Kritik

Den Aasgeiern eiskalt serviert Callan

„Den Aasgeiern eiskalt serviert“ // Deutschland-Start: 21. Februar 2020 (DVD)

Nachdem er bei einer Mission die Nerven verloren hat, ist David Callan (Edward Woodward) vom britischen Geheimdienst fallen gelassen worden. In der Folge sucht er sich einen Job als Gehilfe  im Büro eines Buchhalters und versucht, so gut es eben geht, einen klaren Kopf zu bewahren, was für ihn heißt, sich vom Alkohol fernzuhalten. Jedoch hat der MI6 noch nicht mit Callan abgeschlossen, sodass ihm sein Boss Colonel Hunter (Eric Porter) einen Auftrag gibt, der für den ehemaligen Agenten eine Chance bedeutet, wieder ein richtiger Agent zu werden. Sein Ziel ist Schneider (Carl Möhner), ein deutscher Geschäftsmann, und Callan soll ihn ermorden. Sogleich macht sich der Ex-Agent an die Arbeit, trainiert hart, um wieder in Form zu kommen und sucht gleichzeitig den Kontakt zur Zielperson. Als Callan misstrauisch wird, warum Schneider zum Ziel geworden ist, kommt er nicht nur dessen Vergangenheit auf die Spur, sondern gerät gleich selbst ins Fadenkreuz seiner Auftraggeber.

Der innere Feind
Zwischen 1967 und 1972 lief die Serie Callan im britischen Fernsehen und zeigte die Missionen David Callans, eines Agenten des Geheimdienstes, dem selbst extreme Methoden wie Folter oder Mord erlaubt sind, wenn sie zum Erfolg führen. Hinter der Serie stand Autor James Mitchell, aus dessen Feder verschiedene Thriller und Agentenromane stammen und der, basierend auf seinem Drehbuch für die Pilotfolge der Serie, auch das Skript zum Film schrieb. Die Regie übernahm der für seine Filme für die Hammer Studios bekannte Regisseur Don Sharp, der die dunkle Welt, in der sich eine Figur wie Callan bewegt, für das Kino entwerfen sollte.

Bereits 1965 gelang Regisseur Sidney J. Furie mit Ipcress – Streng Geheim eine Art Gegenentwurf zu der Welt, in der sich James Bond bewegt. Während der eine durch die Welt reist an exotische Orte, mit schönen Frauen schläft und sich mit Bösewichtern duelliert, ist die Welt des von Michael Caine gespielten Harry Palmer von Bürokratie und Hierarchien geprägt, in der man, getrieben von Ambition, Agenten gegeneinander ausspielt. Im Prinzip ist eine Figur wie David Callan ein Seelenverwandter dieses Harry Palmer, denn auch wenn sich sein Kampf nicht gegen die zermürbende Linientreue des Geheimdienstes geht, so ist er doch gefangen in einer Organisation, in der Täuschung und Betrug an der Tagesordnung sind.

Naturgemäß hat seine Tätigkeit bei ihm Spuren hinterlassen. Durch strikte Regeln und feste Routinen hat Callan Disziplin in sein Leben gebracht, hat Mauern gebaut, die ihn vor dem Verfall in die Sucht schützen sollen. In einer eindrucksvollen Szene sehen wir ihn wie er eine Art Matsch in einer Plastikschüssel mit den Fäusten bearbeitet, geradezu auf diesen einprügelt, dabei immer wieder fast sehnsüchtig den Blick zur Flasche Schnaps richtet. Es sind Bilder wie diese, die einen raren Blick hinter die harte Schale dieses Menschen werfen, der sich immer zwischen äußerster Brutalität bewegt und gespenstischer Ruhe. Disziplin, Ruhe und eine gehörige Brise Zynismus bilden den Schutzschild Callans, welcher gleichzeitig ein Abbild der Welt ist, in der er sich bewegt.

Kriegsschauplätze
Bisweilen erinnert eine Figur wie Callan an jene Geschichten von Soldaten, die nach Jahren im Einsatz scheinbar nicht mehr ohne den Krieg können, dieser zu einem ständigen Begleiter geworden ist und ein normales Leben unmöglich macht. Auch ohne Uniform ist Callan doch ein solcher Soldat, einer, der sich als Teil eines Machtapparates begreift, für den er selbst nichts weiter als ein kleines Licht ist.

Der Schauplatz des Krieges, ein Spielfeld, auf dem er und Schneider ein „Kriegsspiel“ ausfechten, nämlich die Schlacht von Gettysburg mit Miniatursoldaten, ist die Schlüsselszene dieses cleveren, düsteren Films. Hier begegnen sich zwei Männer auf einem Schlachtfeld, was sie nur zu gut kennen, welches sie beherrschen und bis in ihr Herz hinein durchströmt. Man fragt sich, ob sie, wie Callans Auftraggeber, noch wissen, ob es sich bei den Opfern dieses Krieges noch um Spielfiguren oder um reale Menschen handelt.

Credits

OT: „Callan“
Land: UK
Jahr: 1974
Regie: Don Sharp
Drehbuch: James Mitchell
Vorlage:James Mitchell
Musik: Wilfred Josephs
Kamera: Stéphane Fontaine
Besetzung: Edward Woodward, Eric Porter, Carl Möhner, Peter Egan, Russell Hunter

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Den Aasgeiern eiskalt serviert
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Den Aasgeiern eiskalt serviert
„Den Aasgeiern eiskalt serviert“ ist, dem blödsinnigen deutschen Titel zum Trotz, ein spannender Agentenfilm über die Folgen eines Lebens in einem Krieg, der keine klaren Fronten kennt, über Identität und Täuschung. Filmfans, die besonders Agenten- und Spionagefilme zu schätzen wissen, werden vieles an diesem Film finden, was ihnen gefallen wird.
8von 10

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