Kritik

Play Nur ein Spiel

„Play – Nur ein Spiel?“ // Deutschland-Start: 24. Januar 2013 (Kino)

Es ist ein ganz normaler Tag für die drei Jungs Sebastian (Sebastian Blyckert), John (John Ortiz) und Alex (Sebastian Hegmar). Sie streifen durch das Einkaufszentrum in Göteborg, unterhalten sich über alles Mögliche, bis sie von einer Gruppe Jugendlicher angesprochen werden. Ein Handy sei dem Bruder von einem von ihnen gestohlen werden und das der Jungs sehe dem verdächtig ähnlich. Zuerst versuchen die drei, der Sache aus dem Weg zu gehen, suchen Zuflucht in einem Café. Doch die Jugendlichen geben nicht auf und verfolgen die drei weiter durch die Stadt …

Ruben Östlund ist niemand, der es seinem Publikum wirklich einfach machen würde – oder wollte. Immer wieder befasst er sich mit Rollenbildern, konfrontiert mit Klischees, zwingt uns, etwas genauer hinzuschauen. Zuletzt nahm der schwedische Filmemacher in The Square (2017) satirisch den Kunstbetrieb auseinander, mitsamt der selbstverliebten Wichtigtuer. Zuvor zeigte er in Höhere Gewalt (2014), wie ein Mann im Angesicht der Gefahr seine Familie verlässt, was im Anschluss nicht nur seinem Selbstbild, sondern auch dem Familienleben nachhaltig schadet. Doch der kontroverseste Film war sicherlich Play – Nur ein Spiel?, den er drei Jahre zuvor gedreht hatte.

Nur der alltägliche Rassismus?
Eine Gruppe schwarzer Jugendlicher, allesamt Angehörige somalischer Immigranten, bedrängen jüngere, weiße Kinder, drohen ihnen, rauben sie am Ende aus – da sind Rassismusvorwürfe an den Schweden kaum zu vermeiden. Wäre der Film einige Jahre später erschienen, im Umfeld der Flüchtlingskrise, als rechten Schreihälsen Tür und Tor geöffnet wurden, Östlund wäre vermutlich in einem Wettstreit aus Anfeindungen und Lobpreisungen untergegangen. Aber auch 2011 wurde Play – Nur ein Spiel? zwiespältig aufgenommen. Grundsätzlich waren die Kritiken gut, gerade auch im Hinblick auf die Umsetzung. Ganz wohl war einem aber nicht damit, das Gezeigte gut finden zu müssen, auch wenn der Film sich von realen Fällen um eine Jugendgang inspirieren ließ.

Dabei wäre es ohnehin zu kurz gedacht, den Film derart zu verstehen: Schwarze Jugendliche rauben weiße Kinder aus! Interessanter ist, wie die einzelnen dabei vorgegangen sind, mit welchen Tricks sie arbeiten. Selbst ihre dunkle Hautfarbe wird zu einer Waffe, indem sie die Angst vorm schwarzen Mann ausnutzen, um Druck aufzubauen, den Rassismus also umkehren. Aber auch das sich langsam wandelnde Verhältnis innerhalb der Gruppe sowie die Reaktionen Außenstehender lassen jede Menge Diskussionsbedarf aufkommen – etwa wenn die Erwachsenen kein Interesse daran haben, in die Geschichte einzugreifen. Und auch später treibt Play – Nur ein Spiel? das Thema der Zivilcourage um.

Ein stiller Beobachter
Ungewöhnlich ist zudem die Art und Weise, wie diese Geschichte erzählt wird. Östlund und sein Kameramann Marius Dybwad Brandrud wählen zur Visualisierung sehr lange Einstellungen, die oft minutenlang ohne jegliche Bewegung beibehalten werden. Das erinnert an die skandinavischen Kollegen Echo oder Eine Taube sitzt auf einem Zweig und denkt über das Leben nach, die ebenfalls mit solchen Tableaus arbeiten. Wobei Play – Nur ein Spiel?, anders als diese Beispiele, das Geschehen gar nicht in den Mittelpunkt rückt. Einiges passiert hier abseits der Kamera oder nur am Rande. Auch kommt es vor, dass man die Figuren nur von hinten sieht. Der Effekt ist interessant, weckt den Eindruck, dass man selbst ein Beobachter der Szene ist, der zufällig in der Gegend ist, dem Ganzen aber nicht viel Aufmerksamkeit schenkt.

Das hat etwas von der indifferenten Kälte eines Michael Haneke, gerade auch in Verbindung mit der fragmentarischen Erzählweise des Films, die der Österreicher selbst in Werken wie Der siebente Kontinent oder Happy End gern anwendete. Das ist ähnlich faszinierend, bleibt in seiner Aussage jedoch recht abstrakt. So baut Östlund immer mal wieder Elemente und Szenen ein, die irgendwie surreal sind, was der Abbildung einer gesellschaftlichen Situation nicht wirklich dient. Wobei Play – Nur ein Spiel? gar nicht so genau sagt, ob das überhaupt der Fall sein soll oder ob das nicht Teil eines Spiels ist – nur eben eins, das nicht allein die Kinder und Jugendlichen beinhaltet, sondern auch das Publikum, das zu Mitwissern und Mittätern wird und nicht weiß, wie es mit dieser Position umgehen soll.

Credits

OT: „Play“
Land: Schweden
Jahr: 2011
Regie: Ruben Östlund
Drehbuch: Ruben Östlund, Erik Hemmendorff
Kamera: Marius Dybwad Brandrud

Bilder

Trailer

Filmfeste

Cannes 2011
Toronto International Film Festival 2011
International Film Festival Rotterdam 2012

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Play – Nur ein Spiel?
In „Play – Nur ein Spiel?“ werden drei weiße Kinder von schwarzen Jugendlichen verfolgt, bedrängt und um ihre Sachen gebracht. Was sich nach einem rassistischen Klischee anhört, wird in dem schwedischen Drama zu einer inhaltlich wie formal interessanten Auseinandersetzung mit der Gesellschaft, Zivilcourage und Machtmechanismen, die einen zum Schluss etwas ratlos zurücklässt.
7von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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