„Das melancholische Mädchen“ // Deutschland-Start: 27. Juni 2019 (Kino)

Deutsche Filme sind alle gleich? Gegenbeispiele gibt es zwar einige, die das gängige Vorurteil widerlegen. Selten ist der Kontrast zu dem, was sonst so im Kino gezeigt wird, aber so groß wie bei Das melancholische Mädchen. Schon der Titel ist irreführend, lässt er doch auf ein Drama schließen, vielleicht ein bisschen Wohlfühltragik, die hierzulande gern genommen wird, wenn man so tun möchte, als hätte man etwas Wichtiges zu sagen. Regisseurin und Drehbuchautorin Susanne Heinrich verzichtet darauf, drehte lieber eine Komödie. Irgendwie zumindest. Denn alles hier ist komisch, mal im Sinn von witzig, mal ist es einfach nur seltsam, was sie alles in ihren Debütfilm gepackt hat.

Zu sagen hat sie dabei einiges, muss nicht nur einfach so tun. Immer wieder nimmt sie sich großer Themen an, die uns so umtreiben, spricht von der Rolle der Frau, von Sex, Konsum und Erwartungshaltungen. Hört sich schon recht hochtrabend an, ist es auch, ist es gleichzeitig nicht. Ähnlich zu Der lange Sommer der Theorie werden die Ausführungen mit Humor verbunden und dem Gespür für absurde Szenen. Nur weil man sich über etwas ganz Ernstes unterhält, heißt das schließlich noch nicht, dass man dabei keinen Spaß haben darf. Sich lustig machen darf.

Die Heldin, das unbekannte Mädchen
Die beiden Filme haben aber noch mehr gemeinsam: Sie sind so bruchstückhaft, dass keine wirkliche Geschichte daraus entsteht. Dass man sich nicht einmal sicher ist, ob das überhaupt noch ein Film ist, im klassischen narrativen Sinn. Das fängt schon damit an, dass unsere Hauptfigur, verkörpert von Marie Rathscheck, ein Mysterium bleibt, wir sie nie so recht zu fassen bekommen. Einen Namen erhält sie nicht, sie ist das titelgebende melancholische Mädchen. Schriftstellerin ist sie, so sagt sie zumindest, scheitert aber an dem ersten Satz des zweiten Kapitels. Vielleicht sucht sie ja Inspirationen, wenn sie durch die Stadt läuft, von der wir nichts zu sehen bekommen. Oder sie braucht wirklich nur einen Platz zum Schlafen, wie sie an einer Stelle sagt.

Das melancholische Mädchen besteht aus 16 Kapiteln, was viel ist für einen 80-minütigen Film. 16 Kapitel, in denen sie den unterschiedlichsten Menschen begegnet, meist männlichen Geschlechts, sich mal Kunstwerke anschaut, mal selbst zu einem wird, während sie sich über Gott und die Welt unterhält. Handlung gibt es praktisch keine, dafür jede Menge Dialoge. Oder auch nicht: Zwar findet sie immer jemanden, mit dem sie ihre Gedanken austauschen kann, notfalls in einer Badewanne. Und doch ist es kein Austausch in dem Sinn. Oft reden die Figuren aneinander vorbei, die einzelnen Sätze ergeben sich nicht auseinander, so als würden die Wörter nur rein zufällig aufeinander folgen.

Redest du mit mir?
Es ist noch nicht einmal wirklich klar, ob das Mädchen mit den anderen Menschen spricht, mit sich selbst oder doch dem Publikum. Ob es diese Unterscheidung überhaupt will. Melancholisch ist das Ganze weniger. Genauer sind in Das melancholische Mädchen, das auf dem Filmfest Max Ophüls Preis 2019 Premiere feierte und dort den Hauptpreis erhielt, überhaupt keine Emotionen zu finden. Zu hören. In einer beharrlichen Monotonie treten die Stimmen aller Beteiligten auf der Stelle, wie jemand, der gerade vom Blatt abliest und darauf so gar keine Lust hat. Doch was in normalen Filmen ein Todesurteil wäre, das funktioniert hier, weil eben nichts normal ist. Heinrich konsequent filmische Regeln bricht, von denen wir nicht einmal wussten, dass es sie gibt.

Streng sind die Bildkompositionen, oft ähnlich bewegungslos wie die Sprache. Und dabei doch sehr verspielt, Kulissen, die einen in jedem Augenblick spüren lassen, dass sie eben Kulissen sind. Das wird sicher nicht jedem gefallen, sich in dem Film fallenzulassen, ist nahezu unmöglich – dafür ist er sich seiner selbst zu bewusst. Dieses sehr Kunstvolle und Künstliche hat zudem den Nachteil, dass man des Öfteren zu sehr mit der knalligen Verpackung beschäftigt ist als mit dem Inhalt. Dass man vor lauter einlullender Spinnerei überhört, dass es sich durchaus lohnt, mit dem Gesagten auseinanderzusetzen. Aber selbst wenn am Ende nicht so viel von den 16 Kapiteln zurückbleiben sollte, Das melancholische Mädchen als solches bleibt mit Sicherheit in Erinnerung – und sei es nur als Beweis, dass das deutsche Kino eben doch anders sein kann. Oder man es nun mag oder nicht.



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Das melancholische Mädchen
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Das melancholische Mädchen
Ist das noch ein Film oder kann das weg? In 16 Kapiteln nimmt uns „Das melancholische Mädchen“ mit auf einen Streifzug durch die moderne Gesellschaft und spricht dabei unentwegt wichtige Themen an. Der Inhalt wird dabei jedoch des Öfteren durch diverse eigenwillige Entscheidungen überdeckt, von den sehr stilisierten Kulissen über die bewusst monotone Sprechweise bis zu den seltsam unzusammenhängenden Dialogen.
7von 10

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