Kritik

Gingers Tale

„Ginger’s Tale“ // Deutschland-Start: nicht angekündigt

Schon lange träumte Potter davon, einmal ein großer Töpfer werden. Doch während seine Freunde alle auf ihre Weise mit ihrem Handwerk erfolgreich sind, da will bei ihm einfach nichts klappen. Sein Schicksal scheint sich eines Tages zu wenden, als ihm per Zufall ein magischer Feuerstein in die Hände fällt, den die Königin vor Jahren verloren hat und seither eifrig sucht. Aus gutem Grund: Wer diese Steine besitzt, der kann mit ihnen Gold erzeugen und seine Jugend und Schönheit bewahren! Allerdings verleihen sie auch dazu, gierig zu werden, rücksichtslos und brutal. Tatsächlich verändert sich der Töpfer mit der Zeit, aus einem freundlichen, hilfsbereiten Jungen wird ein selbstsüchtiger Despot. Und nur Ginger, seine Freundin aus Kindheitstagen, kann ihm jetzt noch helfen …

2020 fiel das Programm der Online-Variante vom traditionsreichen Annecy Animationsfestival dadurch auf, dass es sehr viele ungewöhnliche Titel enthielt, von kurios bis komplett bizarr. Ganz auf eher herkömmliche Filme musste man als Zuschauer dann aber doch nicht verzichten. Einer dieser herkömmlichen Filme: Ginger’s Tale. Wie andere Animationswerke aus Russland – siehe etwa Die Schneekönigin – orientierte man sich hier an klassischen Märchen. Zwar verzichtet Regisseur und Co-Autor Konstantin Shchekin darauf, eine konkrete, bekannte Vorlage zu verwenden. Doch das Gefühl bleibt, dass man den Film irgendwie schon einmal gesehen hat. Oder auch mehrfach.

Das kenn ich doch!
Das fängt schon bei den Bildern an, die an Disney-Zeichentrickfilme von einst erinnern, wenngleich sie natürlich nicht deren Niveau erreichen. Die böse Königin beispielsweise, ist eine Mischung aus Cruella aus 101 Dalmatiner und Yzma aus Ein Königreich für ein Lama. Dazu gibt es typische Elemente wie ein eigensinnigen tierischen Sidekick – hier eine Katze mit Gewichtsproblemen. Zwischenzeitlich darf sogar gesungen werden. Allerdings hat man dabei das Gefühl, dass es sich mehr um Pflichtübungen handelte, weniger um echte Herzensarbeit: Shchekin und sein Team haben sich nicht sonderlich viel Mühe gegeben, diese Elemente stimmig einzubauen.

Bei der Moral von der Geschichte war ohnehin nicht mehr als Standard drin. So wichtig es natürlich ist, die Menschen daran zu erinnern, dass Reichtum nicht alles im Leben ist, so wenig spannend ist das. Zumal der Film, wohl aus Rücksicht für die junge Zielgruppe, die klare Ansagen braucht, auf irgendwelche Graubereiche verzichtet. Die Königin wird von Anfang an als böse dargestellt, das gewonnene Gold von Potter erweckt nicht einmal den Anschein, als wäre es für etwas gut. Auf die Weise soll keiner in Versuchung geführt werden, vielleicht doch mit den Münzen und den damit verbundenen Möglichkeiten zu liebäugeln.

Was vom guten Menschen übrig blieb
Was Ginger’s Tale hingegen schön herausarbeitet, das ist die zunehmende Korrumpierung von Potter. Während er früh als ein freundlicher und hilfsbereiter Junge dargestellt wird, verwandelt er sich unter dem Einfluss des Goldes und damit der Macht in einen weniger erfreulichen Menschen. Der Film verurteilt diese Wandlung und das Verhalten eindeutig, allein schon durch die Reaktion von Ginger, zeigt aber auch, dass dies nicht allein auf einen schlechten Charakter zurückzuführen ist. Vielmehr erliegt Potter der Versuchung, einen einfachen Weg zum Glück zu nehmen, endlich auch mal von anderen bewundert zu werden, anstatt der einzige zu sein, dem nichts gelingen will.

Dazu gesellen sich andere positive Elemente. Die Königin ist beispielsweise bei all ihrer Grausamkeit schon auch witzig, gerade im Zusammenspiel mit ihrem Gehilfen, der ständig die seltsamsten Geräte entwickelt. Da auch die Optik insgesamt ganz nett anzuschauen ist, reicht es bei Ginger’s Tale doch noch für das solide Mittelfeld. Der Film hätte nur deutlich besser sein können mit mehr Detailarbeit am Drehbuch, welches sich zu oft nicht die Mühe macht, einzelne Punkte auszuarbeiten – was auch beim seltsam überhasteten Ende negativ auffällt. Schade ist außerdem, dass der Film zwar der Protagonistin gewidmet ist, die bis zum Schluss für ihren Freund kämpft, ihr ansonsten aber nur wenig echte Persönlichkeit zugesteht.

Credits

OT: „Ginger’s Tale“
Land: Russland
Jahr: 2020
Regie: Konstantin Shchekin
Drehbuch: Tatyana Ilyina, Konstantin Shchekin, Ekaterina Mikhailova
Musik: Arthur Baido

Trailer

Filmfeste

Annecy 2020

Kaufen/Streamen

Bei diesen Links handelt es sich um sogenannte Affiliate-Links. Bei einem Kauf über diesen Link erhalten wir eine Provision, ohne dass für euch Mehrkosten entstehen. Auf diese Weise könnt ihr unsere Seite unterstützen.




(Anzeige)

Ginger’s Tale
3.64 (72.86%) 14 Artikel bewerten

Ginger’s Tale
„Ginger’s Tale“ erzählt von einem erfolglosen Töpfer, der dank eines magischen Steins zu Reichtum kommt und dadurch korrumpiert wird. Die Moral ist wie so vieles an dem russischen Animationsmärchen nicht sonderlich originell, vieles im Film hätte stärker ausgearbeitet werden müssen. Die ansprechenden Bilder und einige gute Elemente reichen aber aus fürs solide Mittelfeld.
6von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

Hinterlasse eine Antwort

Deine Email Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.