Kritik

Existenz

„eXistenZ“ // Deutschland-Start: 18. November 1999 (Kino) // 1. März 2019 (Blu-ray)

Es ist ein großer Abend, ein bedeutender in der Spieleindustrie, denn das Unternehmen Antenna Research präsentiert das neueste Spiel der Entwicklerin Allegra Geller (Jennifer Jason Leigh), das den Titel „eXistenZ“ trägt. Voller Spannung erklärt diese einer Auswahl von Journalisten die Entwicklung des Spiels, das sie sogleich in kleinen Gruppen zusammen mit ihr testen dürfen. Über Bioports und Kabel werden sie mit Allegras Konsole verlinkt, doch bevor die Spieler sich einloggen können, kommt es zu einem Attentatsversuch auf Allegra und der erst kürzlich vom Unternehmen eingestellte Ted Pikul (Jude Law) gelingt es, sie zu retten und letztlich mit ihr zu fliehen. Auf ihrer Flucht und nachdem Ted sie verarztet hat, stellt Allegra fest, dass ihr Bioport, auf dem sich die einzige Kopie des Spieles befindet, schwer beschädigt ist und so schnell es geht repariert werden muss. Ted stimmt zu, ihr bei der Reparatur zu helfen, auch wenn der Gedanke, sich zur Überprüfung des Spiels selbst eine Schnittstelle für den Bioport in seinen Körper stechen zu lassen, ihm keinesfalls gefällt. Als Ted und Allegra es dann doch schaffen, sich in die Welt von eXistenZ einzuloggen, kommen sie einer groß angelegten Verschwörung auf die Spur, die bereits Spuren in der Spielwelt hinterlassen hat und die totale Zerstörung dieser zum Ziel hat.

Ein Kreuzzug gegen die reale Welt
Mit dem 1999 auf der Berlinale erstmals gezeigten eXistenZ setzt der kanadische Regisseur David Cronenberg in vielerlei Hinsicht jene Ideen und Themen fort, die er zuvor in seinem Werk Videodrome behandelte. Die Idee zum Film kam ihm nach einem Interview mit dem indischen Schriftsteller Salman Rushdie, gegen den wegen seines Roman Die Satanischen Verse eine Fatwa verhängt worden war. Cronenberg fand die Idee interessant, dass etwas Ähnliches gegen einen Spieledesigner verhängt wird, als Reaktion auf die alternativen Realitäten, die sie in ihren Programmen dem Nutzer anbieten. Gerade aus heutiger Sicht wirken die Themen eines Films wie eXistenZ ungemein aktuell, verweisen sie doch auf die in mancher Hinsicht problematische Anbetung der Technik, welcher vermehrt unsere Leben beherrscht und damit unsere Realität.

Gerade dem heutigen Zuschauer werden die ersten Szenen an jene Präsentationen von Entwicklern und Technikgurus erinnern, die ihre neuesten Entwicklungen einer eifrig klatschenden und sie bewundernden Menge erstmals zeigen. Auch wenn die Präsentation von „eXistenZ“ nicht gerade jenen Glamour versprüht, wie man ihn bei der Vorstellung des neuen iPhone oder der neuen Funktionen von Facebook kennt, so hat die Begeisterung und die bedenkenlose Unterordnung der Pressevertreter beinahe etwas Sektenhaftes. Im Zentrum steht die von Jennifer Jason Leigh mit gelassener Introvertiertheit gespielte Allegra, die eben auf der einen Seite den bekannten Stereotyp des sich einigelnden Designers verkörpert, aber sich andererseits auch in einer über allem Realen stehenden Sphäre wähnt. Beinahe zwanghaft wirkt ihre ständige Indoktrination des technikskeptischen Ted, der, zu Allegras großem Erstaunen, noch nicht einmal eine Schnittstelle für den für sie essentiellen Bioport im Körper hat.

Der realen Welt gegenüber steht die Welt des Spiels, eine alternative Realität, die sich, wie Ted an einer Stelle sagt, nach eigenen Gesetzen funktioniert, die sich dem Nutzer nicht offenbaren und einer gewissen Willkür gehorchen. Anders als bei modernen Varianten dieses Gedanken einer allumfassenden alternativen Realität, wie man sie beispielsweise in Steven Spielbergs Ready Player One sieht, entwirft Cronenberg eine komplexe, wenig attraktive Welt, die sich eher durch Rost und Dreck definiert, ihre Benutzer aber dennoch fesselt, ähnlich einer Designerdroge, von der man trotz der negativen Nebeneffekte, derer man sich bewusst ist, nicht mehr los kommt.

Technik und Körper vereint
Wie schon in Videodrome geht die moderne Obsession mit Technik bei Cronenberg auch in eXistenZ einen Schritt weiter, wenn sie die Symbiose des Körpers mit der Technologie prophezeit. Nicht umsonst haben die Bioports, die Kabel oder gar die Schusswaffen im Film weniger gemein mit Geräten, wie man sie kennt, sondern ähneln vielmehr Organen, haben eine hautfarbene Oberfläche und pulsieren bei Benutzung. Darüber hinaus gelingt die Benutzung der Spielwelt nur über ein an eine Nabelschnur erinnerndes Kabel, dessen Verbindung zum Körper immer zugleich eine stark sexuell konnotierte Penetration darstellt. Diese Aspekte des body horror, die seit Parasiten-Mörder fester Bestandteil von Cronenbergs Kinos sind, wirken ungemein überzeugend und prophetisch, verweisen sie doch auf den Aspekt der Lustbefriedigung, der mit der alternativen Realität einhergeht.

Interessant wirkt hierbei, dass der Körper oder das Organische beinahe anachronistisch in einer von der Technik definierten Welt wirken, aber Cronenberg scheint sich zunehmend auf den Gedanken des „neuen Fleisches“ zu beziehen, der bereits den Kern von Videodrome bildete. Es geht daher nicht mehr nur um eine neue Welt oder eine Alternative zu der bestehenden Realität, sondern um eine neue Kreation, eine Neu-Definition des Körpers.

Credits

OT: „eXistenZ“
Land: UK, Kanada, Frankreich
Jahr: 1999
Regie: David Cronenberg
Drehbuch: David Cronenberg
Musik: Howard Shore
Kamera: Peter Sischitzky
Besetzung: Jennifer Jason Leigh, Jude Law, Ian Holm, Don McKellar, Willem Dafoe, Christopher Eccleston

Bilder

Trailer

Filmfeste

Berlinale 1999
Sitges 1999
International Film Festival Rotterdam 1999

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eXistenZ
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eXistenZ
„eXistenZ“ ist ein wichtiger, visionärer Film über den Reiz alternativer Welten und unsere Obsession mit Technik und Technologie. Gerade aus heutiger Sicht hat David Cronenbergs Film an Aktualität hinzugewonnen und wirkt wie eine Parabel auf die moderne Beweihräucherung der Technik-Konzerne und ihrer Gurus, die sich jährlich für ihre neuen Kreationen feiern lassen, die ihrerseits neue Wege anbieten, der Realität zu entkommen.
9von 10

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