Kritik

Hana

„Hana“ // Deutschland-Start: 9. Juni 2018 (DVD)

Es ist kein schöner Grund, der den jungen Samurai Aoki Soza (Junichi Okada) 1702 in die japanische Hauptstadt Edo verschlagen hat. Denn dort erhofft er sich, Kanazawa Jubei (Tadanobu Asano) zu finden, der seinen Vater zuvor getötet hat, um dann an diesem Rache auszuüben. Viel Erfahrung hat er darin nicht, eigentlich ist Aoki sogar ausgesprochen sanftmütig. Außerdem gefällt ihm das Leben in der Großstadt, wo er nach und nach immer mehr Menschen kennenlernt, Nachbarn, die schöne Witwe Osae (Rie Miyazawa), für die er Gefühle entwickelt, ihren Sohn Shinbo (Shohei Tanaka). Auch die Kinder haben es ihm angetan, bald gibt er ihnen, sowie manchen Erwachsenen Unterricht im Schreiben. Und so ist er irgendwann hin und her gerissen zwischen dem blutigen Schwur und dem friedvollen Alltag …

In den letzten Jahren ist Hirokazu Koreeda zumindest in Arthousekreisen zum wichtigsten Aushängeschild des zeitgenössischen japanischen Kinos geworden, seine Werke sind in Cannes und Venedig Dauergast. Mit Shoplifters – Familienbande gewann er bei ersterem sogar die Goldene Palme. In dem Film wie auch den meisten anderen, die der Regisseur in den letzten Jahren gedreht hat, zeigt er sich als Meister der feinen Beobachtungen, erzählt alltägliche Dramen von Familien und sonstige Figurenkonstellationen, von Zusammenhalt in turbulenten Zeiten. Von der Sehnsucht auch, ausgelöst durch Trennung, Isolation oder Orientierungslosigkeit, wenn der Halt plötzlich fehlt.

Eine unerwartete Zeitreise
Sein 2006 veröffentlichtes Hana scheint da auf den ersten Blick ganz anders zu sein. Ein historischer Samuraifilm? Von Koreeda? Das passt irgendwie gar nicht ins Bild, weder thematisch noch in Hinblick auf das Setting. Aber es kommt noch seltsamer: Der Samuraifilm ist nur bedingt ein solcher. Gekämpft wirkt praktisch nicht, höchstens mal so getan. Es handelt sich aber auch um kein Historiendrama, was man sich zumindest irgendwie noch hätte vorstellen können. Stattdessen versuchte sich der Regisseur hier an einer Komödie, nimmt fast alles mit Humor, macht sich zum Teil sogar ziemlich darüber lustig – irgendwo zwischen einer Parodie und einer Satire.

Sicher, humorvolle Momente hat es bei ihm auch später immer wieder gegeben. Sein aktueller Film, sein Fremdsprachendebüt La Vérité – Leben und lügen lassen, unterhält beispielsweise durch die ständigen Auseinandersetzungen zwischen Catherine Deneuve und Juliette Binoche, die Mutter und Tochter spielen. Einen vergleichbaren Biss gibt es in Hana jedoch nur selten. Koreeda erzeugt eher durch die skurrilen Figuren eine lockerleichte Stimmung. Von denen gibt es auch jede Menge: Das anfängliche Thema der Rache rückt über längere Zeit immer wieder in den Hintergrund, stattdessen ist der Film das Porträt von Sozas Umfeld – eine Art Nachbarschaftskomödie, wenn man so will.

Entspannte Alltagsbetrachtung
Das macht auch Spaß, selbst wenn ein paar der humorvollen Einlagen schon recht albern ausfallen. An anderen Stellen hingegen passiert relativ wenig: Hana nimmt trotz der offensichtlichen Unterschiede bereits einige der Merkmale vorweg, die seine späteren Filme auszeichnen. Wie in seinem zwei Jahre drauf veröffentlichten Still Walking ist sein Samuraibeitrag von sehr viel Alltäglichkeit und Beiläufigkeit geprägt. Das funktioniert zwar noch nicht so gut, die feine Grenze zum Banalen wird da schon mal gekratzt. Aber es reicht doch für eine Reihe schöner Momente, gerade solcher zwischenmenschlicher Natur, wenn Soza das unerwartete Glück findet.

Tatsächlich ist Hana dann auch eine Abkehr von dem, was viele von dem Thema Samurai erwarten würden: Koreeda stellt hier der Befriedigung durch Blut und Tod die Kunst entgegen, die Schönheit des Augenblicks. Auch wenn sich der emotionale Aspekt des Films eher in Grenzen hält, zum Ende wird es dann doch im positiven Sinne rührend. Selbst wenn das hier nicht immer bis ins Detail geglückt ist, die Laufzeit von über zwei Stunden sich mal bemerkbar macht, die Geschichte um einen zaudernden Rächer hat Charme und stellt ein interessantes Experiment im Werk des Regisseurs da, das Fans desselben zumindest mal gesehen haben sollten.

Credits

OT: „Hana yori mo Naho“
Land: Japan
Jahr: 2006
Regie: Hirokazu Koreeda
Drehbuch: Hirokazu Koreeda
Kamera: Yutaka Yamasaki
Besetzung: Junichi Okada, Rie Miyazawa, Shohei Tanaka, Arata Furuta, Jun Kunimura, Katsuo Nakamura, Tadanobu Asano

Filmpreise

Preis Jahr Kategorie Ergebnis
Asian Film Awards 2007 Beste Darstellerin Rie Miyazawa Nominierung

Filmfeste

Toronto International Film Festival 2006
International Film Festival Rotterdam 2007

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4.3/5 - (13 votes)
Hana
„Hana“ ist sicher einer der ungewöhnlichsten Titel im Werk von Hirokazu Koreeda: Der auf Familiendramen spezialisierte Regisseur erzählt in seinem Samuraifilm von einem Mann, der seinen getöteten Vater rächen will und sich dabei in eine Witwe verliebt. Der Film ist dabei eine Mischung aus einer teils satirischen Komödie und den gewohnten Alltagsbetrachtungen des Japaners. Das Experiment geht zwar nicht völlig auf, da kommt es zu Längen, manches ist recht albern. Sehenswert ist es aber ohne jeden Zweifel.
7von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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