Wenn wir an den Iran denken, dann verbinden das die meisten mit nicht sehr schönen Bildern: systematische Unterdrückung der Bevölkerung, Missachtung von Menschenrechten, ein Gottesstaat, in denen alles von oben bestimmt wird. Dabei sah das Leben in dem persischen Land einmal anders aus, hätte auch ganz anders werden sollen: Als 1979 der Schah gestürzt wurde, versprachen sich viele mehr Demokratie und Mitbestimmung dadurch – bis das böse Erwachen kam. Morgen sind wir frei (Kinostart 14. November 2019) erzählt von einem solchen Erwachen, wenn wir einer wahren Geschichte folgend einen Exil-Iraner kennenlernen, der nach der Revolution mit seiner Familie in die Heimat zurückkehrt. Wir haben Regisseur Hossein Pourseifi, der selbst im Iran geboren wurde und mit dem Drama sein Spielfilmdebüt gibt, zu seinen Erfahrungen befragt und was genau damals im Iran eigentlich schief gelaufen ist.

Ihr Film erzählt von dem Exil-Iraner Omid, dessen Hoffnungen auf einen Wandel nach der Revolution von der Realität eingeholt werden. Wie sind Sie aufs Thema gekommen?
Ich habe vor zehn Jahren, 2009, hier in Berlin eine deutsch-iranische Familie kennengelernt. Sie hat mir im Laufe der Zeit von ihrer Erfahrung erzählt, wie sie direkt nach der Islamischen Revolution als deutsche Akademikerin und iranischer Dissident in den Iran gegangen sind. Und wie das so ist mit Revolutionen, am Anfang ist die Aufbruchsstimmung enorm, alles ist möglich, jeder projiziert das in die grenzenlosen Möglichkeiten hinein, was er möchte. Nach und Nach gibt es aber wie bei vielen Revolutionen eine Spirale der Gewalt, gefolgt von Repressionen und einer neuen diktatorischen Ordnung. Das war im Iran nicht anders. Und diese Familie musste sich dann entscheiden, wie geht sie damit um. Ich habe die Familie gebeten, mir Dokumente, Briefe und Fotos von damals zur Verfügung zu stellen, um daraus ein Drehbuch zu schreiben. Das war ein langjähriger Prozess des Schreibens, aber auch um Partner für die Realisierung des Films selbst zu gewinnen.

Wie lange haben Sie denn daran gearbeitet?
Man arbeitet ja nicht exklusiv an einer Sache. Aber dieses Filmprojekt war insgesamt zehn Jahre meines Lebens immer irgendwo Thema in meinem Hinterkopf.

Und wie viel von der Geschichte basiert auf der Familie, wie viel wurde hinzugefügt?
Der Kern basiert auf die Erlebnisse der Familie. Es gibt natürlich Verdichtungen der Zeit, das kennen Sie aus anderen Filmen, Dramatisierungen. Das größte Problem bei einer solchen Geschichte ist: Wie viel lässt man weg? Ab einem gewissen Punkt, wenn man alles, was diesen Menschen in zweieinhalb Jahren der Revolutionszeit passiert ist, in einem Film erzählen würde, würde das keiner glauben. Selbst wenn man am Anfang schreibt, dass es auf einer wahren Geschichte basiert, würden die Leute sagen: „Nein, das ist denen auch noch passiert?“

Und wie sieht es mit dem tragischen Ende aus?
Das ist wirklich so passiert. Dieser historische Umstand war uns sehr wichtig. Wir wollten von dem ganzen Zeitraum erzählen: Von der Stunde Null direkt nach dem Sturz des Schah bis zehn Jahre nach der Revolution, um auch zu zeigen, was mit den Dissidenten, den politischen Gefangenen und der Opposition der Islamischen Republik zum Teil passierte.

Sie haben gesagt, dass am Anfang der Revolution die Menschen glaubten, dass alles möglich ist. War das im Nachhinein eine Illusion?
Da gibt es sehr interessante Diskussionen. Persönlich finde ich schon, dass wenn man nüchtern, historisch auf die Anfänge der Revolution blickt, wenn man schaut, was Chomeini vor der Revolution gesagt hat, bevor er an die Macht kam, dass man Vieles hätte voraussehen können. Und es gab auch Intellektuelle unter den Iranern, die es sahen und das auch sagten. Aber sie wurden weitgehend ignoriert. Gleichzeitig denke ich, dass die anderen Intellektuellen und politische Parteien, die Chomeini unterstützten, so sehr davon getrieben waren, den Schah zu stürzen und Veränderungen herbeizuführen, dass sie diese Risiken in Kauf genommen haben. Vielleicht dachten sie auch, dass sie den Alten instrumentalisieren und irgendwann beiseite schieben könnten. Umgekehrt hat Chomeini sie aber benutzt und auch zerstört. Man muss sich aber auch, wenn man fair ist, selbst fragen: Wie hätte ich mich entschieden, wäre ich eine Generation älter und in der Situation meiner Eltern gewesen? Wahrscheinlich wäre ich schon ein Unterstützer der ersten Stunde gewesen.

Omid wollte diese Veränderung auch. Im wird aber im Film immer wieder vorgeworfen, gerade von Beate, dass er nicht genug getan hat für die richtige Veränderung. Hätten die liberalen Kräfte damals mehr kämpfen müssen?
Was ich hier unter kämpfen verstehen würde, ist eine Grundvoraussetzung der Demokratie: Wenn Sie und ich unterschiedlicher Meinung sind, muss ich trotzdem für Ihre Rechte einstehen können. Dieses Konzept hat damals aber komplett gefehlt. Die Parteien unterschiedlicher Couleur haben sich immer dann gegen die Revolution gewandt, wenn sie selbst Opfer des Regimes wurden. Wenn vor ihnen andere Opfer der Revolution wurden, dann wurden sie als Verräter der Revolution angesehen. Man hat der Revolution also immer nur so lange die Stange gehalten, bis man selbst dran war. Dieser Mangel an zivilgesellschaftlicher Stärke in der Gesellschaft damals ist für mich eine Hauptursachen der tragischen Entwicklungen nach der Revolution. Als die Frauen fünf Wochen nach der Revolution auf die Straße gingen, um gegen die drohende Zwangsverschleierung zu protestieren, wenn die Männer ihnen da beigestanden hätten, was wäre geschehen? Was wäre passiert, wenn die anderen Parteien den Kurden geholfen hätten, als diese für mehr Rechte und Autonomie kämpften? In einer Szene des Films sagt ein Genosse zu unserer Hauptfigur Omid, als die Zeitungen der anderen Parteien geschlossen werden: „Sie hätten sich ja nicht gegen Chomeini stellen müssen.“ Selbst schuld also.

Morgen sind wir frei

Nach dem Umzug aus der DDR in den Iran muss Beate feststellen, dass sie plötzlich weniger Rechte hat als vorher.

Irgendwann war es dann ja auch zu spät, als überall dann Gewalt ausgebrochen war. Was tut man dann als liberale Kraft?
Es gab immer mal wieder Anstrengungen von Iranern, die gegen diese Gewalt appelliert haben, auf beiden Seiten. Aber sobald die Waffen sprechen, hört man diese warnenden Stimmen nicht mehr. Da war es aber auch schon insofern zu spät, weil 1980 der Krieg gegen den Irak losging. Und wenn man einen gemeinsamen, äußeren Feind hat, ist es nahezu unmöglich, gegen das diktatorische System etwas zu unternehmen. Wer da immer noch etwas sagen will, der ist Staatsfeind Nummer eins.

Also war es auch einfach Pech?
Chomeini hat diesen Konflikt mit dem Irak provoziert. Er hat die Schiiten im Irak, die ja die Mehrheit bildeten, gegen Saddam aufgewiegelt und angestiftet. Als nach knapp zwei Jahren Krieg die iranischen Kräfte die Iraker wieder bis an die ursprünglichen Grenzen zurückgedrängt haben, hätte man einen Waffenstillstand haben können. Aber Chomeini wollte diesen verlängerten Krieg. Er hatte auch diese Großherrschaftsfantasien und wollte Bagdad und danach Jerusalem erobern. So ging der Krieg danach leider noch sechs Jahre weiter, damit Chomeini seine Macht zementieren konnte.

Heute wird gerne von manchen gesagt, dass das Leben im Iran vor der Revolution besser war. Ist da ein verklärendes Element dabei?
Die Erinnerung ist immer ein bisschen verklärend bei allen Menschen, im Guten wie im Schlechten. Ob das Leben vor der Revolution besser war, hängt davon ab, über welchen Aspekt des Lebens der Menschen wir sprechen. Wenn wir über Frauenrechte sprechen, dann muss man schon sagen, dass die damals größer waren. Frauen konnten frei reisen, konnten sich frei kleiden. Diese Freiheit wurde direkt nach der Revolution eingeschränkt. Wir reden heute, 40 Jahre später, leider schon von einem Erfolg, wenn mal ein paar hundert Frauen in ein Fußballstadion gehen dürfen. Das ist beschämend für ein Land, das vor 40 Jahren sehr viel mehr Rechte für Frauen und Mädchen hatte. Auf der anderen Seite muss man sagen: In der Zeit, als der Schah geherrscht hat, hat er nur eine einzige Partei zugelassen: seine eigene. Die Pressefreiheit war stark eingeschränkt. Andere Parteien waren stark eingeschränkt, teilweise aber auch aus dem Grund, weil sie gewaltsam gegen den Schah vorgegangen waren. Das war eine Wechselwirkung der Kräfte. Misst man den Erfolg der Revolution aber an den Versprechen Chomeinis, die er damals gegeben hat, dass er den Alltag der Bevölkerung verbessern und sie sogar „in den Stand der Menschen“ erheben wird, was sie vorher seiner Ansicht nach nicht waren, dann geht es ihnen heute natürlich deutlich schlechter. Die wirtschaftliche Lage ist schlechter. Von den eingeschränkten persönlichen Freiheiten sowie der Zensur für die Presse ganz zu schweigen.

Sie sind selbst auch aus dem Iran. Haben Sie noch Erinnerungen an die Zeit damals?
Ich war bis zum neunten Lebensjahr im Iran und bin 1986 nach Deutschland gekommen. An die aktive Revolutionszeit habe ich natürlich keine Erinnerungen mehr, da war ich zwei, drei Jahre alt. An die Grundschulzeit erinnere ich mich, ich war die ersten vier Grundschuljahre im Iran. Wobei die Erinnerungen mit der Zeit auch immer wieder aufgefrischt wurden von der Familie.

Wie hat Ihre Familie diese Zeit wahrgenommen?
Meine Familie war selbst Unterstützer der Revolution und später sehr desillusioniert. Ich denke, das ist eine Erfahrung, die viele iranische Familien teilen.

Und wie sehr fühlen Sie sich dem Land selbst heute noch verbunden?
Das ist sehr gemischt. Auf der einen Seite fühle ich mich dem Land durchaus noch sehr verbunden. Es ist ja mein Herkunftsland. Allerdings wird es leider durch eine Diktatur regiert. Dieser Umstand macht das Verhältnis vieler Exil-Iraner zu ihrem Geburtsland zu einer Mischung aus gut und böse, nicht nur für mich. Aber: ich denke, meine Generation ist auch dankbar, dass wir in Deutschland mitten in Europa einen sicheren Hafen finden konnten und aufgenommen worden sind. Das ist etwas, das wir durchaus sehr wertschätzen.

Sind Sie vom iranischen Kino beeinflusst?
Ich sehe mir ab und zu iranische Filme an, aber ich muss gestehen, meine Einflüsse sind doch eher westlich, was das Kino betrifft. Momentan schaue ich mir ganz viele Serien an. Zuletzt habe ich mir meiner Frau The Sporanos angeschaut, drei Monate lang jeden Abend eine Folge. Das ist dann das komplette Gegenprogramm. Meine filmischen Ursprünge liegen bei Hitchcock.

Und was bringt die Zukunft? Was steht als nächstes bei Ihnen an?
Ich will nächstes Jahr ein Psychodrama fürs Fernsehen drehen. Das ist sehr viel kleiner, mit weniger Sprachen und weniger Figuren. Es geht da um eine kleine Familieneinheit, die innerhalb von 36 Stunden eine Krise bewältigen muss. Es gibt auch noch andere Projekte, die angedacht sind. Aber da ist es zu früh, drüber zu reden.

Hossein Pourseifi

© privat

Zur Person
Hossein Pourseifi wurde 1976 im Iran geboren und wanderte im Alter von neun Jahren mit seiner Familie nach Deutschland aus. Nach seinem preisgekrönten Kurzfilm Punched & Punished/Falsche Freunde gab er mit dem auf einer wahren Geschichte basierenden Drama Morgen sind wir frei (2019) sein Spielfilmdebüt.



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Hossein Pourseifi [Interview]
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