Kritik

Crescendo #MakeMusicNotWar

„Crescendo #MakeMusicNotWar“ // Deutschland-Start: 16. Januar 2020 (Kino)

Die Friedensverhandlungen zwischen Israel und Palästina sind mal wieder ins Stocken geraten, ein neuer Gipfel in Südtirol soll neuen Schwung in die Angelegenheit bringen. Zu diesem Zweck soll auch ein Jugendorchester auftreten, das aus Musikern und Musikerinnen beider Länder besteht. Doch das Vorhaben steht unter keinem guten Stern. Erst haben der bekannte Dirigent Eduard Sporck (Peter Simonischek) und die Stifstungsleiterin Klara De Fries (Bibiana Beglau) so ihre Probleme, das Orchester überhaupt zu gleichen Teilen zu besetzen. Und als die Besetzung dann endlich mal steht, kommt es innerhalb der jungen Menschen zu vielen Reibereien, da beide Seiten in der jeweils anderen ihren Feind sehen …

Zuletzt war das mediale Interesse am Palästinenser-Konflikt eher verhalten, zu groß ist die Konkurrenz anderer Brandherde auf dieser Welt. Zumal sich beim Streit zwischen Israel und der arabischen Welt ohnehin nur selten etwas tut, von den üblichen Provokationen einmal abgesehen. Aber nur weil ein Konflikt sich nicht bewegt, wird er nicht weniger relevant oder verschwindet gar. Daran erinnert Crescendo #MakeMusicNotWar, das zum einen den Dauerkrieg wieder in den Mittelpunkt rückt. Wichtiger aber noch war Regisseur und Co-Autor Dror Zahavi: Wie lässt sich dieses Problem denn lösen? Die Antwort ist bereits im Titel angekündigt. Warum gegeneinander Krieg führen, wenn man stattdessen auch Musik machen kann?

Die Sehnsucht nach Frieden
Das klingt zugegeben ein klein wenig putzig, erinnert nicht zufällig an den Antikriegsslogan „Make Love, not War“, der vor über 50 Jahren zu Zeiten des Vietnamkrieges entstand und bis heute in Erinnerung geblieben ist. Andererseits: Die Idee, eine Gemeinsamkeit zu nutzen, um Gegensätzlichkeiten zu überwinden, die ist zumindest plausibel genug, dass man sie ja mal ausprobieren kann. Und damit das Publikum nicht vergisst, worum es überhaupt geht, wird den ganzen Film über gestritten und geschrien, manchmal auch nur geschmollt. Konfliktpotenzial gibt es auf jeden Fall genug, es braucht oft nicht wirklich viel, damit die Fetzen fliegen, zu tief sind die Gräben selbst bei den jungen Menschen, als dass man sie so leicht überqueren könnte.

Anfangs sieht es danach aus, als würde der Film etwas einseitig Partei für die Palästinenser ergreifen, wenn die Jugendlichen von dort den üblichen Schikanen ausgesetzt sind. Das kann mal die Willkürlichkeit beim Grenzübergang betreffen, mal explodiert es draußen, während jemand zu musizieren versucht. Außerdem darf unter den israelischen Musikern das arrogante Alphatierchen Ron (Daniel Donskoy) sich dermaßen in den Vordergrund spielen, dass jegliche Neutralität seitens des Publikums zum Scheitern verurteilt ist. Später wird Crescendo #MakeMusicNotWar zumindest darum bemüht sein, beide Seiten gleichberechtigt zu Wort kommen zu lassen. Denn das ist schließlich die Voraussetzung für eine Annäherung.

Ein Problem wie überall
Der Weg selbst ist glücklicherweise nicht so einfach, wie es das Szenario erwarten ließ. Zahavi ist sich durchaus bewusst, dass Instrumente höchstens ein Mittel sind, um die Leute überhaupt zusammenzubringen. Die eigentliche Lösung liegt vielmehr im Reden miteinander. Und das fällt Menschen ja grundsätzlich schwer, unabhängig von Alter, Geschlecht oder Herkunft. Crescendo #MakeMusicNotWar, das auf dem Filmfest München 2019 Premiere hatte, ist deshalb auch ein prinzipiell sehr universeller Film, dessen Aussagen und Szenen nicht zwangsläufig mit dem Israel-Palästina-Konflikt zusammenhängen. Und um das zu verdeutlichen, darf Sporck mit seiner eigenen Vergangenheit hadern, als Nachkömmling einer Nazi-Familie.

Stoff bietet das Musik-Drama also einigen, der gute Wille ist in jeder Szene zu spüren. Manchmal auch zu hören. Leider verzichtet Zahavi aber auf die leisen Zwischentöne. Dass die Konflikte zwischen den Jugendlichen nicht immer rational sind, das ist durchaus verständlich. Vieles geschieht hier dann aber doch zu willkürlich, in die eine wie die andere Richtung. Zu oft wird bei Crescendo #MakeMusicNotWar einfach deutlich, dass es sich um einen Film handelt, bei dem das Ziel wichtiger war als der Weg. Richtig natürlich wirkt das Miteinander nur manchmal. Einzelne schöne oder auch ergreifende Momente gibt es aber schon, weshalb man dem Werk seine gelegentliche Unbeholfenheit und Naivität nachsieht. Der Zweck ist schließlich gut.

Credits

OT: „Crescendo #MakeMusicNotWar“
Land: Deutschland
Jahr: 2019
Regie: Dror Zahavi
Drehbuch: Johannes Rotter, Dror Zahavi
Musik: Martin Stock
Kamera: Gero Steffen
Besetzung: Peter Simonischek, Daniel Donskoy, Mehdi Meskar, Sabrina Amali, Bibiana Beglau

Bilder

Trailer



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Crescendo #MakeMusicNotWar
In „Crescendo #MakeMusicNotWar“ soll ein israelisch-palästinensisches Jugendorchester einen Beitrag zur Völkerverständigung leisten. Die Absicht des Films ist zweifelsfrei gut, trotz einzelner schöner Szenen und des Versuchs der Unparteilichkeit fehlt es dem Musik-Drama aber an der notwendigen Natürlichkeit.
6von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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