Kritik

Das Boot Staffel 1

„Das Boot – Staffel 1“ // Deutschland-Start: 6. Dezember 2019 (DVD/Blu-ray)

Im Jahr 1942 ist der Zweite Weltkrieg noch voll im Gange, nach wie vor glaubt das Dritte Reich fest an den Endsieg. Ein Mittel dazu: die eigene U-Boot-Flotte. Derzeit bereiten sich die rund 40 Männer der U 612 auf die Jungfernfahrt von La Rochelle aus vor. Doch noch bevor es los geht, kommt es zu den ersten Konflikten, vor allem zwischen Kapitänleutnant Klaus Hoffmann (Rick Okon) und dem 1. Wachoffizier Karl Tennstedt (August Wittgenstein). Auch Frank Strasser (Leonard Scheicher) soll kurzfristig mit an Bord, weshalb er seine Schwester Simone (Vicky Krieps) bittet, einen Botengang für ihn zu erledigen, der sehr viel brenzliger ist als angenommen. Dabei hat sie auch so schon genug um die Ohren als sie Gestapo-Chef Hagen Forster (Tom Wlaschiha) über den Weg läuft, der schnell an ihr Gefallen findet …

In den letzten Jahren hat es eine ganze Reihe von Filmen und Serien gegeben, die alte Klassiker fortsetzen oder teils neu interpretieren, Jahrzehnte nach dem Original. Da waren Überraschungshits dabei (Jumanji: Willkommen im Dschungel), Kritikerlieblinge (Blade Runner 2049), aber auch derbe Flops (Ghostbusters). Wann immer ein neuer solcher Titel angekündigt wird, schwanken die Reaktionen dann auch zwischen Vorfreude, Skepsis und Ärger. Während die einen sich glücklich schätzen, alte Bekannte wiederzusehen – Nostalgie ist ein einträgliches Geschäft –, lehnen andere derartige Unterfangen grundsätzlich ab, als reine Geldmacherei und kreative Bankrotterklärung.

Das wagt ihr nicht!
Entsprechend gemischt waren auch die Meinungen bei der Ankündigung, dass Das Boot neu verfilmt wurde. Einerseits, klar, lag das irgendwo auf der Hand. Kaum ein deutscher Film ist international ähnlich bekannt, auch die später veröffentlichte Serienfassung wurde zum Publikumserfolg. Warum also nicht noch einmal daran anknüpfen, zumal die heutige Technik deutlich mehr ermöglicht als die Version, die vor bald vier Jahrzehnten produziert wurde. Andererseits konnte man sich kaum vorstellen, was ein Remake dem Original tatsächlich hinzufügen könnte, dessen klaustrophobischer Horror bis heute nachwirkt, dessen Schauspieler zu Stars wurden, dessen Titelmelodie sich bis heute hartnäckig im Gehörgang festgebissen hat.

Auf Letztere wollte niemand verzichten, der neue Komponist Matthias Weber webt die Klänge von Klaus Doldinger immer mal wieder ins Geschehen ein. Ansonsten funktioniert die Serienfassung aber erstaunlich unabhängig von dem Vorbild. Zwar basiert Das Boot nach wie vor auf der gleichnamigen literarischen Vorlage von Lothar-Günther Buchheim aus dem Jahr 1973. Die Geschichte setzt aber ein Jahr später ein und verwendet zudem Motive aus der 1995 erschienenen Buchfortsetzung Die Festung. Ein Wiedersehen mit den alten Figuren gibt es nicht, auch wenn einem manche bekannt vorkommen. Das hängt aber mehr damit zusammen, dass gerade die Mannschaft an Bord in beiden Versionen sehr auf Dienstgrade und Weltsichten reduziert werden, für Persönlichkeit ist im Krieg kein Platz.

Und was war sonst noch so los?
Während dieser Handlungsstrang durchaus mit dem Vorgänger vergleichbar ist, geht Das Boot durch den anderen völlig neue Wege. Der Landpart verzichtet nicht nur aus naheliegenden Gründen auf die klaustrophobische, beklemmende Atmosphäre, die den Film so auszeichnet. Der Blick ist auch im übertragenen Sinne geweitet, wenn der U-Boot-Kampf einen historischen Kontext erhält. Waren die Männer an Bord der U 96 letztendlich Teil eines existenziellen, zeitlosen Krieges, sind hier die Nazis auch als solche zu erkennen. Weite Strecken der ersten Staffel befassen sich mit dem Widerstandskampf der Franzosen, in denen Simone plötzlich hineingezogen wird. Denn auch das ist anders im Vergleich zu 1981: Es existieren Frauen, nicht als ferne Fantasie, sondern real, aus Fleisch und Blut.

Wobei man über die Hinzufügung von sexuellen und romantischen Komponenten geteilter Meinung sein kann. Das Boot wirkt im Vergleich zum Klassiker zwar einerseits offener und größer, aber eben auch beliebiger und glatter. Es fällt der Serie schwerer, sich in der Flut aus Neuerscheinungen hervorzuheben, als es bei dem Vorgänger damals der Fall war. Am besten sollte man diese Vergleiche, so naheliegend sie auch sind, erst gar nicht anstellen, sondern die internationaler ausgerichtete Serie als eigenständiges Werk betrachten. Als solches ist sie nämlich durchaus sehenswert, als Zeitporträt wie auch als Thriller. Einige inhaltliche Wendungen, die mit dem U-Boot-Part einhergehen, sind interessant, machen neugierig auf das, was in der bereits abgedrehten zweiten Staffel noch passieren wird. Fans von historischen Kriegsgeschichten schauen ohnehin rein, an Aufwand mangelt es hier nicht, die Schauwerte und spannenden Momente sowohl zu Lande wie auch unter Wasser sind Grund genug, noch einmal in die Vergangenheit zu reisen.

Credits

OT: „Das Boot“
Land: Deutschland
Jahr: 2018
Regie: Andreas Prochaska
Drehbuch: Tony Saint, Johannes Betz, Benedikt Röskau, Laura Grace, Simon Allen
Vorlage: Lothar-Günther Buchheim
Musik: Matthias Weber, Klaus Doldinger
Kamera: David Luther
Besetzung: Rick Okon, August Wittgenstein, Vicky Krieps, Tom Wlaschiha, Leonard Scheicher, Rainer Bock, Robert Stadlober, Franz Dinda, Lizzy Caplan

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Das Boot – Staffel 1
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Das Boot – Staffel 1
Auch wenn Vorlage und Titel identisch sind, sollte man die Serie „Das Boot“ nicht mit dem deutschen Antikriegsklassiker vergleichen. Der klaustrophobische Horror des Films wurde reduziert, stattdessen bekommen wir Einblicke in die Kontexte des U-Boot-Kriegs im Jahr 1942. Das ist informativer, wenn auch beliebiger, bietet aufgrund der aufwendigen Produktion und spannender Momente genug, um dieser Version eine Chance zu geben.
7von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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