Morgen sind wir frei

„Morgen sind wir frei“ // Deutschland-Start: 14. November 2019 (Kino)

Die Begeisterung ist groß bei Omid (Reza Brojerdi) und vielen anderen Ex-Iranern: Der Schah ist fort, gestürzt während der Revolution im Jahr 1979. Zusammen mit seiner Frau Beate (Katrin Röver), die ohnehin keine echte Perspektive mehr in der DDR sah, und ihrer gemeinsamen Tochter Sarah (Luzie Nadjafi) macht er sich daher auf den Weg in seine alte Heimat. Doch die anfängliche Euphorie macht bald Ernüchterung breit. Vor allem Beate, die sich eigentlich mehr Freiheiten erhofft hatte, muss erkennen, dass die Übergangsphase nicht das gebracht hat, was sie sich erhofft hatte. Schlimmer noch, der Ärger macht bald blanker Angst Platz, als sich die Situation immer weiter zuspitzt …

Für die einen war der Iran auf einem guten Weg zu mehr Öffnung und Zusammenarbeit, bevor Trump seinen Anfall hatte. Für die anderen ist das persische Reich ein Ort des Grauens, geführt von dem personifizierten Bösen. Da wird dann sehnsuchtsvoll auf die Jahre vor der Islamischen Revolution zurückgeblickt, als das Land noch deutlich westlicher orientiert war, geistliche Kräfte nicht ganz so viel zu sagen hatten. Allein deshalb schon ist Morgen sind wir frei ein interessanter Blick zurück: Hier ist die gewaltsame Absetzung des Schahs erst einmal nichts Negatives, sondern erlaubte es den bislang Unterdrückten, endlich eine Stimme zu finden. Nicht die Verzweiflung ist Ausgangslage, sondern Hoffnung.

Wenn ihr wüsstest …
Das ist auch das Gemeine an dem Drama, das auf einer wahren Geschichte basiert: Es lässt die Figuren in dem Glauben, dass sie am Anfang einer großartigen neuen Welt stehen, die sie selbst formen können. Doch während sie noch auf den Dächern tanzen und laut hinausschreien wollen, weiß das Publikum da schon längst: Das wird noch schlimm enden. Morgen sind wir frei ist daher kein Film, den man sich anschaut in großer Spannung, worauf das alles hinausläuft. Allenfalls die Frage, ob die anfänglich so froh gestimmten, naiven Träumer noch heil aus der Sache herauskommen werden, wird einen als Zuschauer beschäftigen.

Dafür legt Regisseur und Drehbuchautor Hossein Pourseifi seinen Fokus auf Beate. Die ist uns nicht nur aufgrund ihrer Herkunft näher. Sie vertritt auch stärker die deutschen Überzeugungen. Omid ist zwar kein Anhänger des strengen Glaubens, sondern durchaus liberal eingestellt. Im Vergleich zu seiner progressiven Frau, die vor 40 Jahren schon für Gleichberechtigung kämpfte, ist er aber doch der deutlich genügsamere. Anecken ist nicht seine Art. Lieber erst einmal ruhig bleiben, Kompromisse eingehen, das wird dann am Ende schon. So dachte er zumindest, bis es dann zu spät war.

Im Nachhinein ist man (nicht) schlauer
Morgen sind wir frei, das auf dem Filmfest Hamburg 2019 Premiere feiert, lässt es dabei jedoch offen, ob Omid und die anderen aufgrund ihrer zu zaghaften Gegenwehr nun Schuld sind an der Eskalation, ob diese überhaupt hätte verhindert werden können. Pourseifi zeigt ihn vielmehr als eine tragische Gestalt, die für ihre Leichtgläubigkeit einen hohen Preis bezahlen muss. Das ist durchaus spannend, sowohl als Geschichtsstunde wie auch als Porträt. So spannend, dass das Drama fast schon als Thriller durchgehen würde, wenn die Lage im Land immer explosiver wird und gewaltsame Ausbrüche die moderaten Kräften in Angst und Schrecken versetzen. Besonders das Fehlen einer Rechtstaatlichkeit schockiert, wenn Mörder frei herumlaufen können, Kritik jedoch hart bestraft wird.

Der Alltag kommt bei der Geschichte ein wenig kurz. Es gibt nur wenig Gelegenheit, die Figuren außerhalb der Krise kennenzulernen. Sie sind am Ende dann doch nur stellvertretende Beispiele für die vielen Opfer, welche die blutige Revolution gefordert hat. Auch über die Revolution als solche hätte gern noch ein bisschen mehr gesagt werden können, der Film hält sich mit Kontexten und Infos ein wenig bedeckt. Sehenswert ist Morgen sind wir frei aber so oder so als persönliches Drama über eine Familie wie auch als Überlegung, wie viel individueller Einsatz in einem ungerechten System sinnvoll und notwendig ist. Wie viel Gefahr man als einzelner Mensch eingehen sollte, um für eine bessere Welt zu kämpfen. Eine Antwort darauf wird man hier aber nicht finden, höchstens Trauer, Wut und das Gefühl, dass das alles ganz anders hätte laufen müssen.



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Morgen sind wir frei
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Morgen sind wir frei
„Morgen sind wir frei“ nimmt uns mit in die Zeit der Islamischen Revolution im Iran 1979. Das Drama zeigt dabei eine Exil-Familie, die in Folge der Änderungen in die Heimat zurückkehrt in der Hoffnung auf mehr Freiheit – und bald desillusioniert wird. Das ist sowohl als persönliches Schicksal wie auch als Zeitporträt interessant, selbst wenn einiges hier schematisch bleibt.
7von 10

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