Kritik

Irresistible Unwiderstehlich

„Irresistible – Unwiderstehlich“ // Deutschland-Start: 6. August 2020 (Kino)

Gary Zimmer (Steve Carell) ist einer der Top-Strategen der demokratischen Partei in den USA und als solcher immer auf der Suche nach einer Möglichkeit, Wähler auf seine Seite zu ziehen. Und eine solche Möglichkeit meint er, in Jack Hastings (Chris Cooper) gefunden zu haben, der in der abgelegenen Kleinstadt Deerlaken in einem umkämpften Bundesstaat eine leidenschaftliche Rede gegen Fremdenhass führt. Überzeugt, dass der pensionierte Marine-Oberst der Schlüssel sein könnte, um die verlorene ländliche Bevölkerung für sich zu gewinnen, reist Zimmer nach Deerlaken. Dort gelingt es ihm tatsächlich, Hastings zu einer Kandidatur für das Amt des Bürgermeisters zu überreden und arbeitet mit ihm und seiner Tochter Diana (Mackenzie Davis) an einer Kampagne. Die ist erfolgreich. So erfolgreich, dass Zimmers Erzfeindin Faith Brewster (Rose Byrne) von den Republikanern anreist, um ihrerseits in den Wahlkampf einzugreifen …

Wenn uns die letzten Jahre eines gezeigt haben, dann das: Man kann so ziemlich alles politisieren, was in der Welt passiert. Ob es nun die Flüchtlingsthematik ist, eine weltweite Virus-Pandemie, die Medienlandschaft oder Klimaschutz – es findet sich für alles eine Möglichkeit, es politisch zu nutzen, und jemanden, der gewillt ist, das zu nutzen. Selbst das Tragen einfacher Masken wird da zu einem politischen Statement stilisiert und letztendlich missbraucht. Dieser Trend ist natürlich weltweit zu sehen, doch nirgends wohl mehr als in den USA, einer Gesellschaft, die wie kaum eine andere geteilt und von täglichen Grabenkämpfen geprägt ist. Da geht es dann oft nicht mehr um Themen oder Überzeugungen, sondern darum den Gegner zu schlagen.

Beide Seiten sind irgendwie doof
Da ist es doch passend, wenn im Jahr der Präsidentschaftswahl, die von nicht wenigen als richtungsentscheidende Jahrhundertwahl angesehen wird, mit Irresistible – Unwiderstehlich ein Film zu dem Thema rauskommt. Genauer geht es um einen Ort in Wisconsin, einem der sogenannten Swing States, bei denen die Machtverhältnisse zwischen den beiden großen Parteien immer wieder wechseln und die entsprechend hart umkämpft sind. Regisseur und Drehbuchautor Jon Stewart hat dabei jedoch nicht vor, einen tieferen Einblick in die Mechanismen der US-Politik zu gewähren. Er macht sich lieber gleich darüber lustig, indem er die meisten Figuren, die hier irgendwann auf der Leinwand zu sehen sind, kräftig durch den Kakao zieht, das Drumherum gleich mit.

Anders als man vielleicht erwarten können, verzichtet Stewart dabei auf einen starken Kontrast zwischen den beiden Parteien. Der Comedian, der gerade auch durch seine politische Satire als Gastgeber der The Daily Show berühmt geworden ist, setzt zwar durchaus auf Gegensätzlichkeit. Das betrifft jedoch weniger Zimmer und Brewster, die teilweise sehr ähnlich auftreten, sondern vielmehr den zwischen dem politischen Betrieb und der einfachen Bevölkerung. Das kann mal ganz bissig sein, wenn deutlich wird, dass die Menschen letztendlich nur ein Mittel zum Zweck sind, unabhängig von der politischen Gesinnung. An anderen Stellen läuft es hingegen auf eher harmlose Culture-Clash-Comedy im Sinn von Cars oder Willkommen bei den Scht’is hinaus.

Der tägliche Kulturkampf
Auch das kann natürlich ganz amüsant sein, nicht ohne Grund werden diese Witze seit Ewigkeiten immer wieder in Filmen genutzt. Aber es fehlt dann doch das Besondere. Dass ein Stadtmensch erst einmal mit der WiFi-Versorgung kämpft, haben wir beispielsweise in den letzten Jahren einfach schon zu oft gesehen. Allgemein hätte Irresistible – Unwiderstehlich gerne noch schärfer sein können. So wie The Hunt vor einigen Wochen, das als echter Skandalfilm verkauft wurde, fehlt dann doch der Mut zu einer echten Hässlichkeit. Man will lieber ein bisschen Spaß haben, begnügt sich damit, zwischendurch immer mal wieder ein bisschen zu stochern und zu piksen, ohne dass es jemanden ernsthaft weh tun könnte.

Wenn Irresistible – Unwiderstehlich doch noch sehenswert ist, dann liegt das in erster Linie an zwei Punkten. Zum einen hat Stewart ein tolles Ensemble um sich geschart. Steve Carell (Space Force) gefällt ebenso als manipulativer Stratege wie die genussvoll-böse auftretende Rose Byrne (Bad Neighbors) als sein Gegenpart. Auch bei den Nebenfiguren gibt es ein paar schöne Einfälle. Der zweite Grund ist, dass Stewart nach einer zwischenzeitlichen Schwäche gegen Ende hin ein paar unerwartete Wendungen und Überraschungen eingebaut hat, die vieles noch mal auf den Kopf stellen und tatsächlich eine Aussage mit sich bringen. Selbst wenn der Film damit unter den Erwartungen bleibt, er ist ein vergnüglicher, augenzwinkernder Beitrag in einem Jahr, das nicht gerade arm an hässlichen Auseinandersetzungen ist.

Credits

OT: „Irresistible“
Land: USA
Jahr: 2020
Regie: Jon Stewart
Drehbuch: Jon Stewart
Musik: Bryce Dessner
Kamera: Bobby Bukowski
Besetzung: Steve Carell, Chris Cooper, Mackenzie Davis, Rose Byrne, Topher Grace, Natasha Lyonne

Bilder

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Irresistible – Unwiderstehlich
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Irresistible – Unwiderstehlich
In „Irresistible – Unwiderstehlich“ wird eine abgelegene Kleinstadt zum Mittelpunkt des US-Wahlkampfes. Das Ergebnis ist zwar nicht so bissig wie erhofft, da zeitweise zu sehr auf harmlose Culture-Clash-Comedy gesetzt wird. Insgesamt macht die Satire aber Spaß und ist ein augenzwinkernder Kommentar auf eine sehr hässlich politisierte Gesellschaft.
7von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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