In seinem neuesten Film Guest of Honour erzählt Atom Egoyan von einem Mann, dessen Tochter wegen eines Sexualvergehens im Gefängnis sitzt, das sie gar nicht begangen haben kann, und dennoch diese Strafe will. Anlässlich der Deutschlandpremiere des Dramas auf dem Filmfest Hamburg setzten wir uns mit dem Filmemacher zusammen und besprachen seine Art des filmischen Erzählens, die Inspirationen für seinen neuen Film sowie die Rolle der Erinnerung in seinem Werk.

Ihre Filme zeichnen sich durch viele starke Figuren, Themen sowie einen sehr eigenwilligen Erzählrhythmus aus. Was kommt für Sie eigentlich zuerst: die Bilder, die Charaktere oder eine Geschichte?
Die Figuren und ihre Jobs, welche meist ihren emotionalen Zustand widerspiegeln. Im Falle von Guest of Honour war es die Idee eines Gesundheitsinspektors, der von Restaurant zu Restaurant geht und versucht ein System, einen Code oder die Regeln, nach denen dieser Ort funktioniert, zu beobachten. Doch er ist zutiefst verwirrt in seinem Leben außerhalb der Arbeit. Das war für mich das Fundament der Geschichte.

Dieser Charakter hat einen festen Ablauf, was alles zu beobachten ist in diesen Restaurants, aber im Privaten hilft ihm dies nicht, er hat Probleme zur Ruhe zu kommen. Davon ausgehend ergibt sich die Beziehung zu seiner Tochter, die Frage, ob man als Elternteil sein Kind wirklich kennen kann. Und natürlich, ob ein Kind seine Mutter oder seinen Vater wirklich kennen kann.

Darauf entwickeln sich zudem Fallen für diese Figuren. Wenn beispielsweise etwas passiert, als die Tochter zehn Jahre alt ist, was ihr der Vater nicht mitteilen kann, hat dies einen großen Einfluss darauf, welches Bild sie von ihrem Vater hat.

In Ihren Filmen gehen Sie der Rolle der Erinnerungen auf unser Leben auf den Grund. Worauf basiert dieses Verständnis von Erinnerungen – auf Ihrer eigenen Wahrnehmung oder haben Sie dies recherchiert?
Ich glaube, dieses Verständnis von Erinnerungen rührt daher, dass ich in einem anderen Land geboren wurde, in Ägypten. Als ich dann in Kanada aufwuchs, schaute ich mir immer wieder Heimvideos an, wie ich in sehr jungen Jahren in Ägypten gelebt habe. Bilder, wie ich als kleines Kind im Zoo war und mit einem Schimpansen spiele, auf den Schultern dieses Tiers gesetzt und sehr ängstlich auf einmal werde. Ich habe Erinnerungen an diese Momente, kann aber nicht sagen, ob diese echt sind oder vom Ansehen dieser Filme herrühren. Wenn man bedenkt, dass ich in diesen Filmen vielleicht ein oder anderthalb Jahre bin, ist es eher unwahrscheinlich, dass mich so klar an solche Dinge erinnern kann.

Diese spezielle Beziehung zu meinen eigenen Erinnerungen hat sich in meinem kreativen Schaffen und meinen Interessen eingeprägt. In Guest of Honour sehen wie außerdem, wie Technologie den eigenen Erinnerungsprozess erweitern kann, wenn zum Beispiel sich die aufgenommene Botschaft des Selbstmörders in der Erinnerung der Tochter wiederholt, aber auch eine wesentliche Rolle für den Vater und dessen Verständnis für seine Tochter spielt. Die Technik kann also unseren Erinnerungsprozess erweitern und verstärken, aber auch schädigen und trivialisieren.

In einem Interview zu Der Ehrengast erwähnen sie Alfred Hitchcocks Vertigo als eine große Inspiration für sich. Beide Filme verbindet eine gewisse Themenverwandtschaft, wenn es um Erinnerungen und ihre Rolle für unser Leben geht. Folgen Ihre Filme nicht bis zu einem gewissen Grade, zumindest formal, der Theorie des suspense, der Hitchcock als Begründer zugeschrieben wird?
Ich finde, dass Hitchcocks Theorie einer Struktur zugeschrieben wird, die sehr linear ist. Meine Filme folgen eher einer diachronen Struktur, obwohl er naturgemäß ein Element der Spannung gibt. Wenn es um das Erschaffen einer bestimmten Atmosphäre geht, haben meine Filme bestimmt einen ähnlichen Effekt auf den Zuschauer, im Sinne von, dass man ahnt, etwas wird jetzt passieren, etwas das unausweichlich sich auf einen zubewegt. Bei Hitchcock ist es meist klar, auf was man zusteuert, doch in meinen Filmen ist es immer nur eine Möglichkeit. In Guest of Honour kann man ahnen, auf was der Film zusteuert, aber es bleibt nur eine Möglichkeit von vielen.

Wenn man ins Detail geht, Moment auf Moment in meinen Filmen untersucht, haben Sie wahrscheinlich doch recht. Man sieht, wie jemand eine Schublade öffnet, etwas entnimmt und man erwartet, dass dieser Gegenstand im weiteren Verlauf der Handlung eine Rolle spielt, genauso wie, wenn jemand im Film eine Waffe kauft und man naturgemäß erwartet, dass irgendwann geschossen wird. Dies sind aber Dinge oder Zusammenhänge, die man durch die Filme oder Bücher, die man liest oder sich ansieht, übernimmt.

Ich glaube, es gibt keinen einzigen Film Hitchcocks, der so mit Chronologie spielt, wie es meine Filme tun. Aber vielleicht vertue ich mich auch gerade. Fallen Ihnen Beispiele ein?

Abgesehen von Vertigo vielleicht Marnie.
Stimmt. Da gibt es dieses Flashback.

Die andere Gemeinsamkeit ist, dass Ihre Filme sehr von Ihren Figuren leben, von ihnen angetrieben werden. Wie arbeiten Sie mit einem Ensemble wie bei Guest of Honour zusammen und wie bereiten Sie Schauspieler auf solche fordernde Rollen vor?
Indem ich Lücken ausfülle, die im Film nicht thematisiert werden. Es gibt Szenen, die einzig und alleine sich in den Köpfen der Schauspieler abspielen müssen, wie zum Beispiel die Szene, in welcher der Lehrer seinen Schülern sagt, warum sie aussagen müssen. Wir wissen, dass die Schüler die Polizisten angelogen haben, aber damit dies Sinn ergibt, muss natürlich vorher ein Verhör mit ihnen stattgefunden haben und es muss ein Gespräch mit dem Lehrer gegeben haben, in welchem sie protestierten auszusagen. Diese Szenen haben wir für die Schauspieler übrigens am Set improvisiert, damit sie eine Vorstellung bekamen, wie diese Ereignisse wohl abgelaufen sein können. Aber es gibt diese Szene nicht im fertigen Film.

Für die Schauspieler darf es keine Geheimnisse auf ihre Rollen bezogen geben, weswegen wir viel miteinander reden, Improvisationsübungen machen und viel gerade diese Szenen proben, die nicht im Film sind, aber essenziell für die Darsteller und ihr Bild von der Geschichte und ihren Rollen sind.

Sie sollen einmal von einem Produzenten nach einem Test-Screening für Exotica angesprochen worden sein, der sie fragte, ob sie etwas am Ende ändern können, damit das Publikum den Film besser verstehe. Sie sollen entgegnet haben, dies würde den Film zerstören. Passiert ihnen eine solche oder ähnliche Situation heute auch noch?
Gott sei dank nicht. Da war schon eine extreme Situation, als mich damals Harvey Weinstein bat an Exotica etwas zu ändern. Das war eine seiner berüchtigtsten Taktiken, zu sagen, dass man an seinem Film was ändern soll, da dieser sonst nie ausgestrahlt werden würde. Zum Glück, musste ich auf seine Drohung nicht eingehen, konnte sie ignorieren.

Wir haben gerade eben über Spannung im Film gesprochen und für einen Film wie Exotica speist sich diese daraus, dass man verstehen will, warum sich eine Figur auf eine bestimmte Weise verhält. Das ist bei Guest of Honour nicht anders. Man beobachtet Verhaltensmuster, die einem Rätsel aufgeben, und wenn man dies auflöst oder zu früh erklärt, dann flacht der ganze Film ab. Als Filmemacher ist es wichtig, solche Aspekte des Films zu kontrollieren, denn das Streben nach einer Klarheit im Film kann diesen nicht selten schädigen.

Im Falle Harvey Weinsteins wird eine solche Bemerkung bestimmt nicht so schnell mehr erfolgen.
(lacht) Stimmt. Gott sei dank.

Vielen Dank für dieses interessante Gespräch.

Zur Person
Atom Egoyan wurde 1960 in Kairo, Ägypten geboren. Mit drei Jahren wanderte seine Familie nach Kanada aus und mit 18 verließ er das Elternhaus, um in Toronto Politikwissenschaft sowie klassische Gitarre zu studieren. Bereits früh wandte sich Egoyan dem Film sowie dem Theater zu, nennt bis heute Dramatiker wie Harold Pinter oder Samuel Beckett als seine wichtigsten Einflüsse. Gegenüber dem US-amerikanischen Filmkritiker Roger Ebert nannte Egoyan die Filme des Schweden Ingmar Bergman, insbesondere dessen Werk Persona als wichtige Inspirationen für sein Schaffen. Atom Egoyans Karriere umspannt bereits über 35 Jahre. Filme wie Felicia, mein Engel, Exotica oder Das süße Jenseits brachten ihm internationale Beachtung, Kritikerlob und viele Preise, darunter eine Oscarnominierung und den Hauptpreis der Jury in Cannes für Das süße Jenseits. Inhaltlich befassen sich seine Filme oft mit Erinnerungen, Schuld und Verantwortung und zeichnen sich formal durch einen, wie Egoyan ihn nennt, prismatischen Stil aus, der weniger auf lineares Erzählen setzt.



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Atom Egoyan [Interview]
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