Kritik

El Topo

„El Topo“ // Deutschland-Start: 28. Februar 1975 (Kino) // 27. Juni 2014 (DVD/Blu-ray)

Zusammen mit seinem Sohn durchstreift der Revolverheld El Topo (Alejandro Jodorowsky) die Wüste, als ihr Weg sie durch eine Stadt führt, deren Einwohner auf brutale Weise ermordet wurden. Schockiert von dem Anblick, gelingt es El Topo die Urheber der Gewalt zu finden, eine Bande angeführt von einem arroganten General, welche gerade dabei ist, die Bewohner eines Klosters sowie die noch übrigen Bewohner der Stadt zu exekutieren und zu foltern. El Topo schafft es, die Bande zu überwältigen und eine Frau (Mara Lorenzio), die er später Mara nennt, zu befreien, die von nun an seine Begleiterin wird, während sein Sohn in der Obhut der Mönche verbleibt. Jedoch sind die Prüfungen für El Topo noch lange nicht vorbei, denn die Frau erzählt ihm von vier Revolverhelden, großen Künstlern mit der Waffe, die er besiegen müsse, damit er nicht nur besser werde, sondern endlich jene Erleuchtung erhalte, nach der er schon die ganze Zeit suche. Schließlich gelingt es El Topo die Prüfungen zu bestehen, doch muss er einen hohen Preis für diese zahlen. Viele Jahre später ist der einstige Revolverheld der spirituelle Anführer einer Reihe von körperlich missgebildeter Menschen, die von den Bewohnern der benachbarten Stadt in ein Bergwerk eingeschlossen wurde. Seiner Rolle als ihr Anführer gewiss, beschließt El Topo ihnen zu helfen, einen Tunnel in die Freiheit für die zu graben und gleichzeitig die Stadt zu erschließen. Was er dort findet, ist eine Welt, die sich durch Gewalt, Ressentiments und Xenophobie auszeichnet.

Ein Spiegel der Gegenkultur

Mit El Topo gelangte der chilenische Regisseur Alejandro Jodorowsky vor allem in der Hippie-Bewegung der 1960er zu einigem Ansehen, sahen diese doch in seinem Film eine Sammelsurium all jener Facetten – von der freien Liebe bis hin zur Drogenkultur – , welche sie ausmachte. Interessant ist hierbei vor allem, wie Jodorowskys Film zu einem solchen Ruhm gelangen konnte, bedenkt man, dass sein vorheriger Film Fando y Lis in den Vereinigten Staaten so gut wie unbekannt war. Nur wenige Kinos begannen El Topo, wie zuvor bereits George A. Romeros Die Nacht der lebenden Leichen, im Spätprogramm zu zeigen, von wo aus der Film fast nur über Mundpropaganda sich eine enorme Berühmtheit erspielte, was letztlich dazu führte, dass John Lennon und Yoko Ono wegen einer Privatvorführung anfragten.

Aus heutiger Sicht überrascht die Lesart von Jodorowsky Film als Spiegel der Gegenkultur doch sehr, antizipieren die Bilder wie auch die Geschichte des Films doch gerade das Ende deren Werte und zeugen vielmehr von dem Chaos wie auch der Gewalt, welche die Welt Ende der 70er Jahre prägte. Dies fängt schon bei der vom Regisseur gespielten Gestalt des El Topo an, einem Revolverhelden, der vom Kostüm her an die Figuren erinnert, die beispielsweise Franco Nero in Sergio Corbuccis Django spielt. Beschrieben als ein Maulwurf (el topo), der sein ganzes Leben unter der Erde und damit in Dunkelheit verbringt, kommt er nur einmal ans Licht, was ihn sofort erblinden lässt, wie es in der ersten Minuten des Films heißt. Ähnlich wie Fando und Lis in Jodorowskys vorherigem Film ist es die Suche, welche die Motivation des Helden antreibt, nach Erleuchtung oder einer Erkenntnis, welcher dieser ungefähr gleich kommt. Will man diese Figur unbedingt als einen Vertreter der Gegenkultur sehen, so repräsentiert El Topo auch deren Abgründe, deren Gewaltbereitschaft, deren Sexismus wie auch deren Bestehen auf der absoluten Wahrheit oder dem richtigen Weg.

Die Bilderwelten Alejandro Jodorowskys betonen das Fatalistische an diesem Helden, beispielsweise durch ihre ambivalenten Symbole wie den Stein und das Wasser in der Wüste, welche für Nahrung aber auch das Ausleben von Sexualität stehen. Dies mag man als eine Form der Freiheit verstehen, doch hat diese eine galligen Beigeschmack, wie einer der Revolverhelden El Topo berichtet, denn bei der Erreichung dieser kann man nur verlieren, hat man sich doch verabschiedet von allem, was einem zum Menschen macht.

Glaube, Freiheit und Gewalt

Auf dieser Ebene beginnt der zweite Teil des Films, der El Topo transformiert, mit schlohweißem Haar (später dann mit Glatze) und hellen, heruntergekommenen Kleidern, zeigt, ein Kontrast zu jenem Mann, der er noch vorher war. Dafür ist es nun die Welt, die sich in eben jener fatalen Freiheit, der Gewalt, dem Sexismus und dem Rassismus bewegt, wie die Bilder der Stadt zeigen. Gerade in diesem Teil des Filmes verlässt Jodorowsky immer wieder das für ihn typische Psychedelische und verweist immer wieder auf reale Ereignisse wie beispielsweise die US-amerikanischen Grenzkontrollen, Lynchjustiz sowie den Vietnamkrieg. Im Innern ist dies eine Gesellschaft, die völlig aus der Kontrolle geraten ist, die im Chaos und im Blut versinkt.

Auch hier will die Verwandlung des El Topo in einen Spiegel der Gegenbewegung nicht so recht klappen. Zu sehr verwurzelt ist er noch in seiner Vergangenheit als Revolverheld und zeigt sich nun resigniert in seinem Trieb nach Regression und Rückzug, die man als Eingeständnis der eigenen Wirkungslosigkeit sehen kann. Im Kontext der Bilder, die Jodorowsky zusammen mit Kameramann Rafael Corkidi erschafft, erzählt dies mitnichten von einem Siegeszug einer neuen Ideologie, sondern von einem Untergang, einem Versinken im Chaos, dessen Gewalt man bis zu einem gewissen Teil selbst verursacht hat.

Credits

OT: „El Topo“
Land: Mexiko
Jahr: 1970
Regie: Alejandro Jodorowsky
Drehbuch: Alejandro Jodorowsky
Musik: Alejandro Jodorowsky, Nacho Méndez
Kamera: Rafael Corkidi
Besetzung: Alejandro Jodorowsky, Brontis Jodorowsky, Robert John, Mara Lorenzio, Paula Romo, Jacqueline Luis

Bilder

Trailer

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El Topo
„El Topo“ ist ein bitterer Anti-Western, ein Abbild der Welt zu Beginn der 1970er Jahre und ihrer Konflikte. Alejandro Jodorowsky beweist nach „Fando y Lis“ seinen Status als eigenwilliger Filmemacher, dessen Bilder bei genauem Hinsehen eine Sicht auf die Welt offenbaren und die Zusammenhänge, die zu Gewalt, Sexismus und Ressentiments führen.
8von 10

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