(„The Last Emperor“ directed by Bernardo Bertolucci, 1987)

Der letzte Kaiser

„Der letzte Kaiser“ ist im Rahmen der Award Winning Collection seit 19. Februar auf DVD und Blu-ray erhältlich

Gerade einmal zwei Jahre ist Puyi alt, als er 1908 in die Verbotene Stadt gebracht wird. Die herrschende Kaiserinwitwe Cixi (Lisa Lu) liegt im Sterben und hat den Jungen dazu auserkoren, nach ihr den Drachenthron zu besteigen. Doch das höchste Amt im Reich der Mitte brachte Puyi zeitlebens kein Glück. Als Kind litt er sehr unter den vielen Regeln und Bestimmungen, erst als der schottische Tutor Reginald Johnston (Peter O’Toole) sein Leben betritt und Geschichten aus dem Ausland mitbringt, blüht der Monarch auf. Doch die Freude währt nicht lang, längst haben Revolutionäre das Land unter ihre Kontrolle gebracht. Und plötzlich muss der mächtige Clan um sein eigenes Leben fürchten.

Neun Oscarauszeichnungen – und damit der große Gewinner 1988 –, viele weitere Preise, mehre Monate in den Top 10 der US-Kinocharts, das muss man mit einem Biopic erst einmal schaffen. Doch Der letzte Kaiser erzählt eben nicht von einem gewöhnlichen Menschen, sondern jemandem, der wie kein anderer für die massiven Umwälzungen im China des 20. Jahrhunderts steht. Prunk und Elend, Macht und Unterwerfung, Anbetung und Anfeindung, hier liegt alles dicht beieinander und wird von Starregisseur und Ko-Autor Bernardo Bertolucci (Der letzte Tango in Paris, Die Träumer) auch fein säuberlich aufgereiht.

Nun sind selbst die stolzen 160 Minuten, welche Der letzte Kaiser dauert, kaum genug, um einem ganzen Leben, vor allem aber einer ganzen Nation im Umbruch gerecht zu werden. Vieles wird hier deshalb auch nur gestreift. Da werden mitunter Jahre übersprungen, Personen haben plötzlich das Sagen, ohne dass sie vorher wirklich eingeführt wurden. Nicht einmal die Verwandtschaftsverhältnisse am Hof werden ausreichend erklärt, so dass sich dem Zuschauer ohne Vorkenntnisse nicht alles gleich erschließt. Gleichzeitig fühlt man sich zuweilen etwas erschlagen von der Informationsflut, den vielen Ereignissen und Figuren, die an einem vorbeirauschen. Und doch überwiegt am Ende nicht der Frust sondern die Faszination, man will mehr wissen über Puyi, sein Umfeld, das Land.

Dass dieser Ritt durch die Jahrzehnte einigermaßen stimmig erzählt wird, verdankt Der letzte Kaiser einem kleinen Kniff: Bertolucci fügte eine Art Rahmenhandlung ein, indem seine Geschichte mit dem bald 50-jährigen Puyi beginnt, der sich für seine Kollaboration mit den Japanern während des Zweiten Weltkrieges zu verantworten hat, ist der Blick nach hinten auch dramaturgisch gerechtfertigt. Was wir über seine Vergangenheit erfahren, geschieht entweder durch Flashbacks, wenn er über seine Kindheit nachdenkt, oder indem er direkt von den Behörden in einem Verhör darauf angesprochen wird. Die Rahmenhandlung an sich ist nicht übermäßig ausgearbeitet, muss sie aber auch nicht sein, denn als Stichwortgeber für eine Lebensschau reicht sie allemal aus.

Und diese Lebensschau könnte unterschiedlicher nicht, steckt voller Höhen und Tiefen. In ihrer Gesamtheit natürlich dramatisch mischen sich auch immer wieder humorvolle Elemente mit hinein. Wunderbar absurd beispielsweise zeigt sich eine Szene aus der Kindheit, wenn Puyi und sein Bruder durch den Hof rennen und der gesamte Hofstaat in einer langen Schlange hinterher, um so die Etikette zu wahren. Sinnbildlich steht dieser Moment für ein ganzes Leben, das durch außen bestimmt war, dessen Versuch auszubrechen immer wieder von der Vergangenheit und den Machtbestrebungen anderer ausgebremst wurde.

Damit ist Der letzte Kaiser nicht nur ein starkes Porträt eines Individuums, sondern bietet auch Einblicke in die Geschichte und Überzeugungen Chinas. Vieles davon ist fremd, geradezu exotisch, und dennoch – oder gerade deshalb – starrt man gespannt auf den Bildschirm. Das liegt natürlich auch an der opulenten Ausstattung, die nicht nur mit prachtvollen Kostümen und Masken sowie tausenden Kumpanen punktet, sondern auch mit tatsächlichen Originalschauplätzen: Als erster Film überhaupt durfte Der letzte Kaiser in der Verbotenen Stadt gefilmt werden, war darüber hinaus nicht der Zensur Chinas unterworfen. Und so ist der Film auch ein erstaunlich neutrales Abbild der Geschichte, in der Revolutionäre, Japaner, ja sogar der Kaiser selbst ihre dunklen Momente haben, man nicht versucht, sich die Geschehnisse zu eigen zu machen. Allein deshalb sollten alle mit einem Interesse an der Historie des Reichs der Mitte den Klassiker einmal gesehen haben. Aber auch für andere lohnt sich der Ausflug, sofern sie sich nicht von der Opulenz und der fragmentarischen Erzählweise abschrecken lassen.

Der letzte Kaiser
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Der letzte Kaiser
Wie kam der letzte Kaiser Chinas an die Macht? Wie verlor er sie? Das wird hier zwar nur teilweise verraten, viele Informationen werden vorenthalten, an anderen Stellen dafür umso ausschweifender erzählt. Und doch ist „Der letzte Kaiser“ das faszinierende und bildgewaltige Porträt eines Mannes, dessen Leben immer von anderen bestimmt wurde. Und das eines Landes in Aufruhr, das sich nach einer langen Kaiserzeit selbst neu erfand.
8von 10

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