Kritik

Limbo

„Limbo“ // Deutschland-Start: 20. Februar 2020 (Kino)

Als die junge Compliance Managerin Ana (Elisa Schlott) an einem Freitagabend ungewöhnliche Rechnungsbeträge entdeckt, setzt sie alles daran, diesem Geheimnis auf die Spur zu kommen. Doch das ist gar nicht so leicht, denn außer ihr scheint sich in ihrer Firma niemand wirklich dafür zu interessieren. Parallel versucht auch Carsten (Tilman Strauß), als geheimer Ermittler einer Geschichte auf den Grund zu gehen. Sein Ziel ist das Geldwäsche-Netzwerk des Wieners (Christian Strasser), welches er mithilfe des Kleinganoven Ozzy (Martin Semmelrogge) infiltrieren will. Das Letzte, was er da gebrauchen kann, ist Ana über den Weg zu laufen …

Auch wenn bei den Oscars noch fleißig spekuliert wird, wer am Ende was bekommt, ein Preis ist mehr oder weniger reine Formsache. Zumindest dürfte keiner daran zweifeln, dass Roger Deakins für 1917 die Auszeichnung der besten Kamera erhalten wird, schließlich ist sein Kriegsfilm ein visuelles Spektakel – auch durch den Eindruck, dass alles in einem Take gedreht wurde. Wenn nur einen knappen Monat später Limbo in die Kinos kommt, dann sind Vergleiche quasi unvermeidbar. Denn auch der deutsche Thriller will durch den Verzicht auf Schnitte eine besondere Dringlichkeit und damit Spannung erzeugen. Um einen Trittbrettfahrer handelt es sich jedoch nicht. Zum einen wurde der Film schon deutlich früher fertiggestellt, lief bei uns auf dem Filmfest München 2019. Außerdem wurde die Geschichte um eine kriminelle Verwicklung tatsächlich in nur einem Take gedreht, anders als die in der Hinsicht tricksenden Engländer und US-Amerikaner.

Aller Anfang ist hektisch
Und ohnehin, ein Spielfilmdebüt mit einem 90 Millionen Dollar teuren Großwerk zu vergleichen, an dem mehrere Oscar-Preisträger gearbeitet haben, das muss zu einem recht einseitigen Ergebnis kommen. Eine vergleichbare Dringlichkeit wird bei Limbo nicht erreicht, ginge schon allein des Szenarios wegen kaum. Selbst wenn wir uns hier in einem kriminellen Milieu bewegen, wirklich gefährlich wird es erst gegen Ende hin. Spannend im Sinne von nervenaufreibend ist das Geschehen weniger. Es ist vielmehr sehr hektisch, wenn die Kamera kaum zur Ruhe kommt, Ana und die anderen durch die Gegend eilen, auf der Suche nach Antworten, sich dabei zunehmend verstricken.

Ungewöhnlich an Limbo ist dabei die Kreuzung mehrerer Handlungsstränge. Wo sonst mittels Schnitten von einem zum anderen gewechselt wird, da müssen sich Regisseur Tim Dünschede und Kameramann Holger Jungnickel, die zusammen mehrere Kurzfilme drehten, eines Tricks behelfen: Figuren laufen sich über den Weg, die Kamera springt dabei von einer zur nächsten und folgt nun dieser. Das ist als Idee interessant und muss ein logistischer Albtraum gewesen sein. Es findet sich nur kein inhaltlicher Grund, der das Unterfangen wirklich rechtfertigen würde. Wo diese One-Take-Filme sonst dazu dienen, ganz nah an den Figuren dran zu sein – siehe Victoria –, da ist das hier mehr Spielerei als tatsächliches Konzept.

Ambitioniert, aber mit Leerlauf
Das größte Problem von Limbo ist, dass die Geschichte nicht genug Stoff hergibt. Gerade weil der Film sich keine Schnitte erlaubt und deswegen sämtliche Zwischenschritte zeigen muss, ist da schon viel Leerlauf dabei, den die Hektik nicht überdecken kann. Der Handlungsstrang um Compliance und unternehmerische Schattengeschäfte ist dabei derjenige mit dem größeren gesellschaftlichen Potenzial. Ein bisschen Anklage nach oben wird schließlich immer wieder gern gesehen. Die Darstellung der kleinen Verbrecherwelt kann da nicht mithalten, begnügt sich zu sehr mit Zitaten, was erneut wenig schmeichelhafte Vergleiche nach sich zieht.

Doch auch wenn vieles in Limbo nicht ganz so funktioniert, wie man es sich im Vorfeld erhofft haben mag, das Ergebnis weniger packend ist, als es der Aufwand verdienen würde, ohne Vorzüge ist der Thriller nicht. Elisa Schlott (Goliath96) überzeugt beispielsweise als aufrechte Compliance-Kämpferin, die sich ahnungslos in eine größere Geschichte verstrickt. Und selbst wenn das Herumeilen in dem Club nicht immer zielführend ist, atmosphärisch ist das gut gelöst. Sympathisch ist es ohnehin, wenn man sich hierzulande nicht nur am Genrekino versucht, sondern dies noch mit Ambitionen verbindet, hat das doch Seltenheitswert. Allein deshalb schon wäre dem Film zu wünschen, dass er ein wenig Aufmerksamkeit erhält, über die zwangsläufigen Vergleiche hinaus.

Credits

OT: „Limbo“
Land: Deutschland
Jahr: 2019
Regie: Tim Dünschede
Drehbuch: Anil Kizilbuga
Kamera: Holger Jungnickel
Besetzung: Elisa Schlott, Tilman Strauß, Martin Semmelrogge, Mathias Herrmann, Christian Strasser, Steffen Wink

Bilder

Trailer

Interview

Interview mit Regisseur Tim Dünschede



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Limbo
„Limbo“ erzählt von einer Compliance Managerin und diversen Verbrechern, deren Wege sich kreuzen. Der Film ist dabei mehr mit der Kameraarbeit beschäftigt als mit dem Inhalt, weshalb es trotz fehlender Schritte zu Leerlauf kommt. Atmosphärisch ist der One-Take-Thriller aber schon, zudem aufgrund der seltenen Genre-Ambitionen sympathisch.
6von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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