Kritik

Maggie 2018

„Maggie“ // Deutschland-Start: nicht angekündigt

Das ist jetzt aber ziemlich peinlich! Als in einem Krankenhaus Aufnahmen aus dem Röntgenraum auftauchen, die ein Paar beim Sex zeigen, ist Krankenschwester Yun-young Yeo (Joo-young Lee) fest entschlossen, ihre Kündigung einzureichen. Schließlich könnten das ja sie und ihr Freund Sung-won (Koo Kyo-hwan) sein, nachdem sie die Röntgenbilder verglichen haben. Doch dann kommt es anders. Zufälligerweise ist am nächsten Morgen die komplette Belegschaft krank gemeldet, nur Yun-young und ihr Boss Dr Lee (So-ri Moon) sind noch da. Oder handelt es sich dabei doch nicht um einen Zufall? Das gilt es erst einmal herauszufinden. Gleichzeitig hat Sung-won ganz andere Sorgen, die ihn umtreiben …

Filme aus Südkorea haben im letzten Jahr einen gehörigen Popularitätsschub erhalten, Parasite und im geringeren Maße Burning haben dazu beigetragen, dass Regisseure aus dem asiatischen Land zumindest stärker wahrgenommen werden. Das wiederum steigert die Chancen, im Westen vielleicht ein etwas breiteres Angebot koreanischer Werke sehen zu dürfen. Veröffentlicht wird zwar immer mal wieder etwas. Meistens handelt es sich dabei jedoch um recht geradlinige Thriller. Die sind oft ebenfalls sehenswert, werden aber einem Filmland nicht gerecht, das zum einen sehr spannend ist und dessen Kinocharts die hiesigen in mehr als einer Hinsicht beschämt – unter anderem gehen dort doppelt so viele Menschen in die Kinos wie bei uns.

Seltsam, seltsam …
Der große Hit war Maggie dort aber auch nicht, vielleicht weil der Film selbst für die an Sonderbarkeiten gewohnten Landsleute ein bisschen seltsam war. Beispielsweise verzichtet Ok-seop Yi, die hier Regie führte und das Drehbuch mitschrieb, auf eine durchgängige Geschichte. Im Mittelpunkt stehen zwar das Paar bzw. die Chefin aus dem Krankenhaus. Die einzelnen Szenen haben aber höchstens zufällig mal etwas miteinander zu tun, bauen auch chronologisch nicht aufeinander auf. Lediglich der Einstieg, vom Fund der Röntgenaufnahmen bis zum Versuch herauszufinden, ob die anderen wirklich krank sind, verläuft linear. Danach zerfällt der Film in zahlreiche Vignetten.

Das mag sicherlich damit zusammenhängen, dass Yi zuvor lediglich Kurzfilme gedreht hat und Maggie ihren ersten Versuch darstellt, eine längere Geschichte zu erzählen. Oftmals hat man dann auch den Eindruck, eher eine Kurzfilmsammlung anzuschauen als ein tatsächlich narratives Werk. Doch das muss nicht unbedingt ein Nachteil sein, zumal die vielen Einzelmomente oft so seltsam sind, dass es ohnehin schwer geworden wäre, Kontexte zu schaffen. In welcher Welt ergibt es schließlich tatsächlich Sinn, wenn Welse als Erzähler auftreten und überall tiefe Löcher auftauchen?

Darf ich das glauben?
Das Ergebnis ist so, als hätte man Alice im Wunderland mit Das melancholische Mädchen gekreuzt, wenn surreale Elemente auf allgemeine Überlegungen treffen. Eines der wiederkehrenden Themen dabei: Vertrauen. Geht es der Welt besser, wenn man erst einmal alles glaubt, so offensichtlich gelogen es auch sein mag? Sollte man sich über die besagten Löcher ärgern oder zumindest wundern oder fährt man doch besser, wenn man sie einfach umfährt? Die Beziehung des Paares fällt so zunehmend in sich zusammen, während auch drumherum alle lügen, ob das nun gerade sinnvoll ist oder nicht. Maggie, das ist ein Film über eine Welt, die sich schwer mit der Wahrheit tut, mal dagegen ankämpft, mal auch vorab kapituliert.

Zu einer endgültigen Aussage reicht das nicht aus, dafür ist die Komödie, die unter anderem beim Filmfest München 2019 lief, zu wenig konkret, zu bewusst abseitig. Obwohl der Film gerade mal anderthalb Stunden lang ist, dürften so manche hier vorzeitig abschalten, physisch oder geistig. Anders als die obigen Beispiele aus Südkorea lässt sich hieraus auch nur wenig gesellschaftlich Relevantes herauslesen, von den leicht satirischen Szenen zum Umgang mit Arbeit einmal abgesehen. Doch wer sich auf schräge Miniaturgeschichten einlassen kann, der kann hier durchaus Spaß haben, auch wegen einiger ungewöhnlicher Bilder, die sich immer wieder in den Alltag schmuggeln.

Credits

OT: „Maggie“
Land: Südkorea
Jahr: 2018
Regie: Ok-seop Yi
Drehbuch: Ok-seop Yi, Kyo-hwan Koo
Kamera: Jae-woo Lee
Besetzung: Ju-young Lee, So-ri Moon, Kyo-hwan Koo

Bilder

Trailer



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Maggie (2018)
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Maggie (2018)
„Maggie“ beginnt mit einer Röntgenaufnahme und wird im Anschluss zu einer schrägen Szenensammlung, in denen es oft um die Themen Wahrheit oder Arbeit geht. Das Ergebnis wird für viele zu wenig konkret sein, macht aber doch Spaß und belohnt hin und wieder zudem mit schönen Bildern.
7von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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