„Frankfurt, Dezember 17“ // Deutschland-Start: 17. Oktober 2018 (TV)

Es war ein ganz normales Schäferstündchen zwischen dem verheirateten Oberarzt Carl (Barnaby Metschurat) und der Krankenschwester Irina (Lana Cooper), als sie zusammen nach der Arbeit wegfahren. Zumindest hätte es das sein sollen. Doch ausgerechnet in der Nähe ihres Wagens wird der Obdachlose Lennard (Christoph Luser) von Rio (Jonathan Stolze) und seinen Freunden brutal zusammengeschlagen. Während Carl darauf drängt, die Angelegenheit zu ignorieren, wachsen in Irina die Schuldgefühle – vor allem als Lennard anschließend auf die Intensivstation kommt und in Lebensgefahr schwebt. Aber auch Sam (Ada Philine Stappenbeck) hat schwer mit der Situation zu kämpfen, hatte Lennard sie doch beschützt und bei sich aufgenommen.

Eines kann man Petra K. Wagner sicher nicht vorwerfen: mangelnde Ambition. Wo viele andere Fernsehfilme sich mit sehr wenig zufriedengeben, erst gar nicht versuchen, große Geschichten mit Tiefgang zu erzählen, da schlägt die Regisseurin und Drehbuchautorin kräftig zu. Erst indem sie den Obdachlosen aus einer Laune heraus ins Krankenhaus prügeln lässt. Und auch im Anschluss versammelt sie eine Reihe von Figuren, denen das menschliche Leben nicht sonderlich wichtig ist. Zumindest nicht das der anderen.

Auf vielen Wegen zur Geschichte
Aber auch die Erzählstruktur ist ungewöhnlich. Drei Handlungsstränge sind es, die hier miteinander verwoben werden, die sich zum Teil gegenseitig bedingen, manchmal nur andere Facetten der Tragödie beleuchten. Die Zusammenhänge werden dabei erst nach und nach klar, Frankfurt, Dezember 17 verzichtet auf eine klare Chronologie. So lernen wir Lennard erst durch Rückblicke kennen, die Wagner aber nicht als solche kennzeichnet. Ein bisschen Mitdenken wird hier also schon vorausgesetzt, um der Geschichte folgen zu können.

An anderen Stellen ist das Krimidrama dafür umso genügsamer: Wie Lennard und Sam auf der Straße gelandet sind, erfahren wir ebenso wenig wie Hintergründe zu Rio. Nur dass er manchmal zur Gewalt neigt, wird verraten. Allgemein sind es gerade die Männer, die von Wagner kaum eines Blickes gewürdigt werden. Lennard darf mit seiner Mischung aus Fürsorglichkeit und Paranoia zwar nicht in die Tiefe gehen. Immerhin bleibt ihm aber das Klischeedasein erspart, das den anderen auferzwungen wurde. Ob nun Carl, Rio oder dessen Vater – Wagner macht aus den Männern dieser Welt reine Egoisten, die sich für niemanden interessieren, darüber hinaus keine nennenswerten Eigenschaften haben.

Viele Themen, wenig Tiefgang
Diese Schwarzweißmalereien sind aber nicht das einzige Problem, das Frankfurt, Dezember 17 plagt. Der Fernsehfilm, der auf dem Filmfest München 2018 Premiere feierte, übernimmt sich schlicht bei dem Versuch, mehrere Themen gleichzeitig behandeln zu wollen. Jedes von ihnen ist für sich genommen wichtig und spannend: die unbeachtete Parallelwelt der Obdachlosen, eine Verrohung der Jugend, eine fehlende Zivilcourage. Aber all diese Punkte werden nur kurz angeschnitten, bekommen weder die Aufmerksamkeit noch die Tiefe, die sie verdienen. Eben auch weil die Figuren zu sehr Schnittmuster sind.

Zudem hapert es zwischenzeitlich am Feinschliff. Die Entscheidung, immer mal wieder die Figuren direkt zum Publikum sprechen zu lassen, irritiert mehr, als dass sie der Geschichte etwas bringen würde. Und auch die Leistungen der Darsteller lassen mitunter ziemlich zu wünschen übrig, sind mit der Aufgabe überfordert, den ohnehin holprigen Texten Natürlichkeit und Leben einzuhauchen. Was bleibt ist ein Drama, das mit guten Absichten gestartet ist, sicher auch das Publikum dazu aufmuntert, ein wenig genauer hinzusehen. Über die Gesellschaft nachzudenken. Über eigene Verantwortung nachzudenken. Ein Drama jedoch, das sich und dem Publikum unnötig den Zugang versperrt und auf die falsche Weise ärgert.

Frankfurt, Dezember 17
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Frankfurt, Dezember 17
„Frankfurt, Dezember 17“ erzählt anhand einer Tragödie von sozialer Kälte, allgegenwärtigem Egoismus und fehlender Zivilcourage und verbindet dies mit einer ambitionierten Erzählstruktur. So wichtig die einzelne Themen auch sind, das Krimidrama übernimmt sich bei der Aufgabe, alles unter einen Hut zu bringen und enttäuscht auch bei der Figurenzeichnung.
5von 10

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