„Der siebente Kontinent“ // Deutschland-Start: 5. Oktober 2007 (DVD)

Eigentlich mangelt es Georg (Dieter Berner), seiner Frau Anna (Birgit Doll) und der gemeinsamen Tochter Eva (Leni Tanzer) nicht wirklich an etwas. Die Eltern gehen einer geregelten Arbeit nach, haben eine geräumige Wohnung, sind finanziell gut versorgt. Auch gesundheitlich mangelt es ihnen an nichts, obwohl Eva manchmal so tut. Es ist nicht einmal so, dass ihr Familienleben großartige Probleme bereiten würde. Doch irgendwie, so richtig glücklich sind sie nicht damit, finden keinen rechten Sinn darin, was sie tun und wie sie leben. Und so beschließen sie, daraus die Konsequenz zu ziehen …

Heute gilt Michael Haneke sicher zu den renommiertesten Regisseuren Europas. Gleich sieben Mal war er für die Goldene Palme in Cannes nominiert, zweimal erfolgreich. Sein Drama Liebe erhielt nicht nur einen Oscar für den besten fremdsprachigen Film, sondern war sogar auch im Rennen um die Auszeichnung für den besten Film, das beste Drehbuch, die beste Regie und die beste Hauptdarstellerin. Das ist nicht nur deshalb außergewöhnlich, weil österreichische Filmemacher nicht unbedingt Stammgast sind bei der jährlichen Selbstbeweihräucherung Hollywoods. Vor allem war das Werk wie eigentlich alles von Haneke so gar nicht gefällig.

Aus Gewohnheit hart
Inzwischen ist Haneke natürlich eine Institution des Arthouse-Kinos: Wer sich einen seiner Filme anschaut, der weiß normalerweise schon vorher, dass ihn ein filmischer Schlag in die Magengrube erwartet. Das war 1989 noch anders, als er mit Der siebente Kontinent sein Regiedebüt gab. Man mag sich kaum vorstellen, wie das unvorbereitete Publikum in Cannes bei der Premiere saß, nichts ahnend von der Tortur, die der Österreicher einem hier und auch in den meisten folgenden Werken zumuten wird. Zumal er einen auch sehr lange im Unwissen lässt, worauf das hier überhaupt hinauslaufen soll.

Drei Teile umfasst Der siebente Kontinent, in drei aufeinanderfolgenden Jahren spielend – bis zum großen Knall 1989. Wenn wir einsteigen, scheint die Welt noch in Ordnung. Doch das ist das Trügerische an dem Film, das Trügerische auch an der Gesellschaft, die Haneke hier porträtiert. Er zeigt Menschen, die fest etabliert sind in einem Gefüge, dabei diesem aber nichts wirklich abgewinnen können. Sie tun das, was man als zivilisierter Mensch so tun muss. Den Wecker ausschalten. Zähne putzen. Zur Arbeit gehen. Zum Supermarkt gehen. All das tut die Familie, ohne Klagen, ohne größere Emotionen.

Die routinierte Leere
Tatsächlich ist es das, was hier am schnellsten auffällt: Die Geschichte ist völlig frei von Leben. Das ist für ein Drama meistens das Todesurteil, bei Haneke jedoch Teil des Konzepts. Er zeigt uns eine Familie zwischen Routine und Pflicht, die sich immer mehr von dem entfremdet, was sie umgibt. Sie sind zwar immer wieder von anderen Menschen umringt, haben aber keinen echten Bezug zu ihnen. Die Briefe an die Eltern von Georg sind mechanisch, eine Ansammlung von Banalitäten, deren einziger Zweck ist, das Blatt irgendwie vollzubekommen und die Leere zu verdecken. Doch das gelingt ihnen nicht. Es wird ihnen im Laufe des Films auch immer weniger gelingen.

Das Schockierende bei Der siebente Kontinent ist nicht einmal, wie die Geschichte der Familie endet. Es ist die Konsequenz, mit der sie endet. Sie hat nicht das Befreiende etwa von Das schönste Paar, das knapp 30 Jahre später ähnlich destruktiv endete. Haneke erzählt nicht von einem Anfang, von einer ausbrechenden Wut. Vielmehr ist sein Drama sachlich, genau, seziert ohne Eile eine bürgerliche Familie aus einer Wohlstandgesellschaft, so wie man etwas in den Müllschlucker wirft. Und es ist eben diese Distanz, die fehlende Emotion, die einem hier so zusetzt und das dringende Bedürfnis weckt, wegzugehen, abzuhauen, dem Gefängnis zu entkommen, das uns hier vorgesetzt wurde.

Der siebente Kontinent
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Der siebente Kontinent
Schon mit seinem ersten Film zeigte Michael Haneke, dass er es wie kaum ein anderer versteht, dem Publikum einen Schlag in die Magengrube zu versetzen. Dabei ist „Der siebente Kontinent“ eigentlich ein sehr unauffälliges Drama über den Alltag einer Familie. Doch je länger dieses andauert, umso unwohler fühlt man sich dabei, fest etabliert in einer Gesellschaft zu sein und doch völlig isoliert.
8von 10

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