(„Turist“ directed by Ruben Östlund, 2014)

Höhere GewaltEinige Tage ausspannen können, Ski fahren, endlich wieder Zeit für einander haben – das war das erklärte Ziel von Ebba (Lisa Loven Konsgsli) und ihrem Mann Tomas (Johannes Bah Kuhnke). Und zunächst scheint ja auch alles zu passen: Das schwedische Paar genießt die majestätische Ruhe der französischen Alpen. Doch die ist urplötzlich vorbei, als beim Mittagessen eine kontrollierte Lawine gefährlich nahe kommt. Während Ebba sich instinktiv um ihre beiden Kinder kümmert, bringt sich Tomas erst einmal selbst in Sicherheit. Am Ende ist alles halb so schlimm, ein wirkliches Risiko bestand nicht. Dennoch ist danach nichts mehr, wie es war, die egoistische Reaktion des Familienvaters belastet die Beziehung der beiden schwer, zumal sich Tomas sein Verhalten auch nicht eingestehen mag.

Kurz ist sie, diese besagte Lawinensequenz, keine fünf Minuten lang. Und doch ist sie der Schlüsselmoment, der die restlichen knapp zwei Stunden komplett bestimmen wird. Das liegt zum einen daran, dass sie selbst fantastisch in Szene gesetzt wurde. Während Tomas noch beteuert, dass nichts passieren kann, kommen die Schneemassen unaufhaltsam näher, bis man sich selbst als Zuschauer fest in den Kinosessel krallt. Und auch wenn der Schrecken schnell vorbei ist, vergessen ist er nicht, die urplötzliche existenzielle Bedrohung hallt anschließend noch immer nach, mal ausgesprochen, mal auch nicht.

Genau diese Sprachlosigkeit hat Regisseur Ruben Östlund meisterhaft umgesetzt. Am deutlichsten zeigt sich der Alptraum in den beiden Kindern der Familie, die Östlund als eine Art Seismograph verwendet. Während Ebba und Tomas zumindest anfangs noch Normalität vorspielen, spüren die kleinen recht schnell, dass das Erlebte tiefe Spuren hinterlassen hat und reagieren darauf mit wortloser Wut. Wirklich souverän gehen aber auch die Eltern mit der Situation nicht um, denn keiner von ihnen findet die adäquaten Mittel, über ihre Erfahrungen und ihren Konflikt zu reden. Tomas würde gerne alles vergessen, Ebba spricht das Thema nur in Anwesenheit von anderen an, nutzt die Gelegenheit, ihren eigenen Schmerz in eine Demütigung ihres Partners umzuleiten.Höhere Gewalt Szene 1

Die aus der Balance geratene Beziehung verdeutlicht Höhere Gewalt aber nicht nur in den harten Dialogen, sondern gerade auch in den kleinen Szenen: beim Zähneputzen, beim Umziehen, beim Skifahren. Doch dieses Unvermögen, einen Weg aus der Krise zu finden, belastet im weiteren Verlauf auch den schwedischen Film selbst. Gerade im letzten Drittel finden sich immer mehr Szenen, die in keinem rechten Bezug zur Grundgeschichte stehen und auch die Charaktere nur bedingt weiterbringen. Was über weite Strecken ein brutal-faszinierendes Psychodrama ist, wird so später mal beliebig, mal bizarr und insgesamt etwas langatmig, zumal auch für das Ende der rettende Einfall fehlt.

Und noch ein Manko haftet dem ansonsten sehr starken Film an: die Tendenz zur Verallgemeinerung. Dass bei einem derart unterschiedlichen Krisenverhalten auch die Geschlechterfrage aufkommt, ist nahezu unvermeidbar. Höhere Gewalt verzichtet jedoch darauf, dieser einen weitergehenden Kontext zu geben. Ein weiteres Paar wird in die Diskussion verwickelt, und dieses ist Ebba und Tomas auffallend ähnlich: Fanni (Fanni Metelius) zeigt sich in der Sache selbstgerecht und kompromisslos, Mats (Kristofer Hivju) ist der konfliktscheue Weichling. Ist das nun Zufall oder Absicht? Frage oder Aussage?Höhere Gewalt Szene 2

So oder so, Thema und Figuren regen zwangsweise zum Nachdenken an. Darüber, wie man sich wohl selbst in einer solchen Situation verhalten hätte. Was überhaupt die sinnvollere Reaktion gewesen wäre (bei einer echten Lawine wäre Ebba zusammen mit den Kindern unter den Schneemassen begraben worden). Ob es diesen grundsätzlichen Unterschied gibt zwischen Mann und Frau. Gleichzeitig aber auch, wie stark unsere Wahrnehmung von uns selbst beeinflusst wird, wie unterschiedlich zwei Menschen ein und dieselbe Erfahrung erleben können. So wie die Lawine Tage später noch ununterbrochen durch die Beziehung der Familie rauscht, so bleibt auch Höhere Gewalt mit einer anhaltenden Wirkung für den Zuschauer – und das alleine lohnt schon den Kauf eines Tickets.

Höhere Gewalt läuft ab 20. November im Kino

Höhere Gewalt
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Höhere Gewalt
Wie verhalten wir uns in Katastrophen? Und wie nehmen wir diese überhaupt wahr? Höhere Gewalt nimmt einen kurzen Schreckmoment als Ausgangslage für ein Psychodrama, das trotz eines schwächeren letzten Drittels und der Tendenz zur Verallgemeinerung weit über den Film hinaus fesselt.
7von 10

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