Kritik

Gerry

„Gerry“ // Deutschland-Start: 9. August 2005 (DVD)

Das Ziel ist klar: Als die beiden Freunde (Casey Affleck, Matt Damon) sich auf den Weg in die Wüste machen, dann weil sie das Ding sehen wollen, das am Ende sein soll. Was es ist, wissen sie gar nicht so genau, auch nicht, wie sie dorthin kommen. Andererseits, alle Wege führen dorthin, dessen sind sie sich sicher. Und so verlassen sie den Pfad, an dem gerade noch andere Wandergruppen vorbeigekommen sind, laufen querfeldein. Bald dämmert ihnen jedoch, dass das vielleicht nicht ganz so ratsam war, was auch immer sie versuchen, sie kommen weder an ihr Ziel – noch zurück.

Eines muss man Gus Van Sant lassen: Man weiß nie so recht, was man von dem Regisseur halten soll. Wer sich seine Filmografie anschaut, geht von einem Hit zum Flop, von einem Kritikerliebling zur absoluten Gurke, so als wären die Werke von völlig verschiedenen Filmemachern. Da finden sich hoch gelobte Klassiker wie Good Will Hunting und Milk mit einer eben so großen Selbstverständlichkeit wie das missglückte Psycho-Remake oder die für mehrere Goldene Himbeeren nominierte Buchadaption Even Cowgirls Get the Blues. Zuletzt folgte auf das fürchterliche Esoterikdrama The Sea of Trees das ungleich gefälligere Biopic Don’t worry, weglaufen geht nicht über den körperlich behinderten Comic-Künstler John Callahan.

Viel Streit um Nichts
Und dann wäre da noch Gerry. Die Reaktionen auf das 2002 veröffentlichte Dramas sind bis heute sehr gemischt. Manche hassen es, andere lieben es, ein Großteil wird sich nur verlegen am Kopf kratzen, weil er keine Ahnung hat, was mit dem Ganzen anzufangen ist. Dabei hat der Film einen durchaus realen, handfesten Kern: Gus Van Sant ließ sich von einer wahren Geschichte inspirieren, als zwei gute Freunde gemeinsam die Würste durchquerten, sich dabei aber hoffnungslos verliefen. Das ist eine zweifelsfrei unangenehme Erfahrung, für die Betroffenen zumindest. Für die Zuschauer und Zuschauerinnen verspricht es jedoch jede Menge Spannung.

Mit einem klassischen Survival-Abenteuer hat Gerry dennoch nichts zu tun. Es gibt keine wilden Tiere, gegen die die beiden kämpfen müssen, keine tragischen Unfälle, welche das Duo schwer verletzt zurücklassen. Es ist nicht einmal so, dass die Landschaft derart lebensfeindlich ist, dass jeder Schritt dein letzter sein könnte. Natürlich sind die Temperaturen hoch, die Sonne scheint unerbittlich vom Himmel. Doch das wird erst auf Dauer ein Problem, zumindest zu Beginn sehen wir die zwei und auch die anderen Wanderlustigen in ganz normaler Kleidung entspannt durch die Gegend spazieren. Ein Wüsten-Pendant etwa zu Arctic ist das hier nicht.

Das faszinierende Schweigen
Wobei die beiden Filme durchaus etwas gemeinsam haben: Gesprochen wird darin kaum. Während das beim eisigen Trip nachvollziehbar ist, ist die Sprachlosigkeit von Gerry durchaus überraschend. Ein derartiges Szenario lädt geradezu zu tiefgründigen Gesprächen ein, über die existenziellen Dinge dieser Welt. Stattdessen gibt es das eine oder andere alltägliche Gespräch, so beiläufig, dass es für ein außenstehendes Publikum kaum greifbar wird. Und ansonsten: Schweigen. Das ist ausgesprochen mutig, Van Sant, Affleck und Damon, die alle an dem Drehbuch – sofern man es als solches bezeichnen wollte – gearbeitet haben, verzichten auf erlösende Dialoge oder kunstvoll herausgearbeitete Gedanken, welche die Erfahrung etwas greifbarer machen. Wer beispielsweise die berühmte Ess-Szene aus A Ghost Story schon als Zumutung empfand, der braucht das hier erst gar nicht zu versuchen. Über weite Strecken ist der Film so etwas wie eine Lauf-Doku.

Aber das ist gleichzeitig auch irgendwie das Faszinierende daran. Gerry entzieht sich so konsequent den Ansprüchen eines narrativen Kinos, dass man sich als Zuschauer im Stich gelassen fühlt. Das Ergebnis ist selbst eine Art existenzielle Erfahrung, in Teilen auch ausgesprochen surreal. So als würde das nicht tatsächlich geschehen, indem eben nichts geschieht. Aber auch die wachsenden Irritationen zwischen den beiden Protagonisten sind sehenswert: Während die Kamera wundervolle Bilder einfängt, die jeder Naturdoku würdig wären, rutschen die Freunde immer tiefer in einen Abgrund, der gleichzeitig menschlich und unmenschlich ist, von dem man auch nicht sagen kann, ob er schon immer da war, unbemerkt, lauernd, und ob wir ihm überhaupt entkommen können.

Credits

OT: „Gerry“
Land: USA
Jahr: 2002
Regie: Gus Van Sant
Drehbuch: Gus Van Sant, Casey Affleck, Matt Damon
Musik: Arvo Pärt
Kamera: Harris Savides
Besetzung: Casey Affleck, Matt Damon

Trailer

Filmfeste

Sundance 2002
Locarno 2002
Toronto International Film Festival 2002
International Film Festival Rotterdam 2003

Filmpreise

Preis Jahr Kategorie Ergebnis
Independent Spirit Awards 2003 Beste Regie Gus Van Sant Nominierung
Beste Kamera Harris Savides Nominierung

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Gerry
3.87 (77.33%) 15 Artikel bewerten

Gerry
„Gerry“ beginnt wie ein klassischer Abenteuerfilm, wenn zwei Freunde in einer Wüste verlorengehen und versuchen, wieder herauszufinden. Doch die eigentlichen Gefahren warten auf die Freundschaft an sich, wenn vor wunderschöner Kulisse die Spannungen zunehmen. Eine Handlung sollte man dabei jedoch nicht erwarten, das Survival-Drama ist eine faszinierend-fordernde Stille, die anderthalb Stunden dauert und sich typischer Narrationserwartungen verweigert.
7von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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