Mary Poppins Rueckkehr

„Mary Poppins’ Rückkehr“ // Deutschland-Start: 20. Dezember 2018 (Kino) // 18. April 2019 (DVD/Blu-ray)

Im Leben von Michael Banks (Ben Whishaw) will es momentan einfach nicht laufen. Der Schmerz über den Tod seiner Frau hat er nach wie vor nicht überwunden, nun muss er sich alleine um die drei Kinder Annabel (Pixie Davies), Georgie (Joel Dawson) und John (Nathanael Saleh) kümmern. Aber auch finanziell steht er vor einem Scherbenhaufen: England steckt mitten in einer Wirtschaftskrise, obwohl Michael inzwischen bei einer Bank arbeitet, reicht das Geld hinten und vorne nicht. Und jetzt drohen sie ihm auch noch, das Haus wegzunehmen! Da steht auf einmal das magische Kindermädchen Mary Poppins (Emily Blunt) vor ihnen, das sich damals um ihn und seine Schwester Jane (Emily Mortimer) gekümmert hat, als er selbst noch ein Kind war, und bietet der Familie ihre Hilfe an.

Dass Disney nicht allzu viele Skrupel kennt, wenn es darum geht, aus alten Filmen frisches Geld zu machen, das ist hinlänglich bekannt. Ob es nun die fragwürdige Star Wars-Fließbandarbeit ist oder Remakes liebgewonnener Zeichentrickklassiker wie Das Dschungelbuch und Die Schöne und das Biest, erlaubt ist, was Kohle bringt. Und doch dürfte manch einer empört gewesen sein, als bekannt wurde, dass nun auch Mary Poppins wiederausgegraben wird. Schließlich gilt die Adaption der Romanreihe von P. L. Travers als eine der heiligen Kühe der US-Unterhaltungsindustrie. Ein zeitloses Märchen, das bis heute immer wieder zitiert wird. Und davon nun eine Fortsetzung? Kann das überhaupt noch gut gehen?

Wo sind all die Kindheitsträume hin?
Die Idee, zwanzig Jahre nach dem ersten Teil anzusetzen und die Geschichte der nun erwachsenen Kinder zu erzählen, die ist dabei noch ziemlich reizvoll. Vergleichbar zu Disneys Quasifortsetzung Christopher Robin vor einigen Monaten, das aus einem aufgeweckten Jungen einen desillusionierten Erwachsenen machte, ist auch hier die Frage: Was ist aus der Magie der Kindheit geworden? Mary Poppins’ Rückkehr legt hierfür auch noch den passenden Rahmen fest, indem der Film im London der 1930er spielt. Schlangen vor der Suppenküche, reihenweise enteignete Familien, die sich ihre Häuser nicht mehr leisten können – da braucht es nicht einmal den Tod der Ehefrau, um eine bedrückende Stimmung zu erzeugen.

Nun soll Mary Poppins’ Rückkehr natürlich kein historisches Sozialdrama sein, trotz der Verweise auf die Arbeiterbewegung. Und eigentlich interessiert sich der Film auch gar nicht für diese Themen. Das Unglück der Menschen wird zu einem Dekor, das schnell beiseitegeschoben wird, um Platz für tanzende Leute zu machen. Auch die finanziellen Sorgen und die Trauer um einen geliebten Menschen halten nicht sonderlich lange an. Während diese Punkte durchaus zu erwarten waren – Disney wollte schließlich einen bunten Familienfilm zu Weihnachten –, sind andere überraschender. Und enttäuschender. Michael und Jane haben beispielsweise in dem Film sehr wenig zu tun, werden zwischenzeitlich komplett vergessen, was das obige Potenzial vollends zunichte macht. Und auch Mary Poppins wird zu oft zu einer unbeteiligten Zuschauerin ihrer eigenen Geschichte, die nur noch auf die Taten der Kinder reagiert, selbst aber keine Akzente setzt.

Unerwartete Konkurrenz
Dabei ist diese natürlich brillant besetzt. Emily Blunt, die nach Into the Woods erneut ihr Sangestalent unter Beweis stellen darf, gefällt als verschmitzt-vornehmes Kindermädchen, mal skeptisch schauend, dann wieder tröstend. Allerdings muss sie die Bühne oft den Kindern, vor allem aber Lin-Manuel Miranda überlassen, der sich als Lampenanzünder Jack immer wieder in den Vordergrund singt, an vielen Stellen die eigentliche Hauptperson ist. Die Rolle erfüllt er fantastisch, so wie die Besetzung allgemein wunderbar ist – inklusive eines Überraschungsauftritts zum Ende, der einem das Herz überlaufen lässt.

Das wird nostalgisch veranlagten Zuschauern aber auch vorher schon mehrfach passieren: Völlig ungeniert appelliert Mary Poppins’ Rückkehr an die Sehnsucht nach einem heilen früher. Unter anderem dürfen wir uns auf eine Zeichentricksequenz im Stil des alten Films freuen, auf ein künstlich-adrettes Setting von anno dazumal, klassische Musicaleinlagen, die an den unpassendsten Stellen eingebaut wurden. Und natürlich jede Menge Verweise und Anspielungen: An vielen Stellen hat man gar nicht mehr das Gefühl, ein eigenständiges Werk zu schauen, sondern ein Tribut für Fans. Eine Art Star Wars: Episode VII – Das Erwachen der Macht, nur eben als Familienmusical. Das ist manchmal dreist, manchmal schön, so wie auch das Musical als solches von unterschiedlicher Qualität ist. Gerade die ersten Nummern und Fantasy-Ausflüge sind recht langweilig, später steigert sich das Angebot jedoch glücklicherweise deutlich. Wenn Jack und seine Gehilfen ins Geschehen eingreifen, dann ist das nicht nur artistisch-choreografisch eindrucksvoll, sie versprühen zudem doch noch die Magie, die uns Mary Poppins einst lehrte, als sie mit ihrem Schirm vom Himmel schwebte und uns zeigte, wie wundervoll diese Welt sein kann.

Mary Poppins’ Rückkehr
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Mary Poppins’ Rückkehr
Irgendwo zwischen Remake und Fortsetzung angesiedelt orientiert sich „Mary Poppins’ Rückkehr“ sehr stark an dem Klassiker, anstatt die eigenen Themen und Figuren konsequent zu verfolgen. Das ist wunderbar besetzt, an manchen Stellen auch mitreißend, verlässt sich insgesamt aber doch sehr auf den Nostalgiefaktor, ohne viel dafür tun zu wollen.
6von 10

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