Kritik

Emma 2020

„Emma.“ // Deutschland-Start: 5. März 2020 (Kino)

Niemand ist besser darin, andere Leute zu verkuppeln als Emma Woodhouse (Anya Taylor-Joy). Zumindest sieht sie das selbst so. Derzeit ist sie damit beschäftigt, ihre beste Freundin Harriet Smith (Mia Goth) mit Mr. Elton (Josh O’Connor) zusammenzubringen, dem gutaussehenden Pfarrer in dem Dorf Highbury. Ihr eigenes Leben ist dafür weniger amourös. Interessenten gibt es natürlich viele, doch niemanden, den die junge, schöne Frau eines Blickes würdigen würde. Sie diskutiert mit den Männern, streitet manchmal auch, beispielsweise mit Mr. Knightley (Johnny Flynn), einem Freund der Familie. Interesse hat sie aber an niemandem. Bis sie Frank Churchill (Callum Turner) über den Weg läuft …

Es gibt so viele Dinge, über die man sich bei Emma. schon im Vorfeld wundern konnte. Was soll dieser komische Punkt im Titel? Weshalb hat Autumn de Wilde, die sonst eigentlich als Fotografin bekannt ist, jetzt einen Film gedreht? Und überhaupt, wer braucht denn bitteschön im Jahr 2020 noch eine weitere Adaption des Jane-Austen-Romans? Nicht allein, dass es schon diverse Verfilmungen des 1815 erschienenen Buches gegeben hat, was immer die Frage nach der Sinnhaftigkeit einer neuen Version nach sich zieht. So richtig zeitgemäß sind die Geschichten rund um hübsche jungen Damen, die sich in einem adligen Umfeld aufhalten und ein bisschen der Liebe wegen seufzen dürfen, während sie auf ihre Prinzen warten, ja nun nicht mehr.

Unglaubliche Bilder voller Farben
Und doch, das Ergebnis überzeugt. Wie Love & Friendship vor einigen Jahren so gelingt es auch hier, aus der betagten Vorlage einen beträchtlichen Spaß herauszukitzeln, den man sich so im Vorfeld nicht erhoffen durfte. Zunächst einmal macht sich de Wildes geschultes Auge hinter der Kamera bezahlt. Die durfte hier zwar Christopher Blauvelt (Mid90s, Don’t worry, weglaufen geht nicht) bedienen. Aber die aus dem Musikumfeld kommende Fotografin dürfte mit Sicherheit ein Wörtchen mitgeredet haben bei den präzisen, kunstvollen Aufnahmen, die geradezu überquellen vor Farben. Ob die Entourage nun durch die Landschaft marschiert und dabei scharfe Kontrastpunkte bildet oder wir uns in den verschwenderisch eingerichteten Villen und Hallen aufhalten, hier gibt es so viel zu sehen, dass man manchmal ganz vergisst, den Leuten zuzuhören.

Doch das wäre schade, denn gerade die Dialoge bilden das Herz von Emma. Wer Austen nur mit schwelgerischen Schwärmereien verbindet, mit Protagonistinnen, die viel zu gut sind für diese Welt, der findet hier mit der Titelfigur eine spannende Alternative. Nicht allein, dass sie eben kein selbstloser Gutmensch ist, der anderen ihr Glück bringt – auch wenn sie das so sieht. Sie hat zudem keine rechte Ahnung davon, was Gefühle überhaupt bedeuten. Für sie gleichen Romanzen mehr einem Schachspiel, wenn sie gnadenlos manipulativ die Fäden zieht, für ihre Begleiterin Harriet den passenden Mann aussuchen will und sich dabei überhaupt nicht dafür interessiert, was deren Herz eigentlich sagt.

Am Ende Gefühle
Das wird sich natürlich im Laufe der gut zwei Stunden ändern, wenn Emma beginnt, auch ihre eigenen Gefühle irgendwie unterzubringen. Die Konstellationen werden sich zudem unentwegt verschieben: Wer im einen Moment noch als vorzeigbarer potenzieller Ehemann im Rennen ist, kann im nächsten schon ganz woanders sein. Es kommen auch laufend Figuren hinzu, beider Geschlechter, die das sich anbahnende Chaos noch weiter verstärken. Einige davon werden sich in den Vordergrund drängeln, andere kündigen sich groß an, um dann doch irgendwie mit dem Dekor zu verschmelzen. Wer den Roman oder die anderen Adaptionen nicht kennt, der wird deshalb trotz des mehr oder weniger feststehenden Endes unterwegs ein paar Überraschungen erleben.

Eine Konstante ist hingegen die durchgängig exquisite Besetzung. Hauptaugenmerk liegt dabei natürlich auf Anya Taylor-Joy (The Witch, Split), die sowohl während der bissigen wie auch verletzlichen Szenen überzeugt. Um sie herum scharen sich aber noch viele Darsteller und Darstellerinnen, die ihren Beitrag dazu leisten, dass man hier bis zum Schluss dran bleibt. Wunderbar sind beispielsweise die Auftritte von Bill Nighy als spleeniger Vater von Emma oder Miranda Hart in der Rolle der anstrengenden Dauerquasslerin Miss Bates. So hat hier von einigen Ausnahmen abgesehen jeder dann seine kleinen Schwächen, aber eben auch seine Stärken, welche Emma. zu einem höchst menschlichen Film machen, der trotz seiner ausufernden Kostüme und der noblen Umgebung auch für ein heutiges Publikum relevant macht.

Credits

OT: „Emma.“
Land: UK
Jahr: 2020
Regie: Autumn de Wilde
Drehbuch: Eleanor Catton
Vorlage: Jane Austen
Musik: Isobel Waller-Bridge, David Schweitzer
Kamera: Christopher Blauvelt
Besetzung: Anya Taylor-Joy, Johnny Flynn, Mia Goth, Josh O’Connor, Callum Turner, Bill Nighy, Miranda Hart

Bilder

Trailer

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Emma.
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Emma.
Eine neue Adaption des Jane Austen Romans, braucht es das? „Emma.“ zeigt, dass auch mehr als zweihundert Jahre später die Geschichte um eine chaotische Kupplerin Spaß machen kann. Vor allem die kunstvollen Bilder und das fabelhafte Ensemble tragen dazu bei, dass die zwei Stunden wie im Flug vergehen, selbst Gegner von Kostümfilmen werden dank zahlreicher humorvoller Szenen gut unterhalten.
8von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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