(„Otto e mezzo“, directed by Federico Fellini, 1963)

„All the confusion of my life… has been a reflection of myself! Myself as I am, not as I’d like to be.”

Der Beginn ist ein Alptraum, eine Szene, die nur aus Schatten zu bestehen scheint. Eine Person befindet sich mitten im Verkehr, in einem Auto, im Stau. Sie ist gefangen, Menschen starren sie an, ihre Gesichter frieren für Millisekunden ein. Plötzlich ist der Wagen von weißem Rauch erfüllt. Versuche des Gefangenen, zu entfliehen scheitern. Zeugen dieser Begebenheit sind die regungslosen Menschen und Gesichter, die Voyeure, die sich diesen Überlebenskampf des bedrohten Individuums hingeben. Arme in weißen Hemden hängen aus einem Bus wie Leichen, die Konturen sind hart, während sich das Innere des besagten Autos immer mehr in Rauch hüllt und der Kampf des Insassen endgültig gescheitert ist. Die Person in dem Auto ist Guido. Und es ist auch Federico Fellini. Denn 8 ½ ist ein autobiographischer Film seines Schöpfers Fellini, der zu diesem Zeitpunkt sechs Langfilme, zwei Kurzfilme und zusammen mit dem Kollegen Alberto Lattuada einen weiteren Spielfilm gedreht hatte – insgesamt acht halbe Filme also.

Es hatte sich eine Idee in den Kopf Fellinis gesetzt – ein Konzept, das einen Film ergeben würde, der noch nie dagewesen sei. Es ging um das Porträt eines Mannes an einem beliebigen Tage seines Lebens in der „widersprüchlichen, vieldeutigen, unfassbaren Summe verschiedener Realitäten, in dem alle Möglichkeiten des Seins, die verschiedenen, übereinander liegenden Ebenen erkennbar werden“, wie der Regisseur selber in dem im Diogenes Verlag erschienen Interviewband „Fellini über Fellini“ erläutert. Doch abseits davon war noch vieles unklar. Und schlimmer als das: in der entscheidenden Phase des Prozesses erlitt Fellini eine Schreibblockade. Er war unfähig zu arbeiten und nur wenige Wochen vor Drehbeginn mit einem Vertrag in der Tasche, schrieb der verzweifelte Filmemacher an seinen Produzenten, dass das Projekt, für das man noch nicht einmal einen Titel habe, abgeblasen werden müsse. Doch der Brief wurde nie abgeschickt, da Fellini vor diesem finalen Schritt zu einer kleinen Feier mit den Leuten eingeladen wurde, die für seinen nächsten Film bereits engagiert worden waren. Nun brachte es der Regisseur nicht fertig, das Projekt abzublasen und damit all seine neuen Freunde arbeitslos zu machen. Wenig später kam ihm die Lösung, wie er dieses Werk nun doch vollenden könne: indem er seine Geschichte erzähle. Die Geschichte eines Regisseurs, der nicht mehr wusste, was er für einen Film machen wollte, da ihm dieser Film entglitten war.

Der porträtierte Regisseur ist Guido (Marcello Mastroianni), der zwischen seinen Liebschaften mit Frauen, Krankheit und anderen für den Arbeitsprozess ungünstigen Umständen versucht, einen Film auf die Beine zu stellen, sich dabei aber immer mehr in Träumen und Erinnerungen verliert. 8 ½ wird zu einer Mischung aus Realität und Fiktion und beide Ebenen verschwimmen von Zeit zu Zeit nahezu unbemerkt. Der Zuschauer erfährt anhand von Kindheitserinnerungen frühe Ursachen für Angstzustände des Protagonisten, die sich des Öfteren bemerkbar machen. Dies geschieht weniger aufgrund von ausschweifenden Dialogen, sondern aufgrund von Gestik, Blicken oder seien es auch nur Dekorationen, Kamerawinkel oder detaillierte Anweisungen, die Rückschlüsse auf den Seelenzustand des Charakters geben können. Nichts in diesem ungewöhnlichen Streifen macht den Eindruck, nur zur bloßen Dekoration an einen bestimmten Platz gestellt zu sein. Ist man sich des Zitats Fellinis bewusst, dass Seelenleben der Hauptfigur auch anhand von Innenausstattungen schildern zu können, wird schnell bewusst, was der Regisseur mit dieser Aussage meinte und auch wenn man nicht die Vielzahl der Symbole deuten kann, wird man allein aufgrund ihrer Vielzahl erstaunt und verblüfft sein, wenn ein gigantischer Spiegel im Flur der Produktionsräume Endlosigkeit und Klaustrophobie gleichsam symbolisiert.

Es ist ein filmisches Experiment, das ein Ergebnis hervorgebracht hat, wie es zuvor nie auf der Leinwand zu bewundern war und das viele Nachahmer gefunden hat. Frisch, experimentell, surrealistisch ist Achteinhalb ein Ereignis, das ein jeder  für sich erleben muss, das in all seiner Vielseitigkeit in einer kurzen Rezension nicht besprochen werden kann, ohne dem Werk damit Unrecht zu tun. Zu groß ist schlicht die Anzahl der Elemente, mit denen sich der Regisseur hier beschäftigt, sei es nur das Burn-Out Syndrom oder die Angst vor dem Älterwerden. Gleichzeitig ist es auch – und zahlreiche Regisseure haben das immer wieder wertschätzend hervorgehoben – eine Hommage an das Filmemachen, indem viel Wahrheit stecke, wenn Guido sich mit einer Schar von Beschäftigten umgeben sieht, die ihn als Regisseur um Rat bitten, der Filmemacher jedoch keine einzige ihrer Fragen beantworten kann. Unter einem Genre nicht einordbar, hat Fellinis Schilderung der Krise eines Intellektuellen noch immer nichts von seiner Bedeutung eingebüßt.

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