Kritik

The Staggering Girl

„The Staggering Girl“ // Deutschland-Start: nicht angekündigt

Eine zufällig überhörte Konversation, mehr war es eigentlich nicht. Doch diese hat in Francesca Moretti (Julianne Moore) einiges losgetreten. Und so verlässt sie ihre schicke Wohnung in New York, um nach Italien zurückzukehren, das Land, in dem sie geboren wurde. Ihre Mutter (Marthe Keller) lebt noch immer dort, alt und gebrechlich ist sie geworden, weshalb Francesca sie mitnehmen möchte, zu sich in die USA. Aber diese Zukunftspläne machen immer wieder der Vergangenheit Platz, als sie sich an früher erinnert und an die nicht immer einfachen Verhältnisse …

Filme dreht Luca Guadagnino eigentlich schon seit über zwanzig Jahren. Doch seitdem er begonnen hat, bei seinen Werken ein internationales Ensemble um sich zu versammeln, wurde der Name auch weit über seine Heimat Italien hinaus zu einer Marke. Erst war es der Erotikthriller A Bigger Splash, mit dem er Aufmerksamkeit erregte, danach das preisgekrönte LGBT-Drama Call Me by Your Name, zuletzt das umstrittene Horrorremake Suspiria. Drei Filme, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten.

Große Namen, wenig Inhalt
Entsprechend groß war die Neugierde, wie wohl The Staggering Girl ausfallen würde, der erste Kurzfilm des Regisseurs seit vielen Jahren. An prominenter Besetzung mangelte es schon mal nicht. Neben Moore, welche die Hauptrolle spielt, gehören beispielsweise Mia Goth und Kyle MacLachlan zum Ensemble. Der Soundtrack wiederum stammt vom japanischen Starkomponisten Ryuichi Sakamoto, der für Der letzte Kaiser mit einem Oscar ausgezeichnet wurde. Und dann wäre da noch Pierpaolo Piccioli, der Creative Director der italienischen Modemarke Valentino, mit dem Guadagnino hier zusammenarbeitet.

Tatsächlich wird dem Kurzfilm, der in Cannes 2019 Premiere feierte, auch des Öfteren vorgeworfen, er sei lediglich ein überlanger Werbeclip für die Kreationen Picciolis. Das ist nicht ganz von der Hand zu weisen. Einige Stellen scheinen wirklich nur dafür zu existieren, möglichst viele schöne Kleider präsentieren zu dürfen. Der Inhalt wiederum ist recht dünn, wenn der Trip in die Heimat gleichzeitig ein Trip in die Vergangenheit darstellt, der mit vielen Erinnerungen einhergeht. Relevant sind die nicht zwangsweise, dafür aber verwirrend.

Ein Traum im hier und gestern
Dass Guadagnino ein Faible für etwas andere Sphären hat, das hat er in seinen vergangenen Filmen mehrfach bewiesen. Bei The Staggering Girl tobt er sich nun völlig aus. Beispielsweise spielt Kyle MacLachlan die Rolle mehrerer Verflossenen in dem Film, die Mutter wird wiederum abwechselnd von Goth und Keller verkörpert, je nachdem ob wir uns in der Vergangenheit oder Gegenwart aufhalten. Tatsächlich ähnlich sehen die beiden Schauspielerinnen sich nicht. Sie sprechen auch anders: Goth mit britischem Akzent, Keller mit deutschem, Keller wechselt irgendwann auch gleich ganz ins Deutsche.

All das führt dazu, dass der Film eine betont traumartige Atmosphäre entwickelt. Alles ist im Fluss, geht ineinander über, auch wenn das Ganze überhaupt keinen Sinn ergibt. Wie viel man dem Drama abgewinnt, hängt nicht zuletzt dann auch davon ab, wie sehr man sich darin treiben lassen kann. Wer für eine Weile seine Rationalität ausschalten kann, der darf sich hier von den schönen Bildern und Sakamotos sphärischen Klängen verzaubern lassen. Wer hingegen eine Handlung braucht oder etwas Handfestes, für den wird das hier viel Gesäusel um Nichts sein.

Credits

OT: „The Staggering Girl“
Land: Italien
Jahr: 2019
Regie: Luca Guadagnino
Drehbuch: Michael Mitnick
Musik: Ryuichi Sakamoto
Kamera: Sayombhu Mukdeeprom
Besetzung: Julianne MooreMia Goth, KiKi Layne, Kyle MacLachlan, Marthe Keller

Trailer

Filmfeste

Cannes 2019



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The Staggering Girl
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The Staggering Girl
„The Staggering Girl“ ist ein atmosphärischer Kurzfilm über eine Frau, die in ihre Heimat zurückkehrt und dabei von ihren Erinnerungen eingeholt wird. Das Drama gefällt dabei durch die traumartige Atmosphäre, die schönen Bilder und die stimmungsvolle Musik, während der Inhalt selbst ausgesprochen dünn ausfällt.
7von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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