Kritik

Der Architekt

„Der Architekt“ // Deutschland-Start: 5. Februar 2009 (Kino) // 23. Oktober 2009 (DVD)

In seinem Beruf als Architekt hat Georg Winter (Josef Bierbichler) alles erreicht, was er sich gewünscht hat. Auch privat kann er sich nicht beklagen, denn seine Ehe mit Eva (Hilde Van Mieghem) ist gut und ihre beiden Kinder Jan (Matthias Schweighöfer) und Reh (Sandra Hüller) stehen kurz davor, selbst erfolgreich ins Leben zu starten. Als eines Tages Georg die Nachricht vom Tod seiner Mutter erfährt, scheint er diese zunächst nicht an sich heranzulassen, vermeidet gar jedes Wort über das Ereignis zu seiner Familie. Doch schließlich drängt ihn seine Frau, die durch Zufall auch davon erfährt, zum Begräbnis in seine Heimat zurückzukehren, einem Dorf mitten in den Alpen. Dort angekommen will Georg so schnell es geht nach der Trauerfeier das Dorf wieder verlassen, nicht zuletzt, weil das Verhältnis zu seinem Sohn, den er gerne als seinen Nachfolger hätte, angespannt ist. Auch Reh, die für eine Prüfung an einer Musikhochschule übt, ist nervös und sucht nach Ablenkung, ist sie sich doch noch immer nicht sicher, ob die Musik ihre Zukunft sein kann. Jedoch sind all diese Themen schnell vergessen, als die Familie auf Georgs einstige große Liebe Hannah (Sophie Rois) trifft, mit der ihn ein Geheimnis verbindet.

An die Substanz
Mit Der Architekt legte Schauspielerin Ina Weisse, die besonders durch ihre Rolle in deutschen Serien wie Tatort und Polizeiruf 110 bekannt ist, ihren ersten Spielfilm als Regisseurin vor. Der Wechsel hinter die Kamera hat nicht zuletzt, wie sie in einem Porträt der taz sagte, mit einer „größeren Freiheit bei der Erzählstruktur der Geschichten“ zu tun, wobei sie betont, dass dies nicht der alleinige Grund sei. So richtig zufrieden scheint sie mit der Antwort nicht zu sein, wie es im Text heißt, lässt ihr die Beantwortung doch keine Ruhe, vor allem, wenn viele Interviews den Eindruck machen, als ob der Interviewte immer gleich auf alles eine Antwort hätte. Doch die Erfahrung des Lebens lehrt uns eine andere Wahrheit.

Dennoch konzentriert sich Der Architekt auf eine Figur, die den Anschein macht, auf alle Fragen eine Antwort zu haben. Der durch seine ruhige Ausstrahlung bekannte Josef Bierbichler hat die Definition seines Berufs auf sein Leben und seine Familie übertragen, der er ein festes Fundament gegeben hat und abgesichert ist. Bedenken oder gar Störungen werden entweder weggewischt oder in den Hintergrund verbannt, wie man beispielsweise in einer frühen Diskussion mit seiner Frau Eva sieht, deren Einwände gegen die Zukunftspläne der Kinder oder deren Verhalten er mit einem „Lass sie doch“ beantwortet.

Immer wieder wird in diesem Film über die Substanz gesprochen. Bei einer Rede vor seinen Kollegen, die ihm eine Ehrung für seine Leistungen zukommen lassen, spricht Georg leicht routiniert von jenem Bild des Architekten, der seine eigenen Vorstellungen beschreiten, prüfen und verbessern kann, immer dem Drang nach Perfektion und Stabilität folgend. Auch gegenüber seinem Sohn spricht er von der noch intakten Substanz des Hauses seiner Mutter, welches er ihm vererben will, worauf sein Sohn mit Unverständnis reagiert.

Was bleibt
Jedoch durchstreift die Bilder Carl Friedrich Koschnicks eine frühe Ahnung von jenem Verfall dieser Substanz, ein omnipräsenter Zweifel, was denn nun am Ende bleibt von einem Gebäude, einer Beziehung oder einem Leben. Die äußere Ruhe Georgs, der bei einer Sprengung zusieht, wird subtil gebrochen und wirkt schon fast prophetisch, wie ein König Ödipus, der sich über die Unausweichlichkeit der Katastrophe im Klaren zu sein scheint.

Am Fehlen dieser Substanz droht jede dieser Figuren zu zerbrechen, egal ob dies die Tochter ist, die von Zweifeln zerfressen ist, oder der Sohn, der nirgendwo im Leben Halt finden kann. So ist Regisseurin Ina Weisse ein stiller Film nicht nur über das Drama einer Familie, sondern auch über den Tod gelungen und die dringende Frage nach dem, was von einem noch übrig bleibt.

Credits

OT: „Der Architekt“
Land: Deutschland
Jahr: 2008
Regie: Ina Weisse
Drehbuch: Ina Weisse, Daphne Charizani
Musik: Annette Focks
Kamera: Carl-Friedrich Koschnick
Besetzung: Josef Bierbichler, Hilde Van Mieghem, Matthias Schweighöfer, Sandra Hüller, Sophie Rois

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Der Architekt
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Der Architekt
„Der Architekt“ ist ein Drama über das, was nach einem Leben bleibt, eine Geschichte über Familie, Liebe und den Tod. In fantastischen Bildern wird erzählt, wie die Figuren ihren Halt im Leben und Sicherheiten verlieren, sowie eine Möglichkeit gezeigt, wie man dieser Krise begegnen kann.
8von 10

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