Kritik

Der Überläufer

„Der Überläufer“ // Deutschland-Start: 8./10. April 2020 (TV) // 8. Mai 2020 (DVD/Blu-ray)

Obwohl 1944 das Ende des Krieges bereits abzusehen und die Niederlage Deutschlands unabwendbar ist, macht sich Walter Proska (Jannis Niewöhner) auf an die Front, unter heftigem Protest seiner Schwester und deren Ehemann. Auf seinem Rückweg an die Front begegnet er Wanda (Malgorzata Mikolajczak), einer jungen Polin, die auf dem Weg ist, die Asche ihres Bruders zu beerdigen. Nachdem sie ihn verlassen hat, findet Proska eine Bombe in seinem Zugwaggon, die er entschärfen kann, dennoch entgleist sein Zug, als dieser über eine Mine fährt. So findet sich Proska in einer kleinen Gruppe Wehrmachtsoldaten wieder, die vom Unteroffizier Willi Stehauf (Rainer Bock) streng geführt wird. Er schließt Freundschaft mit dem ebenfalls jungen Soldaten Wolfgang Kürschner (Sebastian Urzendowsky), der von der Brutalität des Krieges und der Willkür Stehaufs angewidert ist und seinen neuen Freund überreden will, zu den Russen überzulaufen. Auch wenn Proska einsehen muss, dass der Krieg wahrscheinlich verloren ist, will er einen solchen Schritt nicht tun. Auf einer Patrouille trifft Proska durch Zufall auf Wanda, die, wie sich bald herausstellt, eine Partisanin ist. Nachdem sich beide ihrer Zuneigung füreinander gestanden haben und Zeit miteinander verbracht haben, beschließen sie, sich für immer die Treue zu halten. Als dann aber die Partisanen das Quartier der Soldaten stürmen, muss Proska eine ungeheuerliche Tat gestehen, die einen Keil zwischen ihn und Wanda treibt.

Die richtige Seite
Ohne Frage ist der 2014 verstorbene Siegfried Lenz einer der wohl wichtigsten deutschsprachigen Autoren, der mit Werken wie So zärtlich war Suleyken oder Deutschstunde thematisch wie formal wichtige Akzente in der europäischen Literatur setzte. Neben seinen Experimenten mit der Erzähltechnik in seinen Erzählungen und Romanen setzte sich Lenz mit Themen wie der Identität Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg auseinander sowie dem Erbe des Nationalsozialismus. Bereits in seinem frühen Roman Der Überläufer, welcher 2016 posthum veröffentlicht wurde, finden sich vor allem in thematischer Hinsicht viele Anknüpfungspunkte an das übrige Werk des Autors wieder. Der Roman bot nun die Vorlage eines TV-Mehrteilers unter der Regie von Florian Gallenberger (John Rabe), der im April 2020 im ARD gezeigt wird.

Zentral ist hierbei die Figur des Walter Proska, dessen Identität und Handeln immer wieder parallel zu der geschichtlich-politischen Ebene der Geschichte erzählt wird. Jannis Niewöhner (Der Fall Collini, Narziss und Goldmund) spielt Proska als einen jungen Menschen, der sich durch seinen Glauben an Ideale wie Ehre oder Treue in einem Konflikt sieht mit seiner Umwelt, durch die Handlungen seiner Mitmenschen oder den Realitäten eines Krieges sowie dessen Folgen. Das Mantra „Das wird bald alles vorbei sein“, welches er anfangs von sich gibt, wird zu einer hohlen Durchhalteparole, einem Eingeständnis der eigenen Hilflosigkeit angesichts von Prozessen, die außerhalb des eigenen Wirkungsbereichs liegen. Werte und Tugenden werden ausgehöhlt und verkauft, Loyalitäten wechseln ständig und jede Handlung zu einem politischen Akt, der den Verlust der Unschuld zur Folge hat.

Nicht nur dank seiner Hauptdarsteller, sondern auch wegen der Nebendarsteller gelingt es die emotionale Wucht und Tragweite dieses Dilemmas der Figur Walter Proska zu zeigen, allen voran Rainer Bock als Willi Stehauf.

Das neue Deutschland
Wie für einen Fernsehfilm dieses Formats üblich besticht auch Der Überläufer vor allem in Sachen Ausstattung. Im Rahmen der drei Stunden Laufzeit beobachtet man das Deutschland im Krieg, in den Jahren des Aufbaus und zuletzt, in einer kurzen Phase des Films, während der Wirtschaftswunderjahre. Die Vision des zukunftsorientierten, „neuen“ Deutschlands, eine Idee, für die sich insbesondere Sebastian Urzendowskys Figur begeistern kann, wird detailreich gezeigt und, verbunden mit den thematischen Schwerpunkten des Films, auf die Probe gestellt. Fragen danach, was dieses Deutschland überhaupt ist, ob man mit der Vergangenheit abschließen kann oder ob es die überhaupt gibt, diese eine richtige Seite, für die man sich entscheiden kann.

Credits

OT: „Der Überläufer“
Land: Deutschland, Polen
Jahr: 2020
Regie: Florian Gallenberger
Drehbuch: Bernd Lange, Florian Gallenberger
Vorlage: Siegfried Lenz
Musik: Antoni Lazarkiewicz
Kamera: Arthur Reinhart
Besetzung: Jannis Niewöhner, Malgorzata Mikolajczak, Sebastian Urzendowsky, Rainer Bock, Bjarne Mädel, Katharina Schüttler

Bilder

Trailer

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Der Überläufer
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Der Überläufer
"Der Überläufer" ist ein solides Geschichtsdrama über Identität und das Dilemma des richtigen Handelns. Gut gespielt und ausgestattet ist Florian Gallenbergers Film gute TV-Unterhaltung.
6von 10

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