Kritik

Julia und die Geister Giulietta degli spiriti

„Julia und die Geister“ // Deutschland-Start: 4. November 1965 (Kino)

Seit 15 Jahren schon sind Julia (Giulietta Masina) und ihr Mann Giorgio (Mario Pisu) verheiratet und führen ein luxuriöses Leben im Vorort einer Stadt nahe am Meer. Während Giorgio meist bis spät in die Nacht hinein arbeitet, vertreibt sich Julia die Zeit mit ihren Freundinnen und ihrer Mutter (Caterina Boratto) mit Ausflügen an den Strand, dem neuesten Klatsch sowie diversen spiritistischen Diskussionen, da viele von ihnen an Seancen und Beschwörungen glauben. Ihr ansonsten sorgloses Leben macht eine empfindliche Störung durch, als Julia zu ahnen beginnt, dass Giorgio sie hintergeht. Als er schließlich eines Abends im Traum mehrmals den Namen einer fremden Frau ausspricht, beginnt sich ihr Verdacht zu erhärten, doch Giorgio streitet am nächsten Morgen alles ab. In der Hoffnung Unterstützung zu finden sowie eine Form der Bestätigung konsultiert Julia neben ihrer Mutter auch einen Privatdetektiv, doch wirklich lindern tut dies ihren Schmerz nicht. Einzig ihr Glaube an Geister und ihre Visionen können ihr den Trost geben, den sie so dringend benötigt. Doch darüber hinaus können sie ihr auch einen Weg zeigen, sich selbst zu entdecken und sich zu emanzipieren.

Die Dimension der Geister
Nachdem sie schon in La strada und Die Nächte der Cabiria zusammengearbeitet hatten, war es immer der Plan Federico Fellini gewesen, wieder eine Rolle für seine Frau Giulietta Masina zu schreiben. Mit der Figur in Julia und die Geister ergab sich diese Möglichkeit, ausgehend von einem Bild, was am Anfang seines Denkprozesses stand und ihm die Chance gab, das Medium des Farbfilms weiter für sich zu entdecken. Das Resultat ihrer Zusammenarbeit ist ein visuell berauschender Bilderstrom, welcher die Geschichte einer Frau erzählt, die sich kurioserweise über Träume und ihre Fantasie die Möglichkeit schafft, aus einer sie erdrückenden Situation zu befreien.

So richtig warm wurden die Kritiker seinerzeit nicht mit diesem eigenwilligen, bisweilen hermetisch anmutenden Werk Fellinis und nannten es „halb gelungen“. In seinen zahlreichen Gesprächen mit Constanzo Costantini berichtet der berühmte Filmemacher, dass ihn solche Kommentare schon immer irritiert hätten, fand er doch, man tue dem Werk großes Unrecht. Diese Irritation kann man durchaus nachvollziehen, hat Fellini mit Julia und die Geister nichts weniger geschaffen als eine feminine Variante von 8 1/2 oder La dolce vita. Wie bei den von Marcello Mastroianni gespielten Figuren sind es die Träume, Bilder und Fantasien, welche Einblick gewähren in das Innerste des Charakters, in diesem Falle einer Frau, die es sich in der abgeschotteten Welt ihrer eigenen vier Wände zurechtgemacht hat, in der wie es scheint falschen Sicherheit, ihr Mann würde ihr treu bleiben.

Gewissermaßen ist die Bild- und Traumebene nicht mehr nur ein Schlüssel für jene unterdrückten Gefühle, für den Zorn und die Ungeduld, sondern auch für eine Möglichkeit der Befreiung. Innerhalb des filmischen Werkes Fellinis waren es schon immer die Bilder, aus denen die Freiheit sprach, nach denen sich die Figuren sehnten. In Giuliettas Fall sind es nicht nur emanzipatorische Gedanken, sondern auch Abrechnungen mit ihrer Kindheit und Jugend sowie sexuelle Sehnsüchte.

„Dein Gott sei dein Mann.“
Dem gegenüber steht die Welt der High Society, die Fellini mit dem für ihn typischen Gespür für Komik inszeniert. Wirken die Traumbilder wie befreit, sind die Kompositionen Fellinis und seines Kameramanns Gianni Di Venanzo dann wieder beengt, unterstreichen die Grenzen dieser Welt, welche meist durch Männer definiert sind. Wenn ihr ein Medium beschreibt, der Schlüssel zu ihrem Glück liege darin, ihren Mann glücklich zu machen und ihn als Gott anzusehen, riecht man den Mief des Konformismus und Patriarchats, die nun auch nach der spirituellen Dimension des Lebens greifen wollen.

Credits

OT: „Giulietta degli spiriti“
Land: Italien, Frankreich
Jahr: 1965
Regie: Federico Fellini
Drehbuch: Federico Fellini, Ennio Flaiano, Tullio Pinelli, Brunello Rondi
Musik: Nino Rota
Kamera: Gianni Di Venanzo
Besetzung: Giulietta Masina, Sandra Milo, Mario Pisu, Valentina Cortese, Valeska Gert, Caterina Boratto

Bilder

Filmpreise

Preis Jahr Kategorie Ergebnis
Academy Awards 1967 Bestes Szenenbild Nominierung
Beste Kostüme Nominierung
Golden Globe Awards 1966 Bester fremdsprachiger Film Sieg

Filmfeste

Locarno 2007

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Julia und die Geister
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Julia und die Geister
„Julia und die Geister“ ist ein fantasievoller, reichhaltiger Bilderreigen, der sich mit Themen wie Emanzipation und Spiritualität befasst. Federico Fellini erzählt seine Geschichte aus einer betont weiblichen Perspektive, verkörpert von seiner Frau Giulietta Masina, die sich immer mehr gegen die ihr auferlegten Grenzen wehrt und ihre Freiheit in der eigenen Fantasie sucht.
7von 10

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