Jonathan 2018

„Jonathan“ // Deutschland-Start: 23. Mai 2019 (Kino)

Unterschiedlicher könnten die Brüder Jonathan und Jon (jeweils Ansel Elgort) kaum sein. Während Jonathan ein asketischer Ordnungsfanatiker ist, dessen Leben aus einer festen Folge von Routinen besteht, ist Jon impulsiv und emotional. Eines haben sie aber gemeinsam: ihren Körper. In dem wurden die zwei geboren, nur dank der ihnen zur Seite stehenden Ärztin Dr. Mina Nariman (Patricia Clarkson) schaffen sie es nebeneinander her zu existieren – Jonathan am Tag, Jon bei Nacht. Getroffen haben sich die zwei nie, nur mittels Videoaufnahmen können sie miteinander kommunizieren. Das klappt alles so weit, bis Jon die Bekanntschaft von Elena (Suki Waterhouse) macht und damit die besondere Beziehung der Brüder empfindlich stört.

Ein Mensch, in dem zwei komplett verschiedene Seelen hausen, das ist ein Konzept, das in Büchern oder Filmen immer wieder gern genutzt wird. Dr. Jekyll und Mr. Hyde fallen einem an der Stelle natürlich ein. Jüngere Semester werden hingegen vielleicht an Split denken, in dem gleich 27 verschiedene Persönlichkeiten gegeneinander ankämpfen. Und manchmal auch gegen Außenstehende. Jonathan ist da mit seinen zwei Brüdern deutlich genügsamer und auch friedfertiger. Von Horror ist hier keine Spur, auch das Thrillergenre ist fern. Stattdessen siedelt sich das Spielfilmdebüt von Regisseur und Co-Autor Bill Oliver im Dramabereich an, wenn er das Zwischenmenschliche auslotet.

Gedankenexperiment mit offenen Fragen
Die Wahrscheinlichkeit seines Szenarios ist ihm dabei offensichtlich gleich. Während manche Zuschauer angetan sein dürfen, dass Jonathan eine sehr ungewöhnliche Ausgangssituation geschaffen hat, wird anderen das zu weit hergeholt sein. Vor allem dürften einige die Frage stellen: Was genau beabsichtigt Oliver damit eigentlich? Soll der Film eine bloße Variante des klassischen Doppelgänger-Motivs sein? Oder ist das hier als Kommentar auf die gespaltene Persönlichkeit sein, die das heutige Leben oft mit sich bringt? Auf der einen Seite das öffentliche Leben, schön und ordentlich, wie wir es gern in sozialen Netzwerken präsentieren. Auf der anderen das, was dahintersteckt, eine Sehnsucht nach Nähe, die immer schwieriger zu finden ist.

Eine wirkliche Antwort gibt der US-amerikanische Filmemacher hier nicht. Will er auch nicht. Er spielt stattdessen sogar längere mit Mystery-Elementen, indem er einen interessanten Kniff anwendet: Die Geschichte wird ausschließlich von Jonathan erzählt. Sein Bruder wird nie zu einem Protagonisten. Was wir von ihm erfahren, das beschränkt sich auf kurze Videos, die sich Jonathan anschaut. Manchmal finden wir auch andere Hinweise in der Wohnung, die darauf schließen lassen, was der Unbekannte in der Nacht so getrieben hat. Aber können wir den anderen jemals wirklich kennen? Können wir uns selbst kennen?

Zwischen dir und mir
Jonathan ist dabei über weite Strecken eine interessante Mischung aus Selbstsuche und der Sehnsucht, einem anderen Menschen nah zu sein, den wir nie ganz erreichen können. Ansel Elgort (Baby Driver) stattet seine Figur dann auch immer mit einer stillen Melancholie aus, die sich zudem in den eisgekühlten Bildern widerspiegelt. Alles wirkt hier in einer Art Zwischenraum gefangen, abseits des Lebens. Das Wartezimmer des Himmels. Und dennoch schafft es das Drama, aus dieser klinischen Anordnung beachtlich viel Gefühl herauszuholen, gerade auch bei dem Ende, das ebenso sonderbar wie traurig ist. Herzerweichend, wie man es hier kaum für möglich gehalten hätte.

Dafür braucht es im Mittelteil recht viel Geduld. Die Konflikte sind schnell etabliert, Jonathan streift jedoch ziellos umher bei seinem Versuch, diese zu lösen. Das könnte man wohlwollend als meditativen Trip auf dem Weg zum Erwachsenen auffassen. Oder aber als irgendwie langweilig. Jonathan, das auf dem Tribeca Film Festival 2018 debütierte, richtet sich an Leute, die sich langsam fallenlassen, die ein bisschen eintauchen möchten, ohne dabei gleich Abgründe zu erreichen. Die auch bereit sind, ihren Geist etwas herumwandern zu lassen und nach Antworten zu suchen, bei denen nicht einmal die Fragen wirklich klar sind. Denn irgendwo in diesem schwer zu fassenden Kosmos aus einsamen Brüdern ist ein hochspannender Film versteckt. Man muss ihn nur selbst mitbringen.

Jonathan (2018)
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Jonathan (2018)
Das Szenario ist zumindest ungewöhnlich: In „Jonathan“ teilen sich zwei Brüder denselben Körper, kommen sich nur durch Videoaufnahmen näher. Das spielt etwas mit Mystery-Elementen, ist letztendlich aber vor allem ein Drama um Selbstsuche und Sehnsucht, eine meditative und melancholische Reflexion über Persönlichkeit. Gefallen wird das nicht jedem, dafür bleibt der Film zu wenig konkret und langsam. Aber es finden sich jede Menge spannende Themen darin sowie atmosphärisch-kühle Bilder.
6von 10

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