unRuhezeiten

„unRuhezeiten“ // Deutschland-Start: 31. Oktober 2019 (Kino)

Und was jetzt? Im Theater von Armstadt häufen sich zuletzt die Probleme. Schon seit Längerem laufen ihm die Zuschauer weg, die Publikumsränge werden immer lichter, weshalb auch schon die Rede vom endgültigen Aus ist. Ideen gibt es natürlich schon, beim neuen Intendanten, dem jungen Regisseur oder auch dem Ensemble, das inzwischen langsam Panik schiebt, wie es in Zukunft noch weitergehen soll. Bislang bleiben diese Bemühungen aber ohne Erfolg, was die Stimmung hinter den Kulissen nicht unbedingt verbessert. Immer häufiger geraten Künstler und Künstlerinnen aneinander, die Zweifel werden immer größer, ob das Theater überhaupt noch gerettet werden kann …

Dass im Bereich der Kunst ein ganz eigener Schlag Mensch herumläuft, das ist bekannt. Zumindest das Klischee besagt, dass Künstler und Künstlerinnen ein bisschen verrückt sein müssen, so wie alle Kreative. Macken und Eigenheiten sind dort kein Mangel, sondern Teil des Geschäfts. Diese Ansicht mag man nun teilen oder nicht, zumindest ist die Kuriosität Kunst immer wieder für vergnügliche Momente vor den Fernsehern und Kinoleinwänden gut, wenn sich mal wieder eine Gruppe Selbstverliebter vor versammelter Mannschaft selbst zerfleischt. Bei Casting waren es die Beteiligten eines Fernsehfilms, The Square nahm den Kunstbetrieb auseinander.

Die Bretter voller Chaos
In unRuhezeiten ist es nun das Theater, das ins Rampenlicht rückt. Und erneut führt das dazu, dass einige nicht ganz so vorzeigbare Seiten enthüllt werden, ein paar Leute bloßgestellt. Damit haben die beiden Regisseure Eike Weinreich und Alexej Hermann einschlägige Erfahrungen gesammelt, haben beide doch in unterschiedlichen Funktionen an den Brettern gearbeitet, die die Welt bedeuten. Oder sie zumindest bedeuten wollen. Weinreich, der auch das Drehbuch mitschrieb, durfte inzwischen sogar seinen Einstand als Theaterregisseur geben. Allem Spott zum Trotz ist er dem Metier also treu geblieben.

Diese Liebe und Nähe ist seinem Film auch durchaus anzumerken. Weinreich und sein Team zögern zwar nicht, sich über die Eitelkeiten und eine gewisse Weltfremdheit lustig zu machen, begegnen den Figuren aber auch mit Verständnis. Zumal die Menschen, für die das Theater ihr ein und alles ist und in dem sie aufgehen, auch irgendwie tragische Gestalten sind. Denn die großen Träume, die sie in sich tragen, wollen irgendwie nicht in Erfüllung gehen. Es fehlen den Künstler*innen die Mittel, in mehr als einer Hinsicht, um die lang gehegten Wünsche umsetzen zu können.

Ein Fall für Insider
unRuhezeiten wird deshalb auch am besten bei einem Publikum funktionieren, das sich mit diesen Träumen identifizieren kann, im Idealfall auch selbst aus diesem Bereich kommt. Während die grundsätzliche Situation durchaus jedem verständlich sein dürfte, Existenzängste und Konflikte universelle Themen sind, ist anderes hier schon sehr eigen. Mindestens so eigen wie die Leute, die herumlaufen. Wenn Weinreich und sein Co-Autor Sergej Lubic aus dem Nähkästchen plaudern, dann geht das mit diversen Anspielungen und Verweisen einher, die sich in erster Linie an Eingeweihte richten. Wer die aktuelle Situation des deutschen Theaters und die Entwicklung nicht selbst verfolgt, könnte an mancher Stelle nur verwundert schauen, anstatt zu schmunzeln – so wie es da beabsichtigt war.

Damit ist die Satire, die beim achtung berlin Filmfestival 2019 Weltpremiere hatte, von vornherein für ein eher überschaubares Publikum gedacht. Auf die Nöte und Sorgen des deutschen Theaters aufmerksam machen? Das wird hiermit kaum gelingen, da man doch zu sehr unter sich bleibt und im kleinen Kreis agiert. Die regelmäßigen Texteinblendungen, um Elemente des Theaters zu erklären, verstärken diese Künstlichkeit noch weiter. Ein gewisses Faible für dieses Metier oder künstlerische Berufe vorausgesetzt kann man mit der Indie-Produktion unRuhezeiten aber durchaus seinen Spaß haben, zumal die Figuren auf ihre spleenige Art sympathisch sind und man ihnen doch gerne folgt, während sie Sinn und Zukunft mitten im Chaos und seltsamen Regeln suchen.



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unRuhezeiten
„unRuhezeiten“ nimmt uns mit zu einem Provinztheater, das vor dem Aus steht, und beobachtet das Ensemble beim Kampf ums Überleben. Das ist durchaus tragisch, auch wenn der Film in erster Linie eine Satire auf das absurde Treiben dort ist. Eine Nähe zum Thema wird dabei aber vorausgesetzt, sonst geht man schnell in den Anspielungen und Insiderwitzen verloren.
7von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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