Kritik

The Invisible Line Die Geschichte der Welle Crime + Investigation

„The Invisible Line – Die Geschichte der Welle“ // Deutschland-Start: 19. Dezember 2019 (TV)

Die Geschichte des Sozialexperiments „The Third Wave“ mag jetzt schon mehr als 50 Jahre zurückliegen, doch es hat Spuren hinterlassen, die bis heute wirken. Die meisten dürften von dem Experiment gehört haben, wahrscheinlicher noch haben sie es gelesen. Denn dessen Inhalte haben erst den US-amerikanischen TV-Film Die Welle inspiriert, dann den daraus entstandenen Roman von Morton Rhue, der zur Pflichtlektüre an vielen Schulen wurde. Später gab es auch eine deutsche Verfilmung des Stoffes, zuletzt die Serie Wir sind die Welle, die äußerst frei mit der Vorlage umgeht und daraus einen Jugendrevolte-Thriller machte.

Die ursprüngliche Geschichte bzw. besagtes Experiment gingen aber von einem Erwachsenen aus: Geschichtslehrer Ron Jones teilte seinen Schülern bestimmte Rollen zu und stellte eine Reihe von Verhaltensregeln auf. Vorausgegangen waren dem Experiment Überlegungen zum Nationalsozialismus und wie sich die Deutschen dem Ganzen fügen konnten. Fünf Tage dauerte das Experiment und führte zum Ende nicht nur Jones, sondern auch seinen drei Klassen vor Auge, wie leicht sich Menschen als Teil einer Gruppe manipulieren lassen – mit erschreckenden Parallelen zum Dritten Reich.

Wie war das damals eigentlich?
Der Dokumentarfilm The Invisible Line – Die Geschichte der Welle, der auf dem deutschen Pay-TV-Sender Crime + Investigation gezeigt wird, lässt eine Reihe von Beteiligten des damaligen Experiments zu Wort kommen. Das bedeutet allen voran natürlich Ron Jones selbst, der vor der Kamera schildert, wie das zunächst harmlos wirkende Experiment derart verstörende Auswüchse annehmen konnte. Aber auch viele ehemalige Schüler und Schülerinnen wurden interviewt und schildern ihre Sicht der Dinge, erinnern sich, wie sie die Gemeinschaft mit den anderen damals empfunden haben.

Mit den üblichen True-Crime-Produktionen, die auf dem Sender laufen, hat das weniger zu tun. Ein eigentliches Verbrechen hat hier ja schließlich nicht stattgefunden. Und natürlich ist das immer so eine Sache, 50 Jahre nach einem Vorfall die Leute noch zu befragen. 50 Jahre, das ist eine lange Zeit, damit Erinnerungen ein Eigenleben entwickeln. Wenn die Beteiligten von früher erzählen – die Doku besteht ausschließlich aus Interviews –, dann darf man die Objektivität immer anzweifeln. Interessant ist The Invisible Line – Die Geschichte der Welle aber durchaus, so wie die daraus entstandenen fiktionalen Versionen interessant sind. Es ist auch erschreckend relevant in einer Welt, die zunehmend nationalistisch-faschistische Tendenzen wieder salonfähig macht.

Gerade der Blick auf die USA, in der – anders als in echten Diktaturen –, sich weite Teile der Bevölkerung freiwillig einem Mann jubelnd zu Füßen werfen, der ihre Rechte mit eben denselben tritt, zeigt auf, wie groß offensichtlich die Sehnsucht nach solcher Führerpersönlichkeiten ist. Wie schnell die Leute bereit sind, Dinge ungefragt anzunehmen, um sich als Teil einer Bewegung zu fühlen. The Invisible Line – Die Geschichte der Welle fügt der Diskussion zwar zwangsläufig nicht wirklich etwas Neues hinzu, erinnert aber doch daran, was einmal war und was ganz schnell wieder kommen könnte.

Credits

OT: „The Invisible Line“
Land: Deutschland, USA
Jahr: 2019
Regie: Emanuel Rotstein
Kamera: Alexander Vexler

Bilder

Trailer

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The Invisible Line – Die Geschichte der Welle
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The Invisible Line – Die Geschichte der Welle
Die Geschichte um eine Schulklasse, die sich als Teil eines Experiments auf verstörende Weise manipulieren ließ, wurde vor allem durch die Fiktionalisierung „Die Welle“ bekannt. In „The Invisible Line – Die Geschichte der Welle“ dürfen wir mehr über die Hintergründe erfahren, indem die Beteiligten von damals zu Wort kamen. Mehr als 50 Jahre später sind neue Erkenntnisse natürlich nicht drin. Der Dokumentarfilm erinnert aber an ein heute erschreckend relevantes Thema.
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Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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