Kritik

All I Never Wanted

„All I Never Wanted“ // Deutschland-Start: 12. Dezember 2019 (Kino)

Das hatten sich Annika Blendl (Annika Blendl) und Leonie Stade (Leonie Stade) irgendwie anders vorgestellt. Eigentlich wollten sie auf dem Filmfest München Kontakte knüpfen, um so ihren Film umsetzen zu können. Nur irgendwie will sie dort keiner ernst nehmen. Am Ende klappt es aber doch noch, sie finden einen Produzenten, der sich ihres Projektes annimmt: Die beiden folgen der 17-jährigen Nina (Lida Freudenreich), die nach Mailand geht und dort unbedingt ihren Durchbruch als Model schaffen will. Annikas Schwester Mareile (Mareile Blendl) kämpft ebenfalls um ihre berufliches Überleben, als ihre Figur in einer Krimiserie den Serientod erleidet, um von einer jüngeren ersetzt zu werden. Zwar findet sie daraufhin eine Stelle an einem Theater. Ärger gibt es aber auch dort jede Menge …

Was ist wahr, was nur eingebildet? Das ist eine Frage, die in sehr vielen Filmen provoziert wird. Gerade Thriller und Horrorwerke spielen beispielsweise mit der Wahrnehmung, lassen das Publikum im Unklaren, ob die Erlebnisse der Figuren gerade „wirklich“ geschehen oder ob ihnen da nur etwas einen Streich spielt. Es gibt allerdings auch Filme, die selbst an der Grenze zwischen Fakt und Fiktion angesiedelt sind und man deshalb nie genau sagen kann, wo das Persönliche aufhört und das Künstlerische beginnt. Filme wie The Rider oder Ordinary Time, wo Laiendarsteller*innen fiktionalisierte Versionen ihrer selbst spielen und eigene Erlebnisse miteinspielen lassen.

Alles ganz echt wirklich wahr!
Nun kommt ein weiteres Beispiel für einen solchen Grenzgänger: All I Never Wanted. Der basiert nicht nur auf wahren Begebenheiten, so wird zumindest mal wieder behauptet. Es finden sich auch dokumentarische Szenen da drin, vor allem in dem Handlungsstrang rund um Nina. Zumindest die verpixelten Gesichter der anderen Leute beim Casting lassen darauf schließen, dass Blendl und Stade wirklich mit einer Kamera bei solchen Castings unterwegs waren, zum Zwecke der Authentizität. Vielleicht tut das Regie- und Drehbuchduo, das vor einigen Jahren mit Mollath – Und plötzlich bist du verrückt auf sich aufmerksam machte, an der Stelle aber auch nur so und erlaubt sich seinerseits einen Spaß mit dem Publikum.

Inhaltlich würde das auf jeden Fall passen. Denn alle drei Handlungsstränge – der um den Filmdreh, der um die Modekarriere, der um den Theaterauftritt – sind mit dem äußeren Schein beschäftigt. Denn ob nun Dokumentarfilm, Laufsteg oder Bühne, es geht immer darum, Leute anzuschauen, Illusionen zu erzeugen. Wobei das Anschauen schnell zu einem Angaffen werden kann: In All I Never Wanted sind es immer Frauen, die im Mittelpunkt stehen und sich beweisen müssen, dabei schnell zu Objekten reduziert werden. Beim Modeln kennt man das gar nicht anders, dort sind Frauen ohnehin nur hübsch zurechtgemachte Fassade. Beim Theater muss sich Mareile eine Reihe bizarrer Unverschämtheiten von dem Regisseur gefallen lassen, der keine Widerworte duldet. Und dass Frauen als Filmemacherinnen nicht sonderlich ernst genommen werden, das ist nun auch kein besonders großes Geheimnis.

Viel zu sagen, wenn auch mit Gewalt
Dass Blendl und Stade nichts zu sagen hätten, kann man ihrem neuen Werk daher nun wirklich nicht vorwerfen. All I Never Wanted, das auf dem Filmfest München 2019 Weltpremiere hatte und anschließend auf diversen weiteren Festivals zu sehen war, schneidet eine Reihe von diskussionswürdigen Themen an. Wer will schlägt bei dieser Grenzwanderung zwischen Wahrheit und Lüge sogar den Bogen zu unserem täglichen Auftreten in den sozialen Medien, die uns jetzt schon von klein auf dazu ermuntern, uns selbst so sehr in Szene zu setzen, bis wir selbst nicht mehr wissen, wer wir sind. Doch nur weil ein Film gute Absichten hat, vielleicht auch die eine oder andere gute Idee, ist das Ergebnis leider nicht zwangsläufig gut.

Die Ausflüge ans Theater, wo wir diverse selbstverliebte Schnapsideen sehen dürfen, sind zwar absurd, aber nicht unbedingt witzig. Da haben andere satirische Theaterdarstellungen dieses Jahr – Golden Twenties und unRuhezeiten – doch deutlich mehr Spaß gemacht. Der Humor kommt hier oft so sehr mit dem Holzhammer um die Ecke, als würde der Film das eigene Publikum für dumm halten, was nicht sonderlich hilfreich ist. Wer ohnehin offen für die Themen ist, fühlt sich nicht ernst genommen. Wer das nicht ist, der wird durch All I Never Wanted seine Meinung nicht ändern. Denn dafür ist das hier nicht witzig genug, die Figuren sind zu unsympathisch, da sind zu viele Szenen dabei, durch die man sich ein bisschen durchquälen muss. Aufgrund der wichtigen Themen und vereinzelt guter Momente lohnt sich das dann in der Summe zwar irgendwie schon, ist aber auf eine wenig produktive Weise anstrengend und schafft es zudem nicht, den Theaterstrang wirklich organisch mit den beiden anderen zu verknüpfen.

Credits

OT: „All I Never Wanted“
Land: Deutschland
Jahr: 2019
Regie: Annika Blendl, Leonie Stade
Drehbuch: Annika Blendl, Leonie Stade, Oliver Kahl
Kamera: Mateusz Smolka
Besetzung: Annika Blendl, Leonie Stade, Lida Freudenreich, Mareile Blendl

Bilder

Trailer

Filmfeste

Filmfest München 2019
Festival des deutschen Films 2019
Filmfest Braunschweig 2019



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All I Never Wanted
Zwei Regisseurinnen kämpfen um ihren Film, eine 17-Jährige um ihr Model-Engagement und eine ausrangierte Schauspielerin um ihre Würde: „All I Never Wanted“ wandelt zwischen Fakt und Fiktion und schneidet eine Reihe wichtiger Themen an. Das Ergebnis ist aufgrund des Holzhammerhumors aber eher anstrengend als wirklich bereichernd.
5von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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