38 Jahre alt ist Das Boot inzwischen und doch unvergessen: Die Geschichte um eine U-Boot-Besatzung, die den Horror des Kriegs hautnah erlebt, gehört zu den großen Sternstunden des deutschen Kinos. Allein deshalb schon war der Erwartungsdruck an die neue Serie Das Boot (seit 6. Dezember 2019 auf DVD/Blu-ray) mörderisch. Dabei ist die nur zum Teil vergleichbar und geht durchaus eigene Wege. Welche das sind, verrät uns Tom Wlaschiha, der in der Serie Kriminalrat Hagen Forster spielt, im Interview, aber auch wie es ist, an einen derart ikonischen Film anzuknüpfen und worauf er bei der Rollenwahl achtet.

Was hat dich an der Figur gereizt?
Zu einer guten Figur gehören auch gute Drehbücher. Das ist das Hauptausschlaggebende. Neben dem Fakt, dass es mich gereizt hat, in einer Neuverfilmung von Das Boot mitzuspielen, obwohl es ja kein Remake ist, fand ich die Drehbücher von Anfang an sehr vielschichtig und sehr reizvoll durch die verschiedenen Erzählstränge, die miteinander verwoben werden. Die Figur Hagen Forster ist nicht der typische Bad Guy. Er ist zum einen natürlich der Chef der Gestapo in La Rochelle. Aber es gibt auch die Geschichte von Simone, in die er sich verliebt. Er hat durchaus Schwächen. Was ich besonders gut fand: Er ist überzeugter Nazi, aber auf der anderen Seite auch sehr frankophil. Er liebt alles, was mit Frankreich zu tun hat, französisches Essen, französische Frauen, die französische Lebensart. Er ist nur der perversen Überzeugung, dass das alles noch viel besser funktionieren würde unter deutscher Besatzung. Das fand ich einen ganz interessanten Widerspruch.

Das Boot ist einer der erfolgreichsten deutschen Filme aller Zeiten und auch im Ausland sehr bekannt. Wie sehr spukt einem das beim Dreh im Kopf herum?
Glücklicherweise ist es kein Remake, sonst hätte mich das auch nicht interessiert. Der Originalfilm ist so ikonisch, da gibt es nichts zu remaken. Was ich interessant fand, war dass unsere Geschichte auf eine andere Weise erzählt wird. Der Kinofilm hat in erster Linie gelebt von der klaustrophobischen Stimmung, von dem Soundtrack auch. Es war ja ein Kammerspiel, das sich da in dem U-Boot abgespielt hat. Da wir eine Serie machen, erlaubt uns das, ein viel größeres Panorama zu zeigen und auch eine Geschichte an Land zu erzählen, damit die Zuschauer die größeren Zusammenhänge in dem U-Boot-Krieg erfahren.

Also nicht zu sehr unter Druck gestanden wegen des Vergleichs mit dem Film?
Es war uns natürlich schon klar, dass wir damit verglichen werden würden. Aber da die Serie so anders ist im Aufbau und keine Figuren aus dem Originalfilm vorkommen – es sind ja komplett neue Charaktere –, hält sich das mit den Vergleichen in Grenzen.

Da du viel im Ausland unterwegs bist und dort drehst, wie ist eigentlich das Image von deutschen Produktionen im Ausland? Wird überhaupt wahrgenommen, was wir hier so machen?
Ich finde, das Image ist überraschend gut. Die Sachen, die es ins Ausland schaffen, sind ja auch wirklich gut. Ich kann da natürlich hauptsächlich nur von England und Amerika sprechen, wo ich öfter bin. Aber da sind Serien wie Unsere Mütter, unsere Väter und Deutschland 83 total gut aufgenommen worden, teilweise glaube ich sogar noch besser als hier. Aber das sind dann eben solche Leuchtturmprojekte, die es ins Ausland schaffen. Was den generellen Markt in Deutschland angeht, davon weiß man noch sehr wenig in England und Amerika.

Was könnte man denn tun, damit das Ausland noch mehr mitbekommt?
Ganz einfach: noch mehr bessere Filme und Serien drehen.

In Das Boot spielst du in dem Handlungsstrang, der nur an Land spielt, bist also davon verschont geblieben, in ein U-Boot zu steigen. Könntest du dir denn vorstellen, mal mit einem unterwegs zu sein?
Ich würde mich nicht weigern. Aber ich bin ganz froh, dass es mir bislang erspart geblieben ist, weil ich tatsächlich sehr leicht seekrank werde. Ich hatte mal drei Drehtage auf einem Segelboot, das waren die schlimmsten Drehtage meines Lebens. Das U-Boot, das bei uns benutzt wurde, war ein Modell, das in Prag aufgebaut wurde. Das ist tatsächlich auf so einem Rollenmechanismus gebaut worden, damit es das Schlingern des U-Boots simulieren kann. Obwohl man da eigentlich trockene Füße hat, ist das für den Gleichgewichtssinn nicht besonders gut.

Mein Problem wäre vielmehr, darin eingeschlossen zu sein, also das Klaustrophobische.
Das auch. Das reale Problem wäre für mich aber eher das ständige Herumschlingern.

Das Boot Staffel 1

Jungernfahrt mit ungewissem Ende: Den Männern des U-Boot U 612 stehen zahlreiche Gefahren bevor.

In der Serie geraten die Figuren im U-Boot, aber auch die an Land, immer wieder in brenzlige Situationen. Uns ist ein Krieg ja bislang glücklicherweise erspart geblieben. Was war die brenzligste Situation, in der du im Alltag warst? Was hat bei dir das Adrenalin in die Höhe geschossen?
Auch wenn das jetzt nicht unbedingt vergleichbar ist: Mir schießt das Adrenalin jeden Tag im Straßenverkehr in die Höhe.

Du hast in den letzten Jahren in mehreren düsteren Serien mitgespielt, in denen du nicht unbedingt Helden verkörperst. Ist das etwas, das du gezielt gesucht hast, oder hat sich das einfach ergeben?
Das hat sich erst einmal so ergeben. Gezielt ausgesucht habe ich mir das nicht. Ich hab vor Kurzem tatsächlich auch mal wieder eine Komödie gedreht, zur Abwechslung. Aber auch diese Serien sind immer unterschiedliche Genres gewesen, ob nun Krieg oder Fantasy. Mich interessiert am Anfang nicht, was für ein Genre das ist, sondern schaue zunächst wirklich nur auf die Figuren. Im Endeffekt musst du als Schauspieler bei jeder Figur, die du spielst, versuchen, ihr menschliche Züge zu geben, selbst wenn sie der größte Antiheld ist. Du musst versuchen, deine Figur zu verteidigen. Das ist auch das Spannende: Du zeigst eine Figur, die gegen Widerstände angeht. Die moralische Wertung sollte dem Publikum überlassen werden.

Nachdem du schon so viele unterschiedliche Figuren gespielt hast, ist da noch etwas übrig, das du dir wünschen würdest zu spielen?
Eine konkrete Rolle nicht. Wenn du dir etwas Konkretes suchst, wird es am Ende sowieso meistens ganz anders. Aber das ist auch das Schöne an meinem Job. Ich liebe die Überraschung. Manchmal kommen gute Projekte ganz kurzfristig, an die du niemals gedacht hättest. Von daher lasse ich mich lieber mehr oder weniger treiben. Wobei ich natürlich schon auch weiterhin auf Ausschau bin nach guten Drehbüchern.

Du spielst nicht nur in Serien mit, sondern bist auch selbst ein großer Serienfan. Was hast du dir zuletzt angeschaut, das dir besonders gut gefallen hat? Oder auch nicht gefallen hat?
Da komme ich immer nicht sehr weit, wenn mir etwas nicht gefällt. Super gefallen hat mir beispielsweise die zweite Staffel von Big Little Lies. Die fand ich sensationell, wie die erste auch schon. The Spy fand ich auch sehr gut, auch weil es mich geschichtlich interessiert hat. Außerdem warte ich sehnsüchtig auf die nächste Staffel von Ozark.

Bist du jemand, der sich solche Serien bzw. Staffeln am Stück anschaut?
Sagen wir es so, je besser eine Serie ist, umso schneller kucke ich die. Sonderlich diszipliniert bin ich in der Hinsicht nicht. Wenn ich mit etwas anfange, das mir gefällt, dann kann nicht warten.

Und welche eigenen Projekte stehen als nächstes bei dir an?
Wir haben die zweite Staffel von Das Boot abgedreht, Starttermin ist für Frühjahr angedacht. Außerdem die Komödie, die ich vorhin erwähnte. Dabei handelt es sich um einen italienischen Netflix-Film namens Die unglaubliche Geschichte der Roseninsel über einen italienischen Ingenieur, der in den 60er Jahren eine künstliche Insel vor die Küste von Rimini gesetzt hat und die als Staat deklarieren lassen wollte. Der Film basiert tatsächlich auf einer wahren Geschichte. Es gibt auch eine Reihe von Projekten, die fürs nächste Jahr geplant sind. Aber da die noch dabei sind, sich ein bisschen ineinander zu schieben, kann ich dir leider noch nichts Definitives dazu sagen.

Und noch etwas, das zu Das Boot sagen möchtest zum Abschluss?
Das Boot ist eine der Serien in den letzten Jahren in Deutschland, die durchaus auf einem hohen Niveau international mithalten kann. Da bin ich natürlich sehr froh darüber, dabei zu sein, und hoffe, dass das in Deutschland so weitergeht und wir es, wie vorhin schon gesagt, schaffen, Geschichten zu erzählen, die auch im Ausland gut ankommen.

Tom Wlaschiha

© André Röhner

Zur Person
Tom Wlaschiha wurde am 20. Juni 1973 in Dohna geboren. Nach dem Abitur absolvierte Wlaschiha von 1992 bis 1996 eine Schauspielausbildung an der Hochschule für Musik und Theater „Felix Mendelssohn Bartholdy“ Leipzig. Seither war er in weit über 50 TV- und Kinoproduktionen sowie diversen Theaterstücken zu sehen. International machte er sich durch Serien wie Game of Thrones (2012-2016), Crossing Lines (2013-2015) und Das Boot (seit 2018) einen Namen.



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Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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