Kritik

„Die Tochter des Spions“ // Deutschland-Start: 2. Juli 2020 (Kino)

Filme oder auch Serien rund um das Agentendasein erfreuen sich nach wie vor großer Beliebtheit, Figuren wie James Bond und Ethan Hunt begleiten uns schon seit Jahrzehnten. Aus gutem Grund: Unsere Helden und Heldinnen reisen durch die Welt, sehen die exotischsten Orte und erleben aufregende Abenteuer, die uns ein bisschen aus dem drögen Alltag reißen. Dass das Leben im Auftrag des Geheimdienstes in der Realität vermutlich anders aussieht, nicht ganz so viele halsbrecherische Verfolgungsjagden zu Land, zu Wasser und in der Luft beinhaltet, dessen mögen wir uns insgeheim bewusst sein. Aber es ist uns egal, es betrifft uns ja nicht.

Das Leben mit dem Doppelleben
Ieva Lesinska hat es betroffen, wenn auch unfreiwillig. Ihr Vater ließ sich 1958 wenige Monate nach ihrer Geburt beim KGB zum Agenten ausbilden und sollte später mit seiner Familie in Westdeutschland eine geheime Identität erhalten. Dazu kam es am Ende nie, Karriere beim sowjetischen Geheimdienst machte er dennoch. Aber auch beim CIA: Viele Jahre arbeite er als Doppelagent für beide Seiten, bis er 1978 offiziell zu den USA überlief und zusammen mit seiner neuen Frau eine andere Identität erhielt. Und Ieva gleich mit, im Alter von zwanzig Jahren musste sie lernen, plötzlich jemand ganz anderes zu sein, ihre Vergangenheit hinter sich zu lassen, ein Leben zu führen, das komplett erfunden wurde.

Das Regieduo Jaak Kilmi und Gints Grūbe erzählt gemeinsam mit Lesinska diese Geschichte nach, die voller Wendungen und Neubeginne steckt und durchaus auch Stoff für einen „echten“ Agentenfilm liefern würde. Gleichzeitig bedeutet Die Tochter des Spions aber auch eine Spurensuche. Die heute in Lettland lebende Agententochter nutzt die Gelegenheit der Dokumentation, um Antworten zu geben und Antworten zu suchen. Wer war ihr Vater eigentlich? Was hat er im Auftrag des CIA alles gemacht? Und was war die Ursache für seinen frühen und irgendwie unerklärlichen Tod, der einige Jahre nach dem Seitenwechsel eintrat?

Die Bilder der Erinnerung
Antwort erhoffte man sich von den offiziellen Akten, die dreißig Jahre später eigentlich zugänglich hätten sein sollen, es aber immer noch nicht sind. Auch die Gespräche mit anderen bringen nicht wirklich viel Greifbares mit sich. Wer sich von Die Tochter des Spions daher eine große Enthüllungsgeschichte erhofft, der dürfte enttäuscht sein, so wie sich auch Lesinska mehr erwartet haben dürfte, als das Projekt begann. Das bedeutet jedoch nicht, dass der Film als solches gescheitert ist. An Stelle der aufklärenden Worte treten hier nicht nur Mutmaßungen und Verschwörungstheorien, sondern auch eine aktive Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit.

Tatsächlich ist der Dokumentarfilm, der bei den Nordischen Filmtagen Lübeck 2019 lief, auch als Rekonstruktion der eigenen Erinnerungen interessant. Lesinska, die als Übersetzerin und Journalistin arbeitet, lässt uns daran teilhaben, wie es ist, als Angehörige eines Agenten zu leben. Was macht es mit einem, wenn man seine eigene Identität ablegen muss? Wenn man zwischen zwei Supermächten steht? Wenn man nie Zugang zum eigenen Vater fand? Mit einer Mischung aus Fotografien, nachgestellten Szenen und Erzählungen lässt sie die Vergangenheit wiederaufleben, in all ihren Bruchstücken, in all ihrer Widersprüchlichkeit. Darin gibt es dann zwar keine Verfolgungsjagden oder exotische Orte. Auf seine Weise ist aber auch Die Tochter des Spions spannend, als kurzer Blick hinter die Kulissen des Kalten Krieges und was es bedeutete, dort leben zu müssen.

Credits

OT: „My Father the Spy“
Land: Lettland, Deutschland, Estland, Tschechische Republik
Jahr: 2019
Regie: Jaak Kilmi, Gints Grūbe
Drehbuch: Jaak Kilmi, Gints Grūbe
Musik: Janek Murd, Jan Trojan
Kamera: Aigars Sērmukšs, Roland Wagner

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Die Tochter des Spions
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Die Tochter des Spions
In „Die Tochter des Spions“ erinnert sich eine Frau daran, wie es war, als Tochter eines Mannes zu leben, der sowohl für den KGB wie auch die CIA arbeitete. Definitive Antworten findet man hierbei nicht, dafür ist der Dokumentarfilm als Rekonstruktion von Erinnerungen und eines gespaltenen Lebens spannend.
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Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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