Kritik

Tarantino The Bloody Genius

„Tarantino – The Bloody Genius“ // Deutschland-Start: 16. Januar 2020 (DVD/Blu-ray)

Der Zeitpunkt war eigentlich gut gewählt. Nachdem Quentin Tarantino mit The Hateful 8 2015 einen kleinen Durchhänger hatte, sowohl an den Kinokassen wie bei den Kritikern, kehrte er 2019 wieder mit Once Upon a Time in … Hollywood an die Spitze zurück und damit auch ins Bewusstsein der Öffentlichkeit. In dem Film blickte er zurück auf das Kino Ende der 1960er, huldigte dieser Zeit und seinen Einflüssen. Da passte es doch ganz gut, als zeitgleich eine Dokumentation erschien, die sich selbst mit der filmischen Vergangenheit des Regisseurs auseinandersetzte. Genauer lässt Tarantino – The Bloody Genius die vorangegangenen ersten acht Filme Tarantinos Revue passieren, weshalb der Titel im Original auch ganz schlicht QT8: The First Eight heißt.

Tarantino selbst taucht dabei, was viele überraschen oder enttäuschen dürfte, gar nicht in dem Film auf. Regisseurin Tara Wood verzichtete darauf, den berühmten Kollegen vor die Kamera holen zu wollen. Ihr Ziel war es, einen Film über Tarantino zu machen, nicht mit ihm. Grundsätzlich ist das ein durchaus nachvollziehbarer Weg, zumal es sie zumindest der Theorie nach deutlich unabhängiger machen dürfte. Denn wenn Künstler in ein Werk einbezogen werden, dann fehlt praktisch zwangsweise eine kritische Distanz. Umso bedauerlicher ist, dass Tarantino – The Bloody Genius auch so darauf verzichtet. Anstatt Tarantino zu befragen, lässt Wood in erster Linie Schauspieler und Schauspielerinnen zu Wort kommen, die alle mit ihm gearbeitet haben und nur Positives über ihn berichten.

Keine Kritik, bitte!
Ob Wood bei ihrer Arbeit keinen kritischen Tönen begegnet ist oder sie diese am Schneidetisch einfach wegzensiert hat, darüber kann man nur spekulieren. Tatsache ist jedoch, dass Tarantino – The Bloody Genius über weite Strecken eine dieser sehr typischen Künstler-Dokus ist, die sich vor lauter Ehrerbietung zu reinen Werbevideos degradieren – siehe zuletzt auch das ähnlich unkritische, sehr einseitige Suzi Q. Gerade zu Beginn ist die Heldenzeichnung derart offensiv, dass man, sofern man nicht selbst ein glühender Verehrer ist, am liebsten gleich wieder ausschalten will. Nicht allein, dass sämtliche Interviewten voll des Lobes sind. Die Lobpreisungen sind sich auch noch so ähnlich, als würden wir einem Casting zusehen: Tarantino sucht den Superfan.

Dabei gäbe es durchaus Punkte, an denen man kritisch hinterfragen darf. Teilweise spricht Tarantino – The Bloody Genius diese auch an, lässt aber keine Diskussion zu. Wenn Spike Lee sich an dem exzessiven Gebrauch des Wortes „Nigger“ stört, und deshalb Tarantinos FIlms boykottiert, wird er von Jamie Foxx, der in Django Unchained die Hauptrolle spielte, als alter Mann beschimpft. Politische Korrektheit zerstöre die Kreativität, so die Aussage. Gleiches gilt für ein anderes Merkmal von Tarantinos Filmen, die völlig überzogene Gewaltdarstellung. Das gehört halt so, da wird kurz mit den Schultern gezuckt. Ist doch alles nicht echt. Überlegungen zu der Verantwortung von Filmemachern, die zwar nicht die Realität abbilden, aber Einflüsse auf diese haben, die sind mit den hier befragten Leuten nicht zu machen, zumindest nicht vor der Kamera.

Ein flüchtiger Schatten
Nur an einer Stelle wird das mit dem Wegwischen nicht ganz so einfach: Tarantino war jahrelang befreundet mit Harvey Weinstein, jenem mächtigen Produzenten, der lange über Hollywood herrschte, bis er im Zuge der #MeToo-Bewegung doch noch seiner diversen Vergehen und sexuellen Übergriffe angeklagt wurde. Im Anschluss sagte sich der Regisseur von dem Mann fort, der jahrelang auch seine Filme produziert hatte. Dass ein ebenfalls mächtiger Filmemacher tatenlos zusah, obwohl er – so viel wird hier zumindest angedeutet – Bescheid wusste und in der Position gewesen wäre, etwas zu tun, das lässt sich mit keinem „Nigger“ oder Ausführungen zur künstlerischen Selbstentfaltung abtun. Hier wird auch deutlich, dass der Dokumentarfilm eigentlich schon vor dem Skandal entstand – er hätte sogar über die Weinstein Company erscheinen sollen – und später noch irgendwie mit der sich veränderten Situation in Einklang gebracht werden musste.

Das alles sind Punkte, die den Spaß an der Doku schmälern, der an und für sich durchaus vorhanden ist. Da gibt es unterhaltsame Anekdoten, welche mit dem Publikum geteilt werden, dazu Auftritte einiger großer Stars wie Samuel L. Jackson und Christoph Waltz, die sich an die gemeinsame Zeit erinnern und denen man gerne zuhört. Das passt dann auch irgendwie ganz gut zu den Filmen von Tarantino, die auf unterhaltsame Weise die Vergangenheit wiederaufleben lassen, einerseits detailverliebt sind und doch in einer eigenen Welt existieren. Eine Welt, in der man andere Menschen brutal ermorden und sich Beschimpfungen an den Kopf werfen kann, und dabei doch seinen Spaß haben darf. Für Fans lohnt sich Tarantino – The Bloody Genius dann auch, wenn sie zusammen mit Schauspielern und Schauspielerinnen eine filmische Zeitreise starten. Es bleibt nur eben eine sehr oberflächliche Zeitreise, die dem Publikum eine gute Zeit bereiten will, während der Informationsgehalt eher zweitrangig ist.

Credits

OT: „QT8: The First Eight“
Land: USA
Jahr: 2019
Regie: Tara Wood
Musik: Doran Danoff, Tyler Wenzel
Kamera: Jake Zortman
Interviews: Samuel L. Jackson, Tim Roth, Jennifer Jason Leigh, Jamie Foxx, Christoph Waltz, Eli Roth, Michael Madsen

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Tarantino – The Bloody Genius
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Tarantino – The Bloody Genius
„Tarantino – The Bloody Genius“ blickt zurück auf die ersten acht Filme von Quentin Tarantino und spricht mit einer Reihe von Schauspielern und Schauspielerinnen, die in diesen mitgewirkt haben. Eine wirkliche Auseinandersetzung mit den Werken oder dem Regisseur findet jedoch nicht statt, da ein Großteil der Dokumentation aus unkritischen Lobhudeleien besteht. Die Anekdoten machen Spaß, gerade als Fan, wirklich befriedigend ist der Film jedoch nicht.
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Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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