Kritik

Die Nächte der Cabiria Le notti di Cabiria

„Die Nächte der Cabiria“ // Deutschland-Start: 4. Oktober 1957 (Kino) // 20. August 2015 (DVD)

Seit vielen Jahren verdient sich Maria Ceccarelli (Giulietta Masina), von ihren Freunden „Cabiria“ genannt, ihren Lebensunterhalt als Prostituierte, träumt aber gleichzeitig von der großen Liebe, die sie eines Tages von diesem Dasein befreien wird. Doch nachdem sie ihr letzter Liebhaber bitter enttäuscht hat, kehrt sie zusammen mit ihrer besten Freundin und Nachbarin Wanda (Franca Marzi) zurück auf die Straßen Roms, wobei sie schwört, nicht noch einmal auf einen solchen Kerl hereinzufallen. Ihr Vorhaben wird jedoch auf die Probe gestellt, als sie auf den bekannten Filmstar Alberto Lazzari (Amedeo Nazzari) trifft, der sich soeben lautstark von seiner Geliebten getrennt hat. Er lädt sie zu sich nach Hause ein, allerdings ist auch dies nur ein weiteres Abenteuer und nicht von Dauer. Schließlich folgt Maria einer Idee ihrer Freundin, nimmt an einer Wallfahrt zu einer Madonna teil und bittet inständig um eine positive Veränderung in ihrem Leben, auch wenn sie sich sicher ist, dass ihr die Gnade Gottes aufgrund ihres Berufes nicht zustehe. Dennoch trifft sie auf den Buchhalter Oscar (François Périer), der aufrichtiges Interesse an ihr hat, war er doch gerührt von einer Vorführung Marias, welche diese eher als demütigend empfand. Aus der Bekanntschaft wird eine ernsthafte Beziehung und wieder beginnt Maria zu hoffen.

Eine flüchtige Vision

Nur wenige Jahre nach La Strada – Das Lied der Straße durfte Federico Fellini für seine insgesamt fünfte Regiearbeit Die Nächte der Cabiria abermals den Oscar für den Besten Fremdsprachigen Film entgegennehmen. Diese wie auch viele andere Ehrungen, vor allem für seine Ehefrau Giulietta Masina und ihre Darstellung der Cabiria, konnten die Enttäuschung etwas mildern, die Fellini noch zuvor mit seinem Werk Die Schwindler erfahren hatte, welcher gemeinhin von Kritik wie Publikum eher verhalten aufgenommen worden war. Thematisch jedoch hatte sich Fellini nicht weit von diesem Werk entfernt, erzählt er doch abermals eine Geschichte von Menschen ohne Orientierung auf der Welt, die sich alleine fühlen und die auf ein Wunder hoffen, welches sie erlösen kann.

Wie in La Strada oder Die Schwindler nehmen jene flüchtigen Momente des Glücks eine zentrale Position innerhalb der Geschichte ein, welche Fellini erzählen will. Bereits in den ersten Minuten des Films wird man als Zuschauer Zeuge eines solchen Momentes, der zunächst wie eine Art Hollywood Happy End anmutet, dann aber umschlägt, als Cabiria von ihrem Freund in einen Fluss gestoßen wird, nachdem dieser ihr die Handtasche entrissen hat. Das Zusammenspiel von Hoffnung und Enttäuschung ist eine Konstante im Leben einer Figur wie Cabiria, wobei sich die Frage stellt, ob es ihre Erwartungen an die Welt und die Menschen oder eben ihre Unschuld sind, die sie anfällig für solche Grausamkeiten macht. Andererseits scheint sie an solche Vorkommnisse gewöhnt zu sein, diesen Kreislauf in ihrem Leben, benötigt sie doch nur wenige Momente, um ihr Heim von allen Beweisen für die vorherige Beziehung zu „reinigen“.

Hoffnung und Gnade

Vielleicht ist es den gerade beschriebenen Momenten geschuldet, dass Filmkritiker wie beispielsweise Phil Kemp Die Nächte der Cabiria noch teilweise dem Neorealismus zuordnen, von dem sich Fellini mit jedem seiner ersten fünf Filme mehr und mehr entfernen wollte. Das Glück ist, wie jener Moment auf der Bühne, nur eine flüchtige Vision oder eben anderen vorbehalten, sodass jemand wie Cabiria nur durchs Schlüsselloch in diese andere Welt hinüberschauen kann, wie sie es in der Wohnung des Filmstars macht. Nach wenigen Momenten erfolgt das Erwachen, das Hinauskomplimentieren sowie das ernüchternde Licht des Morgens sowie die Rückkehr zum Haus, welches naturgemäß ebenso alleine und isoliert wirkt wie die Hauptfigur.

Immer wieder fragt man sich, ob das, was Oscar ihr als Unschuld auslegt, letztlich nicht doch eine Form gefährlicher Naivität ist, die in der Welt, in welcher Cabiria lebt, unangemessen und gefährlich ist. Hier zeigt sich die Spannung, die viele der Werke Fellinis ausmacht, sucht er doch nach jenen Werten in der Welt, wie sie seine Filme zeigen, in den Randbezirken Roms wie auch den Villengegenden. Vielleicht ist diese nur eine Floskel der Kirche und der Religion, einer Institution, zu der Fellini schon immer eine eher zwiespältiges Verhältnis hatte, damit der Klingelbeutel gefüllt wird oder doch eher eine Tugend, die den Menschen gehört, wie jenem namenlosen Mann, der die Obdachlosen und Gefallenen mit Brot versorgt.

Credits

OT: „Le notti di Cabiria“
Land: Italien, Frankreich
Jahr: 1957
Regie: Federico Fellini
Drehbuch: Federico Fellini, Ennio Flaiano, Tullio Pinelli, Pier Paolo Pasolini
Musik: Nino Rota
Kamera: Aldo Tonti
Besetzung: Giulietta Masina, François Périer, Amedeo Nazzari, Aldo Silvani, Franca Marzi, Dorian Gray

Bilder

Trailer

Filmpreise

Preis Jahr Kategorie Ergebnis
Academy Awards 1958 Bester fremdsprachiger Film Sieg
BAFTA Awards 1959 Bester fremdsprachiger Film Nominierung
Beste ausländische Darstellerin Giulietta Masina Nominierung
Cannes 1957 Goldene Palme Nominierung
Beste Darstellerin Giulietta Masina Sieg
David di Donatello Awards 1957 Beste Regie Federico Fellini Sieg
Beste Produktion Sieg

Kaufen/Streamen

Bei diesen Links handelt es sich um sogenannte Affiliate-Links. Bei einem Kauf über diesen Link erhalten wir eine Provision, ohne dass für euch Mehrkosten entstehen. Auf diese Weise könnt ihr unsere Seite unterstützen.




(Anzeige)

Die Nächte der Cabiria
„Die Nächte der Cabiria“ ist ein Drama über Gnade, Hoffnung und Unschuld. Mit einer großartigen Giuliette Masina in der Hauptrolle erzählt Federico Fellini von der Suche nach diesen Werten in der Welt, fragt sich, ob es sich nur um flüchtige Momente handelt, ob es sie gibt und ob wir sie auf Dauer für uns beanspruchen können.
8von 10

Über den Autor

Freier Autor

Hinterlasse eine Antwort