 ihr Spielfilmdebüt im Horrorbereich abgibt, der nun wirklich eine reine Männerdomäne ist, dann ist das immer für eine Schlagzeile gut – so bitter das auch klingen mag. Doch es wäre nicht fair, das Werk allein darauf zu reduzieren, dass hier unytpischerweise mal eine Frau das Sagen hatte. Auch die Mischung aus klassischem Grusel mit Familiendrama und dem Thema der Trauerverarbeitung war so ungewöhnlich, dass der Film seither immer wieder als Referenz für psychologisch motivierten Horror herangezogen wird.

Ein echt harter Stoff
Die Erwartungen waren entsprechend groß, als die Australierin mehr als vier Jahre später mit einem zweiten Film an den Start ging. Auch dieses Mal war Kent Publicity allein schon ihres Geschlechts wegen sicher. Nicht nur, dass sie die einzige Frau war, die im Wettbewerb der Filmfestspiele von Venedig 2018 vertreten war, was zu Recht die Debatte befeuerte, dass mehr für die Gleichstellung getan werden muss. The Nightingale – Schrei nach Rache ist zudem ein ausgesprochen brutaler Film, eine Eigenschaft, die man eher mit Männern in Verbindung bringt. Tatsächlich ist die Geschichte um eine Frau, die Rache an ihren Peinigern geschworen hat, gerade in den ersten Minuten so unerträglich, dass manche im Publikum angewidert den Saal verließen, es teilweise sogar hieß, die Filmemacherin würde das Leid zelebrieren.

The Nightingale ist dabei natürlich mehr als nur ein blutiger Rachethriller einer Frau, selbst wenn der Film ungerechtfertigt manchmal darauf reduziert wird. Stattdessen befasst sich Kent auch hier ausgiebig mit der Psyche ihrer Protagonistin, der nach dem Mord an ihrer Familie nichts mehr geblieben ist. Während in den meisten Filmen dieser Art eine beträchtliche Befriedigung damit einhergeht, wenn nach und nach die menschlichen Monster beseitigt werden, da ist das hier erneut mit Horror verbunden. Ein Horror vor der eigenen Tat. Ein Horror davor, dass das Blutvergießen die Leere nicht ausfüllt, sondern vielmehr in ihrer Gänze deutlich macht. The Nightingale ist ein Film über Rache sowie über die Vergeblichkeit von Rache.

Erinnerung an vergangene Verbrechen
Was den Thriller darüber hinaus so besonders macht, ist wie Kent diese universelle Thematik mit der des englischen Kolonialismus verknüpft. Es geht hier eben nicht nur um Clare, der ein großes Unrecht angetan wurde. Stattdessen wird damit das Unrecht gespiegelt, welches gleichzeitig den Aborigines zuteilwurde, die von den weißen Invasoren versklavt wurden, getötet, ihres Landes beraubt. Das ist bald zwei Jahre nach der Premiere in Venedig noch einmal deutlich aktueller geworden, wenn im Zuge der Black Lives Matter Bewegung auch die nach wie vor ungenügend aufgearbeiteten Verbrechen während der Kolonialzeit thematisiert werden. Billy, der anfangs nur ein Mittel zum Zweck ist, wird hierbei zum Symbol eines beraubten Volkes, eine verdrängte Erinnerung.

Wie schon bei Der Babadook geht das während der über zwei Stunden dauernden Laufzeit mit diversen Konventionen einher. Auch wenn Kent glücklicherweise darauf verzichtet, die Verbindung zwischen Clare und Billy auf eine rein romantische herunterbrechen zu wollen, sie folgt doch brav den Spuren des Buddy Movies. Sind die beiden Hauptfiguren anfangs noch Feinde, so nähern sie sich zuverlässig an, bis die Gemeinschaft aus beidem zum Hauptthema wird. Doch diese filmischen Gesetze sind so gut umgesetzt, dass man das nicht wirklich übel nimmt. Vor allem Aisling Franciosi, die zuvor vor allem in Serien mitgespielt hat, bleibt mit ihrer Wandelbarkeit in Erinnerung, ist mal verletzlich, dann ein wilder Berserker, anmutige Nachtigall und rassistische Urgewalt in einem. Die Figur von Sam Claflin (Die Tribute von Panem – Catching Fire) ist im Vergleich schon sehr eindimensional, nicht mehr als ein übliches Klischee, aber auf eine so beeindruckend verabscheuungswürdige Weise verkörpert, dass man den Horrorpfaden nur zu gerne folgt – selbst wenn diese keine Erlösung bringen.

Credits

OT: „The Nightingale“
Land: Australien
Jahr: 2018
Regie: Jennifer Kent
Drehbuch: Jennifer Kent
Musik: Jed Kurzel
Kamera: Radek Ladczuk
Besetzung: Aisling Franciosi, Sam Claflin, Baykali Ganambarr, Damon Herriman, Harry Greenwood, Charlie Shotwell

Bilder

Trailer

Filmpreise

Preis Jahr Kategorie Ergebnis
AACTA Awards 2019 Bester Film Sieg
Beste Regie Jennifer Kent Sieg
Bestes Drehbuch Jennifer Kent Sieg
Bester Hauptdarsteller Baykali Ganambarr Nominierung
Beste Hauptdarstellerin Aisling Franciosi Sieg
Bester Nebendarsteller Damon Herriman Nominierung
Bester Nebendarsteller Michael Sheasby Nominierung
Bester Nebendarstellerin Magnolia Maymuru Sieg
Beste Kamera Radek Ladczuk Nominierung
Bester Schnitt Simon Njoo Nominierung
Bester Ton Leah Katz, Robert Mackenzie, Dean Ryan, Pete Smith Nominierung
Bestes Szenenbild Alex Holmes Nominierung
Beste Kostüme Margot Wilson Nominierung
Beste Frisuren und Make-up Nikki Gooley, Cassie O’Brien, Larry Van Duynhoven Nominierung
Bestes Casting Nikki Barrett Sieg

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The Nightingale – Schrei nach Rache
4.08 (81.54%) 13 Artikel bewerten

The Nightingale – Schrei nach Rache
Mit „The Nightingale – Schrei nach Rache“ demonstriert Jennifer Kent erneut, dass sie eine der interessantesten Stimmen im Genrekino ist, wenn sie herkömmlichen Rachethriller mit einer Aufarbeitung des fast unerträglich brutalen Kolonialismus-Horrors verbindet. Die Buddy-Movie-Elemente sind zwar recht konventionell, insgesamt ist ihr aber ein beeindruckender und bedrückender Beitrag geglückt.
7von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

Eine Antwort

  1. Andrea Billetter

    The Nightingale war für mich ein zutiefst beeindruckender Film,welcher anhand von drei prägenden Hauptfiguren die Gräueltaten der englischen Kolonialherrschaft an den australischen Ureinwohnern in teils sehr grausamen Bildern darstellt.Die Brutalität der einzelnen Szenen hat seine Berechtigung und ist ein Teil nicht aufgearbeiteter Vergangenheit.Das Schicksal der Hauptfiguren ist dicht beim Zuschauer und hat mich mit einem mehr als dicken Kloß im Hals zurück gelassen.

    Antworten

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