Kritik

Paradise Drifters

„Paradise Drifters“ // Deutschland-Start: nicht angekündigt

Sie haben keine Bleibe und auch sonst keinen Grund zu bleiben. Yousef (Bilal Wahib), Chloe (Tamar van Waning) und Lorenzo (Jonas Smulders) sind so frei, wie man als junger Mensch sein kann, der keine Verpflichtungen hat, keine echten Bindungen. Oder Perspektiven. Dafür haben sie ein Ziel: irgendwo da unten im Süden Europas, wo die Sonne scheint und vielleicht auch das Glück auf sie wartet. Doch das bedeutet gleichzeitig, dass sie Mittel und Wege finden müssen, ein jeder für sich und alle gemeinsam, denn kein Traum, so frei er auch sein mag, ist umsonst …

Die Filmwelt ist voller junger Menschen, die ein bisschen orientierungslos durch die Welt stolpern und nach Halt suchen, nach einem Ziel, vielleicht auch sich selbst. Oft handelt es sich dabei um Figuren, die irgendwo zwischen ihren Kinderschuhen und Erwachsenenausweisen stecken, weder in den einen, noch in den anderen Bereich gehören. Dazu gehören auch: die Begegnung mit amourösen Gefühlen und dem eigenen Körper, in Verbindung mit einer Abkoppelung von den Eltern. Man will eben nicht einfach nur noch Sohn oder Tochter sein, sondern ein unabhängiger, selbständiger Mensch. Man weiß nur nicht so recht, wie das geht.

Die Freiheit der Geldlosen
In Paradise Drifters erleben wir ebenfalls ein paar junge Menschen, die nicht so recht wissen, wo sie stehen und wohin sie gehören. Doch anders als bei den meisten Coming-of-Age-Filmen wird diese Orientierungslosigkeit nicht zwangsweise als Hindernis angesehen, das es zu überwinden gilt. Mit Schwierigkeiten haben die Figuren hier zu kämpfen, sicher. Aber das hängt oft mit der prekären finanziellen Situation zusammen. Denn irgendwoher muss das Geld ja kommen, das ihnen das Leben in Freiheit finanziert. Und das kann durchaus bedeuten, sich in eine neue Abhängigkeit zu begeben – siehe Chloe, die einen grausamen Deal dafür einzugehen bereit ist.

Es ist schon ein ungewöhnlicher Film, den der niederländische Regisseur und Drehbuchautor Mees Peijnenburg da abgeliefert hat. Eigentlich bringt sein Spielfilmdebüt alles mit, was so ein richtiges Problemdrama braucht, wenn er von einer verloren wirkenden Generation erzählt. Nur dass Paradise Drifters sich von einem Urteil über die drei fernhält, es hier offen bleibt, ob dieses Leben nun richtig oder falsch ist, gut oder schlecht. Es ist nicht einmal so, dass aus den Schicksalen zwangsläufig eine Allgemeingültigkeit hervorgeht. Yousef, Chloe und Lorenzo sind eine Reaktion auf die heutige Gesellschaft, indem sie aus ihr ausbrechen wollen. Aber sie sind nicht zwangsläufig der Gegenentwurf.

Momentaufnahmen statt rotem Faden
Dass das Drama nicht ganz greifbar wird, liegt auch in der Erzählstruktur. Paradise Drifters, das auf der Berlinale 2020 Deutschlandpremiere feiert, verzichtet auf einen klaren roten Faden, zieht es stattdessen vor, immer wieder einzelne Momente aus der Reise der drei herauszugreifen, flüchtige Begegnungen und spontane Schnappschüsse. Die einzelnen Szenen können sich mal auseinander ergeben, müssen das jedoch nicht zwangsweise. An vielen Stellen steht eher die Stimmung im Fokus, eine Art Lebensgefühl, weniger eine konkrete Geschichte, die sich an einer traditionellen Handlung orientiert.

Paradise Drifters ist deshalb kein Film, der darauf aus ist, am Ende eine größere Erkenntnis beschert zu haben. Die Figuren sind nicht schlauer geworden, auch das Publikum wird nicht mit neuen Einsichten den Kinosaal verlassen. Paradise Drifters ist ein rauer Film, ungeschminkt, zeitweilig wie ein Dokumentarfilm, dabei gleichzeitig poetisch entrückt. Ein Film der Gewalt, ein Film der Zärtlichkeit. Darauf muss man sich einlassen können, ebenso auf die Figuren, die unmittelbar sind, dabei ein bisschen fremd bleiben. Vielleicht wartet auf der Zielgeraden nicht das große Glück, dass sich die drei erhofft haben. Dafür aber das Leben in seinen schönen und hässlichen Facetten, mit den kleinen Triumphen und den Enttäuschungen, die der Tag, der Monat, das Jahr mit sich bringen, ob man nun auf Wanderschaft ist oder seinen Ort bereits gefunden hat.

Credits

OT: „Paradise Drifters“
Land: Niederlande
Jahr: 2020
Regie: Mees Peijnenburg
Drehbuch: Mees Peijnenburg
Musik: Ella van der Woude, Juho Nurmela
Kamera: Jasper Wolf
Besetzung: Jonas Smulders, Tamar van Waning, Bilal Wahib, Joren Seldeslachts

Bilder

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Paradise Drifters
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Paradise Drifters
„Paradise Drifters“ erzählt die Geschichte von drei ungebundenen jungen Menschen, die auf der Reise und der Suche nach dem Glück sind. Einen tatsächlich roten Faden finden sie unterwegs nicht. Dafür besteht das Drama aus zahlreichen Momentaufnahmen, zwischen rau und poetisch, die vielleicht keine Erkenntnis mit sich bringen, dafür aber das Leben in seinen unterschiedlichsten Facetten zeigen.
7von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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