Kritik

„Kill It and Leave This Town“ // Deutschland-Start: nicht angekündigt

Gut Ding will Weile haben. Ein paar Jahre hatte Mariusz Wilczyński veranschlagt, um nach einigen Kurzfilmen seinen ersten Spielfilm zu drehen. Am Ende waren es elf, die der polnische Regisseur und Drehbuchautor an Kill It and Leave This Town arbeitete, bevor dieser auf der Berlinale 2020 seine Premiere feierte. Ob sich für ihn die viele Zeit gelohnt hat, das muss dieser selbst entscheiden. Aber man darf als Zuschauer dankbar sein, dass sein Magnum Opus doch noch einen Abschluss gefunden hat. Nicht nur, dass der Animationsfilm ein würdiger Beitrag in der neu gegründeten Sektion Encounters ist. Es handelt sich auch um einen Animationsfilm, den man im Anschluss kaum wieder vergessen wird.

Ein Traum abseits des Lebens
Dabei ist es gar nicht so einfach zu sagen, was genau Kill It and Leave This Town denn ist. Der offiziellen Beschreibung zufolge hat Wilczyński hiermit eine Art Autobiografie gedreht, indem er vergangene Ereignisse und ferne Erinnerungen zu einem gemeinsamen Werk zusammenfügte. Doch wo solche Biopics meistens einen bestimmten Erzählstrang oder ein konkretes Thema verfolgten, mindestens aber chronologisch aufbereitet sind, da verweigert sich das Animationsdrama einer eindeutigen Lesart. Vielmehr folgt es einer Art Traumlogik, wenn Geschichten, Bilder und Personen miteinander verschmelzen, wie es da draußen in der Welt nicht möglich ist.

Eine tatsächliche Inhaltsangabe ist hier deshalb weder sinnvoll noch möglich, Kill It and Leave This Town ist mehr eine Erfahrung als eine Geschichte. Das soll jedoch nicht bedeuten, dass Wilczyński nichts zu erzählen hatte. Tatsächlich ist sein Werk vollgestopft mit spannenden Ereignissen und Begegnungen, mit tiefgründigen Auseinandersetzungen und Gedanken. Die können teilweise sehr persönlicher Natur sein, etwa in den Szenen mit der Mutter oder bei einem Tagesausflug an den Strand. Andere scheinen eher die Vergangenheit Polens näher beleuchten zu wollen. Dann wiederum gibt es Momente, die so surreal sind, dass man sie nichts wirklich zuordnen könnte.

Eine fremde Erinnerung
Begleitet werden diese Bewusstseinsfetzen von sehr düsteren Bildern. An manchen Stellen erinnern die an den großen amerikanischen Indie-Regisseur Bill Plympton (Idiots and Angels), sind ebenso grob, teils brutal in ihrer schroffen Sonderbarkeit, die gleichzeitig real und verzerrt ist. Teilweise fühlt man sich auch an Night on the Galactic Railroad erinnert, wegen der häufigen Zugthematik und einer katzenähnlichen Figur. Aber auch der Hang zur Melancholie und Nachdenklichkeit verbindet Kill It and Leave This Town mit dem Animeklassiker um eine surreale Reise durch das Universum.

Wer alternative Animationsfilme mag, die auch ein bisschen zum Grübeln einladen, es sogar voraussetzen, für den ist das hier ein Fest. So lange Wilczyński an diesem Kleinod gearbeitet haben mag, so lange kann man sich selbst damit beschäftigen, aus all dem irgendwie schlau werden zu wollen, Puzzleteile zusammenzusetzen oder wenigstens Hypothesen aufzustellen. Wer hingegen klare Geschichten braucht oder schöne Bilder, der wird kaum glücklich werden: Kill It and Leave This Town ist ein gemächliches Drama, in dem nichts passiert, in dem gleichzeitig sehr viel passiert, eine faszinierende Reise in einen Geist, eine Seele, von der man verändert wiederkommt. Sofern man sie denn überlebt hat.

Credits

OT: „Zabij to i wyjedz z tego miasta“
Land: Polen
Jahr: 2020
Regie: Mariusz Wilczyński
Drehbuch: Mariusz Wilczyński
Musik: Tadeusz Nalepa

Bilder

Trailer



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Kill It and Leave This Town
4.26 (85.26%) 19 Artikel bewerten

Kill It and Leave This Town
„Kill It and Leave This Town“ ist ein ausgesprochen düsterer und rätselhafter Animationsfilm, voller persönlicher Momente, Erinnerungen und Sonderbarkeiten. Die traumartige Atmosphäre und die bewusst hässlichen Bilder werden sicher nicht jedem gefallen. Doch wer erwachsene Werke zu schätzen weiß, über die man noch lange rätselt, sollte sich dieses hier nicht entgehen lassen.
7von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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