In seinem Debütfilm Limbo (Kinostart: 20. Februar 2020) erzählt Regisseur Tim Dünschede die Geschichte der jungen Compliance Managerin Ana (Elisa Schlott), die einer seltsamen Geschichte in ihrer Firma auf die Spur kommt und später eine böse Überraschung erlebt. Aber auch die Umsetzung des Films ist überraschend: Der deutsche Thriller wurde komplett am Stück gedreht, ohne einen einzigen Schnitt. Welche Herausforderungen das mit sich brachte, weshalb er und sein Team sich für diesen Weg entschieden haben und wie es um den deutschen Genrefilm steht, hat der Filmemacher uns im Interview verraten.

Limbo ist dein Abschlussfilm an der Uni und gleichzeitig dein erster Spielfilm. Könntest du uns ein bisschen über die Hintergrundgeschichte erzählen?
Nachdem wir mit Fremde fertig waren, haben Holger Jungnickel, der Kameramann, und ich uns zusammengesetzt, weil uns klar war, dass wir auch den Abschlussfilm zusammen machen wollten, und uns überlegt, was wir gerne machen würden. Da kamen wir schnell zu dem Punkt, dass wir den sicheren Rahmen eines Hochschulprojekts bestmöglich ausnutzen wollen für etwas, das wir in der Branche erstmal so nicht machen können oder dürfen. Da uns Victoria damals so unglaublich beeindruckt hat und wir uns immer wieder darüber unterhalten haben, kam Holger auf die Idee, einen eigenen One-Shot-Film zu machen. Bei einer Übung zu Beginn des Studiums hatten wir das schon einmal grob probiert. Damals haben wir vier Plansequenzen gedreht und diese später geschnitten. Doch schon dabei haben wir gemerkt, was für eine intensive Wirkung das hat, wenn man einer Figur konsequent folgt. Das wollten wir unbedingt noch einmal ausprobieren. Denn selbst wenn wir scheitern, haben wir damit eine coole Erfahrung gemacht, die wir später so schnell nicht mehr machen können. Dann sind wir blauäugig drauflos gestürmt.

Und wie kam es dann zu der Geschichte? Ihr brauchtet ja auch noch einen Inhalt für diese Kameraarbeit.
Genau. Bei uns war es ausnahmsweise mal umgekehrt, nicht form follows function, sondern function follows form. Ich hatte vorher schon gemerkt, dass ich zwar grundsätzlich allein ein Drehbuch schreiben kann, dabei aber schnell an mir verzweifle. Da funktioniere ich besser im Team und mag auch das Ping-Pong-Spiel. Deswegen haben wir an mehreren Hochschulen in den Drehbuchabteilungen nach Leuten gesucht, die entweder Stoffe haben, die sich dafür eignen, oder Lust haben, gemeinsam etwas zu entwickeln. Leider bekamen wir weniger Rückmeldung als gedacht, vor allem nur sehr weniger Genre. Irgendwann hat Holger dann Anil Kizilbuga vorgeschlagen, den er schon von anderen Drehs kannte. Der hat uns dann drei Stoffe angeboten, die allesamt Genre waren. Einer davon wurde später zu Limbo.

Und was stand sonst noch zur Auswahl?
Da wäre beispielsweise ein Zombiefilm gewesen. Aber das wäre mit so vielen Spezialeffekten verbunden gewesen und noch weniger kalkulierbar, weswegen das nicht in Frage kam. Außerdem bin ich jetzt nicht gerade ein großer Zombie-Fan. Ich ziehe Filme vor, die schon in unserer „Realität“ spielen.

Wenn man einen solchen One-Take-Film dreht, wo man vieles nicht unter Kontrolle hat, wie bereitet man sich dann darauf vor?
Viel meditieren, um seine innere Ruhe zu finden! (lacht) Der Probenprozess bekommt dabei einfach eine ganz andere Bedeutung. Wir haben viel mehr und viel länger geprobt und haben da versucht, zusammen mit den Schauspielern die Stimme des Films zu finden und eine gemeinsame Richtung festzulegen, damit selbst wenn dann etwas schief geht, jeder weiß, wohin es gehen soll und man sich wieder fangen kann. Die Proben waren dadurch sehr langwierig und intensiv. Wir haben jede Spielszene mit Dialog in der Filmhochschule als Leseprobe begonnen, wo auch der Autor dabei war, damit alle textlichen Fragen schon vor dem Dreh geklärt sind. Dann haben wir Choreografien entwickelt, wie sich jeder bewegt im Raum und zur Kamera. Wenn die standen, haben wir Holger hinzugeholt und mit ihm diskutiert und Probeaufnahmen gemacht, um zu sehen: Was funktioniert gut, was weniger gut? Gemeinsam mit ihm haben wir dann weiter choreografiert, bis wir eine funktionale und schlüssige Szene hatten. Die haben wir später noch mit den richtigen Motiven geprobt und nachjustiert. Dann gab es eine Hauptprobe, bei der wir zum ersten Mal auch alle Gänge geprobt haben, die wir bis dato aus Zeitgründen weglassen mussten. Diese Probe haben wir aufgenommen und uns zusammen angeschaut und noch mal nachgebessert. Und dann gab es die Generalprobe, bei der auch wichtige Komparsen dabei waren. Vor dem ersten Take haben wir wieder geprobt, von morgens bis nachmittags. Nur vor dem zweiten Take, der dann auch die endgültige Fassung sein musste, weil wir uns keinen dritten mehr leisten konnten, haben wir nicht mehr geprobt. Das musste dann einfach sitzen.

Trotz der vielen Proben wird es bestimmt etwas gegeben haben, das nicht so war, wie ihr es euch vorgestellt habt …
Klar, es gibt immer Kleinigkeiten. Einmal war Martin Semmelrogges Sender verrutscht und der Tonmann musste das richten. Als wir dann runter kamen, war der Tonmann noch im Bild. Das war dann eine Vfx-Shot, den wir uns leisten mussten, um ihn wieder raus zu retuschieren. Eine andere Sache war auf der Autofahrt, als Holger auf der Rückbank saß. Holger hatte sich immer bestimmte Schlüsselwörter gemerkt und wusste, wenn die fallen, muss er das und das machen. In dem Auto gab es aber ein, zwei spontane textliche Änderungen, wodurch die Schlüsselwörter wegfielen und Holger nicht mehr wusste, an welcher Stelle wir waren. Deswegen waren die Schwenks da weniger zielführend. Bei der Generalprobe war es so, dass ein falscher Aufzug kam und Elisa deshalb in den falschen Aufzug ging. So etwas kann passieren. Zum Glück ist es aber nicht beim Dreh passiert, denn wenn du da schon am Anfang einen Fehler hast, dann trägst du das bis zum Schluss mit dir rum. Es war ja immer für uns klar: Wir brechen nicht ab, wir ziehen das durch, egal was kommt.

Gibt es im Rückblick etwas, das du anders machen würdest?
Das Gute ist, dass du mit der Zeit die schlechten Erinnerungen verdrängst und das Positive zurückbleibt. Hättest du mich das eine Woche nach dem Dreh gefragt, hätte ich dir vermutlich tausend Sachen sagen können. Aber irgendwann lernst du, das Gesamte für das wertzuschätzen, was es geworden ist. Es war ein unglaublich lehrreiches Projekt und eine unglaublich tolle Erfahrung für das gesamte Team.

Was hast du denn aus dem Projekt für dich gelernt?
Kontrolle ist wichtig, Vertrauen ist aber noch viel wichtiger. Ich habe gelernt, dass man auch mal Sachen abgeben können muss. Man sollte sich selbst auch nicht zu ernst nehmen und offen sein für den Input von anderen. Das nimmt einem auch ein bisschen die Angst vorm Scheitern, wenn man das Gefühl hat, dass alle da drin hängen und jeder sein bestes gibt.

Du hast vorhin gesagt, dass du Filme vorziehst, die in der Realität verhaftet sind. Wie realistisch ist deiner Ansicht nach das Szenario von Limbo?
Ein Film muss für mich nicht zwangsweise die Realität abbilden. Wichtiger ist es mir, etwas zu erzählen, das nachvollziehbar ist, das in der Form geschehen könnte. Ob es in München jetzt eine Bareknuckle-Arena gibt, weiß ich nicht. In Starnberg gab es da wohl mal sowas. Es ist und bleibt aber eine fiktionalisierte Geschichte.

Du meintest, dass du unbedingt einen Genre-Film drehen wolltest. In Deutschland ist das ja immer so eine Sache. Warum denkst du, dass es deutsche Genre-Filme so schwer haben?
Gute Frage. Die stellen wir uns auch immer. Meine These ist, dass wir durch unsere filmische Erziehung ganz früh angefangen haben, amerikanische Filme zu kucken und da alles glauben, selbst wenn Aliens das Weiße Haus angreifen. Sobald es aber in Deutschland spielt, haben wir glaube ich eine Problem damit, weil wir das dann sofort mit unserer Realität abgleichen. Das fällt uns in einem fremdsprachigen Umfeld leichter, weil das alles anders ausschaut. Warum wir Deutschen damit aber ein Problem haben und Amerikaner und Franzosen ihre eigenen Filme problemlos schauen können, das weiß ich nicht.

Was könnte man denn tun, um dem deutschen Genrefilm zu mehr Akzeptanz zu verhelfen?
Ich hoffe, dass die anonyme Welt der Streaminganbieter hilft dagegen zu wirken, weil man dort nicht mehr als Genrefilm aus Deutschland angepriesen wird, sondern ein Genrefilm unter vielen ist. Kidnapping Stella hatte zum Beispiel gute Zahlen bei Netflix. Bis die an Bord waren, hatten gab es sehr lange Probleme, das Projekt finanziert zu bekommen. Im Kino hätte der sicherlich größere Probleme gehabt, obwohl Jella Haase und Max von der Groeben mitspielen.

Welche deutschen Genrefilme würdest du denn empfehlen? Um mal ein bisschen Lobbyarbeit zu betreiben …
Victoria würde ich dazu zählen, ist ja eine Mischung aus Drama und Thriller. 23 von Hans-Christian Schmid fand ich ziemlich gut. Das Experiment war ein toller Film. Dann noch Who Am I – Kein System ist sicher. Das letzte Schweigen war auch sehr sehr intensiv.

Meine letzte Frage: nächste Projekte, woran arbeitest du?
Gemeinsam mit dem Autor von Limbo, Anil Kizilbuga haben wir verschieden Stoffe entwickelt und sind damit an Produktionsformen herangetreten. Aktuell wird davon einer mit einem Produktionspartner weiterentwickelt. Parallel arbeiten wir an dem Drehbuch für einen Kinofilm mit einer Münchner Produktionsfirma.

Tim Dünschede

Zur Person
Tim Dünschede wurde 1984 in Speyer geboren. Nach dem Abitur 2003 absolvierte er diverse Praktika und Assistenzen bei Filmproduktionen. 2009 bis 2012 studierte er visuelle Kommunikation mit dem Schwerpunkt Film und Fernsehen an der Kunsthochschule Kassel. Ab dem Wintersemester 2012 studierte er szenische Regie an der HFF München. Seine im Studium entstandenen Kurzfilme, u.a. Fremde (2018), wurden mehrfach auf nationalen und internationalen Festivals ausgezeichnet. Mit seinem Diplomfilm Limbo (2020) gibt Dünschede sein Spielfilmdebüt.



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Tim Dünschede [Interview]
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Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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