(OT: „My Friend Dahmer“, Regie: Marc Meyers, USA, 2017)

My Friend Dahmer

„My Friend Dahmer“ läuft im Rahmen des 31. Fantasy Filmfests (6. September bis 1. Oktober 2017)

Es läuft nicht so wirklich im Leben des Jugendlichen Jeff Dahmer (Ross Lynch). Seine Eltern streiten sich ständig, besonders die psychischen Schwierigkeiten seiner Mutter Joyce (Anne Heche) setzen der Familie schwer zu. Und auch wenn sein Vater Lionel (Dallas Roberts) ihn regelmäßig dazu ermuntert, rauszugehen, sich irgendwo aktiv einzubringen und Leute kennenzulernen: Am wohlsten fühlt sich Jeff in der abgelegenen Hütte, in der er ungestört Tiere sezieren kann. Erst als er in der Schule herumkaspert und so tut, als hätte er einen epileptischen Anfall, findet er Anschluss bei Derf (Alex Wolff), Neil (Tommy Nelson) und Mike (Harrison Holzer). Gemeinsam suchen sie immer wieder nach neuen Gelegenheiten, das komische Talent von Jeff zu nutzen. Aber auch diese Freundschaften halten nicht sehr lange.

My Friend Dahmer ist ein unangenehmer Film. Ein schwieriger Film auch, der vielen nicht gefallen wird. Nicht gefallen kann. Das hat natürlich auch mit dem Thema zu tun: ein Serienmörder, schön ist das eher selten. Meistens dienen sie in Filmen dem Zweck, Spannung zu erzeugen. Wer wird das nächste Opfer? Wie wird er geschnappt? Dann und wann finden sich auch Filmemacher, die das mörderische Treiben komisch aufarbeiten, etwa Serial Mom – Warum lässt Mama das Morden nicht? oder Tragedy Girls.

Wer ist der Mensch hinter dem Monster?
My Friend Dahmer kann in der Hinsicht nicht wirklich spannend sein, schließlich handelt der Film von Jeff Dahmer. Der ist einer der berüchtigteren Mörder der letzten Jahrzehnte, tötete zwischen 19878 und 1991 gleich 17 junge Männer, teils auf barbarische Weise, verging sich auch an ihnen. Diese Geschichte ist bekannt. Und nicht lustig. Weniger bekannt ist aber, was Jeff vor seinen schrecklichen Taten so gemacht hat. Und das ist es, was den Film für viele so schwierig macht: Regisseur Marc Meyers versucht, mehr hinter den Morden zu sehen, den Menschen hinter dem Monster zu finden. Und den werden nicht viele sehen wollen. So wie ihn damals schon niemand sehen wollte.

Grundlage des Films bildet dabei die gleichnamige Graphic Novel von John Backderf, einem der drei Mitglieder des Dahmer-Quatschclubs. Auch das darf einem nicht so recht sein, ein Mensch, der mit seinem Serienmörder Geld verdient – umso mehr, da das Comic-Projekt direkt nach der Ermordung von Dahmer in Angriff genommen wurde. Und es ist auch zwangsweise ein sehr eingeschränkter Blick, da Derf und Jeff nur eine vergleichsweise kurze Zeit an der High School überhaupt Kontakt hatten. All das weiß man, kann man zumindest wissen, darf es auch kritisch hinterfragen. Aber all das spielt keine wirkliche Rolle beim Anschauen des Films, der einem so durch Mark und Bein geht, wie es nur selten einem Film gelingt.

Der tragische Weg in den Abgrund
Dabei zeigt My Friend Dahmer gerade nicht die späteren Taten des Mörders, sondern konzentriert sich auf den Alltag. Und der ist schrecklich genug. Zwar bemüht sich der Vater, seinen Sohn aus der Isolation zu befreien und ein besseres Leben zu ermöglichen, als er selbst hat. Aber auch er stößt immer wieder an seine Grenzen, zumal seine hyperaktive, unberechenbare Frau viel Aufmerksamkeit einfordert. Hinzu kommen Jeffreys demütigende Erfahrungen mit seiner Homosexualität und seine Ungeschicklichkeit beim Umgang mit anderen Menschen. Das ist auch deshalb tragisch, weil sich der Junge – anders als es zu Beginn den Anschein hat – doch nach Gesellschaft und Anerkennung sehnt. Doch beides bekam er nur, wenn er den Klassenclown spielte. Er vorgeben musste, jemand zu sein, der er nicht ist. Darüber hinaus fand er kein Mittel, um wirklich mit anderen Menschen anzuknüpfen.

Das entschuldigt natürlich nicht die unmenschlichen Taten, die Dahmer später begangen hat. Das will der Film auch gar nicht. Hier gibt es nicht das eine tragische Ereignis, das als Erklärung herhalten muss. Keinen Schuldigen, dem man die Verantwortung für alles zuschustern könnte. Manche haben sicher unnötig dazu beigetragen. Aber vielleicht wäre aus Jeffrey auch unter normalen Umständen zur Bestie geworden. Und doch ist es schwer, kein Mitleid für einen Jungen zu empfinden, der da einsam durch die Gegend stapft, nur in bizarren Fantasien und Alkohol noch Halt findet. Das ist auch beeindruckend gespielt: Ross Lynch, der eigentlich aus dem Disney-Stall kommt, zeigt schon durch die Körpersprache wie dem gekrümmten Rücken, dass Jeffrey nicht durchs Leben findet. So abscheulich und bestialisch es war, was er später tat, so wenig man dafür eine Entschuldigung haben möchte, die Fragen bleiben. Wäre all das zu vermeiden gewesen? Hätte es vielleicht einen Unterschied gemacht, wenn sich mehr Leute seiner angenommen hätten? Gerade auch weil man weiß, was im Anschluss an die im Film gezeigte Zeit passierte, sieht man hilflos zu, wie ein junger Mensch immer tiefer abrutscht, nach und nach auch von den letzten verlassen wird. Je weiter der Beitrag vom Fantasy Filmfest 2017 voranschreitet, umso größer die Verzweiflung und das Grauen. Umso größer aber auch die Trauer und die Wut darüber, wie wenig sich das Umfeld für einen offensichtlich gestörten Jugendlichen interessierte. Wie wenig dieser Mensch für andere gezählt hat.

My Friend Dahmer
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My Friend Dahmer
Was macht einen Serienmörder zu einem Serienmörder? „My Friend Dahmer“, der von der High-School-Zeit des berüchtigten Jeffrey Dahmer erzählt, gibt darauf keine wirkliche Antwort. Und doch nimmt das Drama einen emotional durch die Mangel, erschreckt, stimmt zugleich traurig. Am Ende bleibt das düstere Porträt eines jungen Außenseiters und die unangenehme Frage, ob man die späteren Gräueltaten vielleicht doch hätte verhindern können.
8von 10

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