Kritik

Suzi Q

„Suzi Q“ // Deutschland-Start: 3. Juni 2020 (VoD) // 4. Juni 2020 (Kino) // 7. August 2020 (DVD)

Wenn irgendwo doch noch mal eine CD aufgelegt werden sollte, auf einer Partie oder Vereinsfeier, die den guten alten Classic Rock beschwört, dann stehen die Chancen gut, dass ihre Stimme zu hören ist: Suzi Quatro. Heute erinnern sich eher wenige an sie, einer jungen Generation ist sie fremd geworden, wie gleich zu Beginn der ihr gewidmeten Dokumentation Suzi Q festgehalten wird. Doch in den 1970ern war das anders, da war sie zumindest in Europa ständig an der Spitze der Charts anzutreffen, Lieder wie Can the Can oder Devil Gate Drive gelten als absolute Klassiker. Und das war alles andere als selbstverständlich, zu ihrer Zeit waren Frauen an Gitarren, waren Rockerinnen im allgemeinen, eine Seltenheit. Inzwischen hat sich das natürlich geändert, weshalb ihr Sonderstatus heutzutage nicht mehr viel zählt. Oder nicht genug, wenn es nach einigen Interviewten geht. Und nach Liam Firmager natürlich auch.

Viele Fans auf einem Haufen
Der Regisseur tritt zwar nicht selbst auf, lässt aber an seiner eigenen Bewunderung für die Sängerin keinen Zweifel. Und so wählte er für seinen Film auch ausschließlich Aufnahmen, in denen gerade Kollegen und Kolleginnen aus dem Musikgeschäft sich gegenseitig übertrumpfen in ihren retrospektiven Lobpreisungen. Unentwegt darf das Publikum auf diese Weise lernen, dass es damals niemand Vergleichbaren gab und Suzi Quatro für viele andere die Türen geöffnet hat, darunter für die Frauenrockgruppe The Runaways, der die ebenfalls ausgesprochen erfolgreichen Sängerinnen Joan Jett und Lita Ford entstammen und die beide zu den zahlreichen Fans gehören, die in Suzi Q vor die Kamera treten. In Maßen geht das in Ordnung, gerade auch wenn man wie Quatro seinerzeit gegen Klischees und Sexismus antreten musste – mehr noch als heute. Gleichzeitig ist es ausgesprochen irritierend, wie sehr der Dokumentarfilm diese Pionierarbeit betont.

Andere wichtige Rocksängerinnen werden in Suzi Q völlig ignoriert, die zwischen Quatro und Jett für wichtige Impulse sorgten: Patti Smith, Stevie Nicks und Chrissie Hynde. Vor allem aber das Fehlen der Wilson-Schwestern Ann und Nancy von Heart ist schon auffällig, die kurze Zeit später die Rockbühne betraten und bis weit in die 90er Jahre relevant blieben, während ihre Landsfrau völlig in Vergessenheit geriet. Aber das würde nicht in die in dem Film fortlaufend betonte Narrative passen, dass die USA in den 70ern für Rock-Frauen nicht empfänglich waren. Denn Heart schafften damals mit ihren Alben in den USA in die Top 10, während sich für Quatro niemand wirklich erwärmen konnte. An einer Stelle wird zwar überlegt, ob dies nicht vielleicht auch mit der amerikanischen Ablehnung vom Glam Rock zusammenhängen könnte, doch der Gedanke wird gleich wieder verworfen. Die USA waren einfach nicht so weit für weiblichen Rock, wird sich gegenseitig zugenickt.

Persönliche Fragestellungen
Als Zeitporträt der damaligen Musikszene ist Suzi Q daher nur wenig zu gebrauchen. Anstatt tatsächlich auf die Musik einzugehen, wird die Sängerin auf ihre Erfolge und ihre Erscheinung reduziert – auch von ihren Fans –, was dem Thema kaum gerecht wird. Interessanter ist da schon, wenn Firmager doch mal einen Blick hinter die Reklame wagt und beispielsweise mehr über das Leben von Quatro erzählt. Dass ursprünglich auch ihre Schwestern ins Musikgeschäft wollten und gemeinsam mit ihr auftraten, nur sie jedoch zum Star wurde, das hat Spuren hinterlassen, die selbst Jahrzehnte später zu sehen und zu hören sind. Auch ihr eigenes Privatleben als Ehefrau und Mutter findet Erwähnung.

Am spannendsten sind aber die späteren Experimente von Quatro, als sie etwa zum Ensemble der Sitcom Happy Days stieß oder auch in Musicals auftrat. Das passte natürlich nur wenig zum Rockerimage, was einige interessante Fragen provoziert. War das vorher alles nur Pose? Kann jemand mehrere Musikstile verfolgen und dabei gleichzeitig die Glaubwürdigkeit bewahren? Suzi Q zufolge waren auch diese musikalischen Ausflüge Ausdruck einer inneren Unabhängigkeit, weitere Beispiele für eine Frau, die immer nur ihr Ding durchgezogen hat. Dieser Ansicht kann man nun folgen oder nicht, die zweite Hälfte des Dokumentarfilms sorgt aber zumindest für eben diese Wiederhaken, die man in der ersten Hälfte schmerzlich vermisst. Immerhin, die nostalgische Stimmung ist da, Quatro selbst ist zudem so charismatisch und im fortgeschrittenen Alter noch so lebendig, dass diese Geschichtsstunde trotz der inhaltlichen Fragwürdigkeiten meist Spaß macht.

Credits

OT: „Suzi Q“
Land: Australien
Jahr: 2019
Regie: Liam Firmager
Kamera: Liam Firmager, Jack Eaton, James Nuttal, David Richardson

Bilder

Trailer

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Suzi Q
„Suzi Q“ erinnert an die charismatische Rocksängerin Suzi Quatro, die in den 70er Jahren in Europa ein großer Star war und dabei Pionierarbeit betrieben hat. Leider ist die Doku gerade in der ersten Hälfte einseitige Heldenverehrung, welche die Chancen auf ein Zeitporträt sträflich vernachlässigt. Sobald es in der zweiten Hälfte persönlicher und nachdenklicher wird, steigert sich der Film jedoch merklich.
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Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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