„Poesía sin fin“, Chile/Frankreich, 2016
Regie: Alejandro Jodorowsky; Drehbuch: Alejandro Jodorowsky; Musik: Adan Jodorowsky
Darsteller: Adan Jodorowsky, Jeremias Herskovits, Brontis Jodorowsky, Pamela Flores, Leandro Taub

Endless Poetry

„Endless Poetry“ läuft ab 19. Juli 2018 im Kino

Wenn es nach Jaime (Brontis Jodorowsky) geht, dann ist die Zukunft seines Sohnes Alejandro (Adan Jodorowsky) längst entschieden: Er soll Medizin studieren und richtig was aus sich machen. Alejandro selbst kann mit diesen Plänen jedoch wenig anfangen. Anstatt sich mit dem menschlichen Körper zu befassen, ist er viel mehr mit dem Geist beschäftigt. Sein großer Traum ist es, einmal Dichter zu werden. Dafür nimmt er dann auch den Bruch mit der Familie in Kauf. Stattdessen verbringt er seine Zeit viel lieber mit Gleichgesinnten wie Enrique Lihn (Leandro Taub) oder Stella Diaz (Pamela Flores) und lernt dabei, die Welt mit eigenen Augen zu entdecken.

Es dürfte bei dem chilenisch-französischen Multitalent Alejandro Jodorowsky kaum ein künstlerisches Betätigungsfeld geben, an dem er sich nicht versucht hat. Am bekanntesten wurde er durch seine Filme, aber auch Bücher, Comics, Musik, Puppen, Theaterstücke und Skulpturen finden sich in seinem Resümee. Stramm auf die 90 Jahre zugehend scheint es daher an der Zeit zu sein, auf sein langes und bewegtes Leben zurückzublicken. Und so drehte er nach The Dance of Reality mit Endless Poetry nun schon den zweiten Film, der sich mit der eigenen Autobiografie befasst und nahtlos an den ersten anschließt.

Alles ein bisschen anders
Nun ist die Darstellung der Realität nicht unbedingt etwas, wofür Jodorowsky bekannt ist. Schon seine ersten beiden Werke Anfang der 1970er, die in Schwarzweiß gedrehte Endzeitvision Fando y Lis und der Western El Topo, waren von surrealen Szenen und dem kräftigen Gebrauch von Symbolen geprägt. Und auch wenn sein neuester Film im Vergleich dazu recht zurückhaltend, fast schon normal ist, so ganz kann es sich der Altmeister natürlich nicht verkneifen, die Realität abzuwandeln und neu zu gestalten.

Einiges davon ist offensichtlich. Wenn Kulissen sich selbständig bewegen oder Figuren Masken tragen, dann ist das auch für weniger aufmerksame Zuschauer kaum zu übersehen. Etwas versteckter sind da schon Jodorowskys kuriose Besetzungen seines Films. Wie schon in The Dance of Reality wird der Filmemacher als junger Mann von seinem Sohn Adan verkörpert. So etwas kommt vor, lässt sich auch in anderen Filmen finden. Ungewöhnlicher ist schon, dass Alejandros Vater Jaime ebenfalls von einem Sohn des Regisseurs gespielt wird, Brontis Jodorowsky, zwei Brüder sich also als Vater und Sohn ausgeben. Richtig speziell wird es jedoch bei Pamela Flores, die erneut Alejandros Mutter Sara mimt, dieses Mal zusätzlich aber auch dessen Muse und Geliebte Stella. Das ist nicht nur psychologisch interessant – ein weiteres Betätigungsfeld des Tausendsassas –, es lässt zudem auf kunstvolle Weise Grenzen verschwinden.

Der Zauber der Komik
An manchen Stellen ist Endless Poetry ein klein wenig verstörend, an anderen dafür von einem entrückten Zauber beseelt. Zudem spart Jodorowsky nicht mit humorvollen Elementen. Eine der komischsten Szenen zeigt ihn, wie er als junger Mann gemeinsam seinem Kollegen und Freund Enrique durch die Stadt läuft und er sich dabei von keinem Hindernis aufhalten lässt. Selbst wenn diese Zähne haben sollten. Dabei schafft es das Drama nicht nur, über Kunst zu philosophieren, sondern das gleichzeitig auch mit historischen Verweisen zu verknüpfen. Denn natürlich ist auch ein Künstler nicht völlig losgelöst von der Welt da draußen oder zeitlichen Einflüssen.

Teilweise ist das so verspielt, dass die persönliche Komponente etwas kurz kommt. Endless Poetry gefällt sich so sehr in Anspielungen, Verzauberungen und Überlegungen, dass man dabei vergessen kann, dass eigentlich die Geschichte eines Menschen erzählt werden soll. Eines jungen Mannes, der inmitten einer reglementierten Welt die Freiheit der Poesie entdeckt. Nur hin und wieder, etwa zum Schluss, entwickelt der Film auch eine Emotionalität, füllt das Kuriose mit wirklichem Leben. Aber es ist ein faszinierender Trip in die Vergangenheit, unterhaltsam und seltsam, eine willkommene Abwechslung zu den stromlinienförmigen Biopics, die sich sonst so vor Künstlern verbeugen. Und so ist es dann auch schön, dass sich gut zwei Jahre nach dem Debüt bei den Filmfestspielen in Cannes ein deutscher Verleih gefunden hat, der das eigenwillige Wunderwerk in die hiesigen Kinos bringt. Bleibt nur zu hoffen, dass Jodorowsky seine geplanten weiteren autobiografischen Filme noch fertigstellt, zu erzählen gäbe es über seine späteren Jahre schließlich einiges, gerade auch seine Arbeit als Filmemacher.

Endless Poetry
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Endless Poetry
Zwischen Kunst und Komik, autobiografischer Begebenheit und surrealem Zauber – in „Endless Poetry“ nimmt uns Alejandro Jodorowsky mit in seine eigene Jugend und erzählt von seinen ersten Schritten hin zur Poesie. Das tut er jedoch wie immer auf eine ganz eigene Weise, hält sich so gar nicht an die Normen eines Biopics. Das ist einerseits faszinierend und unterhaltsam, führt aber auch dazu, dass die künstlerische Selbstsuche nur selten emotional erfahrbar ist.
7von 10

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