Scheich Jackson

„Scheich Jackson“ // Deutschland-Start: 9. Mai 2019 (Kino)

Khaled (Ahmad Alfishawy) arbeitet als Imam in Ägypten, genießt Ansehen für seine strenge Gläubigkeit, ist glücklich verheiratet, Vater einer Tochter. Doch etwas nagt an ihm. Seit dem Tod von Michael Jackson muss er immer an seine Jugend zurückdenken, als er selbst großer Fan des Sängers war. Er leidet auch immer wieder an Albträumen. Seine Therapeutin ermuntert ihn dazu, sich mit seiner Vergangenheit und seiner aktuellen Situation auseinanderzusetzen, um herauszufinden, wer er ist und was ihn so plagt. Doch das ist gar nicht so einfach, wenn man es Jahre lang gewohnt war, sein Innerstes zu verbergen.

Der Zeitpunkt ist natürlich nicht besonders günstig: Ausgerechnet in einer Phase, in der Michael Jackson im Zuge der Doku Leaving Neverland zur Verkörperung von Missbrauch geworden ist, da kommt ein Film in die Kinos, das ihn als Symbol von Freiheit verkaufen will. Das ist ein Widerspruch, ein ziemlich zynischer sogar. Einer, der Scheich Jackson durchaus schaden könnte, wenn das ohnehin nicht besonders große Marktpotenzial des ägyptischen Films noch weiter verringert wird.

Der Konflikt der Weltbilder
Und das wäre mehr als bedauerlich. Denn auch wenn der Film Jackson natürlich im Titel trägt und unzählige Verweise auf seine Musik eingearbeitet wurden – von Kostümen über die Frisur bis zu Musikvideos –, um ihn als Mensch geht es dabei gar nicht. Nicht einmal wirklich als Künstler, auch wenn Khaled als junger Mann – verkörpert von Ahmed Malek – ein großer Fan von ihm war. Doch vieles lässt sich eben darauf zurückführen, dass er das Gegenbild zu einem Lebensentwurf ist, der ihm aufgezwängt wird. Jackson, das bedeutete andere Musik, andere Texte, ein anderes Lebensgefühl. Er war die Vorstellung, anders sein zu dürfen, als man es von ihm erwartete.

Vor allem das schwierige Verhältnis von Khaled zu seinem Vater Hany (Maged El Kedwany) rückt dabei in den Mittelpunkt. Es ist auch bemerkenswert komplex: Da treffen nicht nur traditionelle und moderne Weltansichten aufeinander, westliche und östliche. Es ist vor allem auch ein Wettstreit zwischen verschiedenen Männlichkeitsbildern. Jackson, der bewusst an seiner Kindlichkeit festhielt, nie wie ein erwachsener Mann wirken wollte. Mit seiner Androgynität und seiner betonten Körperlichkeit. Auf der anderen Seite: Hany, der seine Männlichkeit durch Muskeln und Härte beweisen will.

Die Tragik einer fehlenden Kommunikation
Die Sympathien von Scheich Jackson sind dabei recht eindeutig verteilt: Khaled ist der empfindsame junge Mann, Hany der brutale, unfaire, zurückgebliebene Klotz. Auf wessen Seite man da steht bzw. zu stehen hat, das muss nicht erst erläutert werden. Erst später merkt man, dass die Geschichte doch noch mehr beinhaltet. Regisseur und Co-Autor Amr Salama erzählt davon, wie ein Vater und sein Sohn einfach nicht zusammenfinden, auch weil die Kommunikation auf beiden Seiten nicht stattfindet. Die skurrile Komik, die das Szenario versprechen könnte, wird von einer Tragik ersetzt, die einem auch dann nahegeht, wenn man die konkreten Streitpunkte nicht nachvollziehen kann.

Der mit vielen Flashbacks erzählte Film hätte gern noch mehr Zeit auf den Vater verwenden dürfen, der über längere Zeit nur als Kontrastmittel funktioniert, kaum etwas Eigenes zu sagen hat. Das Ende erfolgt so ein bisschen schnell und abrupt. Aber: Scheich Jackson ist ein schöner Film, ein teils bewegender Film über die ewige Suche nach sich selbst. Ein Film über die Einflüsse, die wir mit uns herumtragen, und die Widersprüchlichkeiten, die sich daraus ergeben können, wenn wir anderen und uns selbst gleichermaßen gerecht werden müssen. Salama führt dabei vor Augen, wie schwierig dieser Spagat sein kann, wie langwierig auch, wenn wir selbst längst im Erwachsenenalter angekommen noch immer voller Fragen und Zweifel sind, wer wir eigentlich sind.

Scheich Jackson
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Scheich Jackson
Ein islamischer Geistlicher wird durch den Tod Michael Jacksons an seine Jugend erinnert, das hört sich schon etwas skurril an. „Scheich Jackson“ ist jedoch ein erstaunlich universelles Drama über einen Vater und seinen Sohn, die einfach nicht zueinanderfinden, und über konkurrierende Welt- und Männlichkeitsbilder.
7von 10

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