Kritik

„Blindspotting“ // Deutschland-Start: nicht angekündigt

Drei Tage noch, dann ist Collin (Daveed Diggs) endlich wieder ein freier Mann! Doch bis dahin gilt es, sämtliche Bewährungsauflagen einzuhalten, nur kein Risiko eingehen, lautet die Devise. Das hört sich leicht an, ist es aber nicht. Schlimm genug, dass sein bester Freund Miles (Rafael Casal) in seiner unbekümmerten Art immer mal wieder Ärger verursacht. Ärger, den Collin jetzt so gar nicht gebrauchen kann. Aber dann muss er auch noch mitansehen, wie ein weißer Polizist einen unbewaffnete Schwarzen von hinten niederknallt, was ihn die folgenden Tage noch lange beschäftigen wird …

Wenn’s mal wieder länger dauert: Rund neun Jahre sollen Rafael Casal und Daveed Diggs an dem Drehbuch für ihren ersten Film gearbeitet haben. Das ist eine ganze Menge. Es ist vor allem eine Menge für das, was am Ende dabei rausgesprungen ist, denn Blindspotting merkt man die lange Entwicklungszeit an, gleichzeitig aber auch nicht. Zusammen mit Regisseur Carlos López Estrada haben sie etwas gedreht, das wie eine Mischung aus Improtheater und Langzeitstudie aussieht. Hört sich nach einem Widerspruch an? Oh ja, ist es. Aber es ist bei weitem nicht der einzige Widerspruch in einem Werk, das viele Dinge auf einmal ist und sich deswegen gar nicht so leicht klassifizieren lässt.

Eine Szene mit Nachhall
Die entscheidende Szene kommt gleich zu Beginn, so vermutet man zumindest: Collin wird Zeuge rassistischer Polizeigewalt, als ein wehrloser Mann erschossen wird. Das Thema haben zuletzt eine ganze Reihe von Filmen aufgegriffen. The Hate U Give beispielsweise oder auch Queen & Slim vor einigen Wochen. Meistens geschieht das im Rahmen eines Dramas, in Verbindung mit Genre-Anleihen. Bei Blindspotting hat es zunächst ebenfalls den Anschein, die Sekunden während des Vorfalls sind so nervenaufreibend, dass man im Anschluss erst einmal eine kleine Pause braucht. Kein Wunder also, dass Collin dies so nahegeht und er den ganzen Film von diesen wenigen Sekunden beeinflusst wird.

Und doch ist Blindspotting anders. Zum einen ist dieser Vorfall, so einschneidend er auch sein mag, nur eines von vielen Themen, welche die beiden in ihren Film packen. Tatsächlich sind es zwei Hauptaspekte, die den Film ausmachen: Casal und Diggs schildern eine Freundschaft, die über Jahre gewachsen ist und dabei doch zerbrechlich scheint. Und sie schildern ein Viertel, das sich im Wandel befindet. Gentrifizierung spielt dabei eine große Rolle, wenn Gemeinschaften aufgelöst werden, die Menschen durch nachrückende Hipster an den Rand gedrängt werden. Ein Beispiel: die grünen Smoothies, die plötzlich verkauft werden, zu völlig überteuerten Preisen, die man sich als Ureinwohner gar nicht leisten kann.

Der absurd komische Ernst des Alltags
Das ist mit einem gewissen Augenzwinkern erzählt. Und das ist dann auch der zweite große Punkt: Blindspotting ist teilweise überraschend komisch. Wenn die beiden mit ihrem Entrümpelungsdienst unterwegs sind – ein weiteres Symbol für den Wandel –, dann geraten sie schon mal in etwas skurrile Situationen. Und auch die Auseinandersetzungen zwischen den beiden werden gerne mal etwas absurd. Doch schon im nächsten Moment können wieder die dunklen Elemente durchschimmern, das Gesellschafts- und Zeitporträt wandelt unentwegt zwischen Komödie, Drama und Thriller umher, ohne sich für etwas entscheiden zu wollen oder auch zu versuchen, die einzelnen Bestandteile tatsächlich harmonisch miteinander zu verknüpfen.

Blindspotting, das auf dem Sundance Film Festival 2018 Premiere feierte, ist dann auch ein typischer Indie-Film: ein bisschen verschroben mit einer Vorliebe für ungewöhnliche Typen, dabei aber doch an sozialen Problemfeldern interessiert. Die Mischung wird nicht für jeden aufgehen, zumal die Geschichte keinen roten Faden hat. Vielmehr besteht der Film aus zahlreichen Einzelsequenzen, die chronologisch aufeinanderfolgen mögen, das inhaltlich jedoch weniger tun. Drei Tage im Leben der Jungs, während deren alles und nichts geschehen kann. Aber dieser bunte Mix ist eben auch ein beeindruckendes Beispiel dafür, dass man sich allgegenwärtigen Themen anders annähern kann, mal wild und vorlaut, dann wieder leise und beiläufig, originell und doch erschreckend bekannt.

Credits

OT: „Blindspotting“
Land: USA
Jahr: 2018
Regie: Carlos López Estrada
Drehbuch: Rafael Casal, Daveed Diggs
Musik: Michael Yezerski
Kamera: Robby Baumgartner
Besetzung: Rafael Casal, Daveed Diggs, Janina Gavankar, Jasmine Cephas Jones

Bilder

Trailer

Filmpreise

Preis Jahr Kategorie Ergebnis
Film Independent Spirit Awards 2019 Bester Hauptdarsteller Daveed Diggs Nominierung

Filmfeste

Sundance Film Festival 2018
SXSW 2018

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Blindspotting
3.78 (75.56%) 9 Artikel bewerten

Blindspotting
„Blindspotting“ handelt von einem Mann während seiner letzten drei Tage auf Bewährung, handelt von Rassismus, Gentrifizierung und von einer ungewöhnlichen Freundschaft. Der Film selbst ist aber mindestens ebenso ungewöhnlich, wenn ein wildes, ganz und gar unharmonisches Porträt einer Zeit und einer Gesellschaft entsteht, mal komisch, dann tragisch oder auch erschreckend.
8von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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