Kritik

Bringing out the Dead

„Bringing Out the Dead“ // Deutschland-Start: 10. Februar 1999 (Kino) // 24. April 2001 (DVD)

Schon seit fünf Jahren ist Frank Pierce (Nicolas Cage) Rettungssanitäter in New York City. Jede Nacht ist er mit seinen Kollegen unterwegs, versucht Menschenleben zu retten und seit geraumer Zeit gegen eine sich anbahnende Depression anzukämpfen, denn die negativen Seiten des Jobs nagen an ihm. Insbesondere das Schicksal einer jungen Frau lässt Frank nicht mehr los, ihr Gesicht verfolgt ihn auf seinen Streifzügen durch die Nacht. Erschwerend kommt hinzu, dass Frank schon seit geraumer Zeit keinen Schlaf mehr findet und sich durch Koffein und Alkohol versucht, wach zu halten. Zunächst scheint der Einsatz bei den Eltern Mary Burkes (Patricia Arquette) wie jeder andere zu sein. Nachdem ihr Vater einen Herzstillstand erlitten hatte, gelingt es Frank ihn wieder ins Leben zurückzuholen, doch seitdem liegt er im Koma, muss immer wieder reanimiert werden. Im Krankenhaus redet er zum ersten Mal mit Mary und geht sogar mit ihr aus, doch auch sie hat vieles in ihrem Leben, was ihr Mühe bereitet. Zu seiner großen Überraschung stellt Frank fest, dass er in ihrer Gegenwart sogar einschlafen kann, doch die Visionen der Toten wird er noch lange nicht los. Darüber hinaus meint Frank auch ihr Vater würde ihn dafür verurteilen, dass er ihn nicht habe in Frieden sterben lassen.

Über Erlösung
Nachdem er sich in Kundun der Biografie des Dalai Lama sowie des tibetanischen Freiheitskampfes befasst hatte, kehrte US-Regisseur Martin Scorsese in Bringing Out the Dead in seine Heimat New York City zurück. Basierend auf dem gleichnamigen Roman des Autors Joe Connelly bringt das Projekt Scorsese mit Drehbuchautor Paul Schrader zusammen, der bereits das Skript für Taxi Driver schrieb, einer Geschichte, die auf thematischer und visueller Ebene einige Parallelen zu Bringing out the Dead aufweist. In gewisser Weise kann man diesen sogar als Gegenstück zu der Geschichte um den von Robert De Niro gespielten Travis Bickle ansehen, denn während Scorsese sich mit den für ihn üblichen Ideen von Sünde und Reue befasst, eröffnet Bringing Out the Dead eine wesentlich positivere Sicht, eine die auf dem Konzept der Erlösung basiert.

Neben dem Bild der Stadt ist es vor allem der von Nicolas Cage dargestellte Frank Pierce, der den Zuschauer mitnimmt auf eine Reise durch sein New York und der jenen Kreislauf von Schuld und Abbitte. Pierce ist eine geplagte Seele, deren konstante Beschäftigung mit Leben und Tod ihm wortwörtlich den Schlaf raubt und dessen Wahrnehmung wiederholt die Trennung von Realität und fiebriger Vision aufhebt. Seine Kollegen, unter anderem gespielt von John Goodman oder Tom Sizemore, dulden die aufgekratzten Eskapaden, sehen diese als logische Konsequenz der Arbeit, ohne aber die tatsächliche Dimension des Problems zu erkennen oder ihrem Kollegen Hilfe zukommen zu lassen. Man erinnert sich als Zuschauer an jene Szenen aus Taxi Driver, in denen Travis sich versucht seinen Kollegen zu öffnen, aber auch nicht ernst genommen wird. Doch während der eine sich immer mehr in sich selbst zurückzieht, ist der emotionale Schmerz und die Erschöpfung Cages Figur ins Gesicht geschrieben, ist beinahe körperlich spürbar, sodass man als Zuschauer die Tragweite der Erlösung erwägen kann, als Pierce endlich Frieden finden kann, auch wenn dieser nur temporär ist.

Bilder eine Stadt
Auch auf visueller Ebene ergeben sich viele Parallelen zu Taxi Driver, insbesondere im Bild der Stadt. Aus der Sicht der übernächtigten und von Aufputschmitteln definierten Hauptfigur eröffnet sich ein Blick auf New York City als eine Stätte der Dunkelheit, der Sünde und des allseits präsenten Todes. Das Innere des Rettungswagens dient als eine Art Schutzzone, in der sich die Figuren durch Witzeleien und teils derbe Sprüche von der Realität ihrer Arbeit ablenken versuchen, eine Distanz zu erschaffen versuchen, die jemand wie Frank nicht mehr herstellen kann. Anders als Travis ergibt sich aber keinesfalls eine destruktive Konsequenz, sondern ein Wille zu helfen, zunächst anderen und dann sich selbst. Das Dilemma ist, dass beides unmöglich erscheint, erst recht in den dunklen Straßen einer Stadt, die, wie es an einer Stelle heißt, am Ende jeden erwischt.

Credits

OT: „Bringing Out the Dead“
Land: USA
Jahr: 1999
Regie: Martin Scorsese
Drehbuch: Paul Schrader
Vorlage: Joe Connelly
Musik: Elmer Bernstein
Kamera: Robert Richardson
Besetzung: Nicolas Cage, Patricia Arquette, John Goodman, Tom Sizemore, Ving Rhames, Marc Anthony, Mary Beth Hurt

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Bringing Out the Dead – Nächte der Erinnerung
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Bringing Out the Dead – Nächte der Erinnerung
"Bringing Out the Dead – Nächte der Erinnerung" ist ein Drama über Erlösung und über den Tod. Getragen von einer sensiblen darstellerischen Leistung Nicolas Cages sowie der Kameraarbeit Richard Richardsons, die sich besonders in der Darstellung der Stadt zeigt, ist dies ein oft ignorierter, aber dennoch wichtiger Eintrag im Werk Martin Scorseses.
8von 10

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