Kritik

Der letzte Mieter

„Der letzte Mieter“ // Deutschland-Start: 13. August 2020 (Kino)

Nachdem er sich schon den ganzen Tag mit unfreundlichen Kunden abgeben musste, muss Tobias Heine (Matthias Ziesing) nun auch noch seinem Vater (Wolfgang Packhäuser) zur Seite stehen, als dieser abermals mit dem Immobilienmakler Robert Görgens (Sebastian Achilles) verhandelt. Görgens und die Firma, die er vertritt, haben schon über Monate hinweg die Mieter der Straße und damit auch des Wohnblocks, in dem sein Vater seit mehreren Jahren wohnt, aus ihren Wohnungen vertrieben. Sein Vater und dessen Nachbarn sind die letzten Mieter, doch auch ihre Stunden sind gezählt, denn die Investoren und Baufahrzeuge warten schon, um mit den Arbeiten beginnen zu können. Doch sein Vater will nicht gehen, wird gegenüber seinem Sohn und dem Makler aggressiv bis die Lage eskaliert. In einer Kurzschlussreaktion nimmt Tobias Robert als Geisel sowie eine zur Hilfe kommende Polizistin Shirin (Pegah Ferydoni). Verzweifelt versucht er aus dem Makler die wahren Gründe für dessen Besuch bei seinem Vater herauszufinden, doch was zu hören bekommt, lässt Roberts Besuch in einem ganz anderen Licht erscheinen. Währenddessen spitzt sich vor dem Haus die Lage zu, denn Shirins Kollege hat derweil Verstärkung in Form einer SEK-Einheit zum Wohnhaus beordert.

Dramaturgie des Raumes
Nach einer ganzen Reihe von Kurzfilmen, die auf internationalen Festivals liefen und bisweilen auch ausgezeichnet wurden, legt der deutsche Regisseur Gregor Erler seinen ersten Langfilm vor. Mit Der letzte Mieter ist Erler nicht nur einer der wenigen Genrebeiträge im deutschen Kino gelungen, sondern behandelt zudem ein Thema mit hoher gesellschaftspolitischer Brisanz, nämlich die steigenden Mieten, gerade in den Großstädten, die um sich greifende Gentrifizierung und damit verbunden die immer größer werdende Kluft zwischen Arm und Reich. Mit einem geringen Budget verwirklichten er und sein Team das Projekt, von dessen Entstehung man sich beispielsweise über die dazugehörige Facebook-Seite ein Bild machen kann.

Klammert man die thematische Komponente von Der letzte Mieter für einen Moment aus, bietet sich ein für einen Thriller sehr interessant strukturiertes Szenario. Zwar mag der erfahrenen Tatort-Zuschauer das Sub-Genre des Geiseldramas bereits kennen, aber in vielerlei Hinsicht verabschiedet sich Erler von den immer sehr streng begrenzten Formeln des Fernsehkrimis. Ein wichtiger Bestandteil ist hierbei das für einen Regisseur gut zu kontrollierende Setting der Wohnung, die sowohl Gefängnis als auch Heimat für die Charaktere ist. Immer wieder streift Moritz Reineckes Kamera über die Textur dieser Wohnung, die rissigen Wände, die Möbel und den leicht vergilbten Teppich, fängt Fotos und andere Details ein, die diese wenigen Quadratmeter als Heimat identifizieren, also einen Ort, mit dessen Bedeutung der Zuschauer mehr als vertraut ist.

Auf der anderen Seite wirkt diese Dramaturgie des Raumes immer wieder auch bedrohlich, beinahe klaustrophobisch, je mehr sich die Lage für Tobias und seine Geiseln zuspitzt. Töne wie das immer lauter werdende Bohren der Bauarbeiter spiegeln die Zuspitzung der Lage wider, die Gefühlswelt der Figuren, von denen alle von einer Anspannung ergriffen sind, die sich scheinbar zu jeder Zeit entladen kann.

Recht zu Wohnen, Recht zu Sein
Die zweite Komponente dieses Films ist natürlich das Ensemble, welches Erler in seinem Film versammelt hat. Matthias Ziesing, der auch Produzent des Films ist, gibt eine überzeugende Vorstellung als ein Jedermann, ein Mensch, der nicht auffällt und auch nicht auffallen möchte. Vergleichbar mit Michael Douglas’ Charakter in Joel Schumachers sehr unterschätztem Falling Down – Ein ganz normaler Tag merkt man eine Spannung in seinem Gesicht, einen Druck, der sich über eine lange Zeit aufgestaut hat, an. Man kann nicht anders, als den Ursprung der Verzweiflung und seiner Wut zu verstehen, wünscht ihm aber doch, dass er einen anderen, besseren Weg finden könnte. Ihm gegenüber versucht Pegah Ferydoni als Polizistin in der Ausbildung diesen Ausbruch zu verhindern, ihn zu mildern und Schlimmeres zu verhindern, was ihrer sehr physischen Darstellung nicht zuletzt eine gewisse Tragik verleiht.

Credits

OT: „Der letzte Mieter“
Land: Deutschland
Jahr: 2018
Regie: Gregor Erler
Drehbuch: Gregor Erler, Benjamin Karalic
Musik: Rutger Hoedermakers
Kamera: Moritz Reinecke
Besetzung: Matthias Ziesing, Moritz Heidelbach, Tom Keune, Pegah Ferydoni, Conrad F. Geier, Wolfgang Packhäuser, Thilo Prothmann

Bilder

Trailer



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Der letzte Mieter
3.88 (77.5%) 16 Artikel bewerten

Der letzte Mieter
„Der letzte Mieter“ ist ein sehr clever inszenierter, toll gespielter Thriller mit einer (leider) sehr aktuellen Problematik, die nicht nur Deutschland betrifft. Hoffentlich kann Gregor Erlers Film auf eine erfolgreiche Kinoauswertung hoffen, denn auch wenn die Vergangenheit, in der das deutsche Kino gerne mal verschwindet, wichtig bleibt, so hat der Regisseur doch auch einen sehr engagierten Film zu einem Thema gemacht, das uns alle trifft und vielleicht auch treffen wird.
8von 10

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