Freudenberg

„Freudenberg – Auf der Suche nach dem Sinn“ // Deutschland-Start: nicht angekündigt

Ruinen sind schon immer eine sehr nette Angelegenheit, zumindest für Touristen. Ein bisschen auf alten Pfaden wandern, einen Einblick bekommen in das Leben von anno dazumal, über unsere gemeine Vergangenheit lernen. Nicht so in Freudenberg. Dabei handelt es sich nicht, wie der Name impliziert, um eine natürliche Erhebung. Stattdessen wird damit eine Schlossruine bei Wiesbaden bezeichnet, die bei der Errichtung 1904 eigentlich eine Villa war, später aber auch gerne mal als Kasino verwendet wurde. Bis sie überhaupt keinen Verwendungszweck mehr hatte, zunehmend verfiel und irgendwann in einem erbarmungswürdigen Zustand vor sich hin dämmerte.

In den 90ern wurde die Ruine jedoch wieder in Besitz genommen, von Künstlern, Handwerkern und Pädagogen, und einem völlig neuen Ziel zugeführt. Jetzt fahren die Leute dorthin, nicht um Teil der Vergangenheit zu werden, sondern um sich selbst neu zu erfahren. Das kann im Rahmen einer Kunstinstallation geschehen oder auch durch körperliche Arbeit – selbst die Restauration des Schlosses wird in ein Experiment eingebettet. Das darf aber auch in spielerischer Form geschehen, wie man sehen kann: In Freudenberg – Auf der Suche nach dem Sinn laufen jede Menge junger Menschen herum, die das Ganze eher wie einen Abenteuerspielplatz begreifen.

Alles sagen was, aber ohne Ergebnis
Der Dokumentarfilm folgt sowohl ihnen wie auch den Betreibern, lässt jeden zu Wort kommen, der sich irgendwie dazu berufen fühlt, etwas zum Thema zu sagen. Und das sind einige. Das ist einerseits durchaus ein Vorteil, gerade bei einem Projekt, das gerne Grenzen überwinden möchte und sich den Zwängen dieser Welt entziehen möchte. Kommerziell ist hier nichts, eigentlich kann jeder tun, was er möchte – so der Eindruck. Der Sinn der einzelnen Stationen erschließt sich einem nicht zwangsweise. Es ist eher eine sinnliche Erfahrung, welche die Besucher und Besucherinnen hier mitnehmen.

Diese Vielseitigkeit ist aber auch eine Schwäche. Gerade weil es hier keinen Rahmen gibt, an den sich die einzelnen Leute halten müssen, wirkt das Geschehen immer sehr willkürlich. Es fehlt ein roter Faden, an dem sich der Film orientieren könnte. Oder wenigstens Themengebiete, durch die die einzelnen Szenen zusammengehalten würden. Das liegt auch daran, dass sich Regisseur Andrzej Klamt komplett raushält. Es gibt kaum Einordnungen oder Erklärungen von außen, der Dokumentarfilm ist selbst ein Art Selbsterfahrung.

Zuschauen allein reicht nicht
Das ist vom Prinzip her interessant und als Gegenpol zu einer sehr zweckgebundenen Welt auch irgendwie wohltuend: In einer völligen Zeitlosigkeit schweben die Menschen hier durch die Gegend, sind abgeschottet und doch völlig frei. Als Film ist Freudenberg – Auf der Suche nach dem Sinn jedoch sehr viel weniger spannend. Vieles von dem, was in und bei der Ruine geschieht, will aus erster Hand erfahren werden. Will erlebt werden. Den anderen dabei nur zuzusehen, ist sehr viel weniger wertvoll. Es ist teilweise sogar ausgesprochen langweilig.

Am besten funktioniert der Dokumentarfilm noch als eine Art Plädoyer, sich für solche Sachen überhaupt zu öffnen und vielleicht selbst einmal nach Freudenberg zu fahren oder andere Kurse zu besuchen. Die ganz große Lust macht das Werk jedoch nicht darauf. Wer ohnehin offen ist für solche Tätigkeiten, braucht Freudenberg – Auf der Suche nach dem Sinn nicht, um sich zu motivieren. Für einen Einstieg ist das hier wiederum zu wenig, zumal nicht alle hier auftretenden Personen sonderlich werbewirksam sind. Im Gegenteil. Nur weil jemand kurios ist, macht es nicht Spaß, ihm zuzusehen. Oder anders gesagt: Trotz des Titels, Freude bereitet einem der Film nicht.



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Freudenberg – Auf der Suche nach dem Sinn
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Freudenberg – Auf der Suche nach dem Sinn
Eine alte Schlossruine wird umgewandelt zu einem Ort, an dem man sich selbst und andere erfahren kann. Das ist vom Prinzip her interessant, als Film jedoch kaum. Als bloßer Zuschauer sind die einzelnen Aktionen ziemlich langweilig. Es fehlt „Freudenberg – Auf der Suche nach dem Sinn“ außerdem an einem Rahmen, der die willkürlichen Einzelbestandteile zusammenhalten würde.
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Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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