Kritik

Anders essen

„Anders essen – Das Experiment“ // Deutschland-Start: 27. Februar 2020 (Kino)

Wir essen zu viel, wir essen vor allem falsch. Zugegeben, das ist keine besonders neue Erkenntnis, in den letzten Jahren wurde viel darüber gesprochen, geschrieben oder auch gedreht, dass sich dringend etwas ändern muss. Es ist nicht alleine, dass wir unseren Körpern nicht unbedingt einen Gefallen tun, wenn wir kiloweise Zucker oder andere Geschmacksverstärker in uns hineinschütten, hauptsächlich Zeug essen, das irgendwie lecker und bequem ist, anstatt uns frisches Obst oder Gemüse zuzufügen. Wir tun auch der Erde keinen Gefallen, wenn wir zum Erfüllen unserer Gelüste Billig- und Fertigware in uns hineinschaufeln. Denn auch die hat ihren Preis, wie uns Anders essen – Das Experiment vorrechnet. Einen versteckten jedoch.

4.400 m2 lautet dieser Preis. Eine solche Fläche beansprucht bei uns im Schnitt jeder Mensch für sich, damit die zu sich genommenen Nahrungsmittel angebaut werden können. Das bedeutet Getreide, Obst und Gemüse. Es bedeutet vor allem auch Fleisch oder tierische Produkte, die besonders viel Raum brauchen, damit sie am Ende auf unserem Teller landen können. Das klingt beachtlich, entspricht der Größe eines kleinen Fußballfeldes. Das Problem hierbei: Unsere Erde ist gar nicht groß genug, damit alle sich auf diese Weise ernähren können. Tatsächlich steht den Menschen im Schnitt nur die Hälfte davon zur Verfügung. Die Anbaufläche, die wir in Beschlag nehmen, die fehlt damit logischerweise den anderen.

Auf dem Weg zur Hälfte
Anders essen – Das Experiment tritt damit in die Fußstapfen anderer Dokumentarfilme, die sich in den letzten Jahren mit bewusster Ernährung bzw. dem nachhaltigen Anbau beschäftigt haben, beispielsweise Unsere große kleine Farm oder Eating You Alive. Dabei verfolgt das Regieduo Kurt Langbein und Andrea Ernst aber nicht allein das Ziel, dem Publikum ein schlechtes Gewissen zu bereiten. Vielmehr steht im Vordergrund die Überlegung, wie wir denn aus diesen schlechten Gewohnheiten ausbrechen und eine Alternative schaffen können. Wie aus diesen 4.400 eine 2.200 werden kann.

Der Film, der pünktlich zur Fastenwoche in die Kinos kommt, verfolgt dabei zwei Ansätze. Zum einen schafft er für das Publikum ein paar Identifikationsfiguren. Hier werden uns eben nicht ein paar Weltverbesserer vor die Nase gesetzt, die ein derart vorbildliches Leben führen, dass man sie aus Prinzip schon nicht mag. Vielmehr entdecken wir mit ein paar ganz normalen Familien, was bei ihnen nicht ideal ist und was sich vielleicht ändern lässt. Da werden Tiefkühlpizzen gefuttert, Fleisch gehört immer irgendwie auf den Teller, es muss schnell gehen und nahrhaft sein. Oder wenigstens nahrhaft schmecken. Darin dürften sich die meisten wiederfinden können, die wenigsten sind hier irgendwie außergewöhnlich. Oder vorbildlich.

Bio ist besser, meistens
Gleichzeitig werfen die Filmemacher aber auch einen Blick auf die Produktionsseite. Wie schon in Langbeins Film Zeit für Utopien stellen sie Menschen vor, die eine Alternative suchen, ein besseren Weg, der nicht auf Ausbeutung und Preisdruck aus ist. Das bedeutet wie erwartet die Bekennung zu Bio, selbst wenn das am Ende teurer sein sollte. Wichtig ist aber auch, vorwiegend aus Produkte aus der Region zurückzugreifen. Denn ein Produkt kann noch so vorbildlich hergestellt worden sein, muss es erst durch die ganze Welt gekarrt werden, bleibt vom Vorteil nicht viel übrig, vor allem in ökologischer Hinsicht.

Aber selbst bei diesen mahnenden Worten bleibt der Ton aufmunternd, Anders essen versteift sich nicht darauf, anderen Leuten ins Gewissen reden zu wollen. Stattdessen soll der Film Mut machen, selbst ein bisschen was zu ändern, gern auch erst einmal in kleineren Schritten. Es muss ja nicht alles auf Anhieb klappen. Es ist sogar sympathisch, wie die Doku auch Momente des Frusts und des Scheiterns festhält, wenn das neue Essen irgendwie nicht so wirklich ankommt. Es geschmacklos ist, wie der eine Vater es auf den Punkt bringt. Da heißt es eben ein bisschen ausprobieren und experimentieren, dabei auch wieder ein Gefühl dafür entwickeln, was es heißt zu kochen und zu essen. Aus Ernährung wieder mehr zu machen als bunte Packungen und schnelle Rituale, bevor man zu etwas Wichtigerem übergeht.

Credits

OT: „Anders essen – Das Experiment“
Land: Österreich
Jahr: 2020
Regie: Kurt Langbein, Andrea Ernst
Kamera: Christian Roth, Michael Rottmann, Valentin Platzgummer

Bilder

Trailer



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Anders essen – Das Experiment
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Anders essen – Das Experiment
„Anders essen – Das Experiment“ führt uns vor Augen, wie falsch wir uns ernähren, aber auch wie man das wieder ändern kann, sowohl auf Konsumenten- wie auch Produzentenseite. Der Dokumentarfilm lockt dabei mit Versuchspersonen, die aus dem Leben gegriffen wurden und anhand deren Beispielen man den eigenen Konsum überdenkt – ohne zu sehr mit dem Zeigefinger auf die Leute loszugehen.
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Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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