„Rückenwind von vorn“, Deutschland, 2018
Regie: Philipp Eichholtz; Drehbuch: Philipp Eichholtz; Musik: Tina Pepper
Darsteller: Victoria Schulz, Aleksandar Radenkovic, Daniel Zillmann, Angelika Waller

Rueckenwind von vorn

„Rückenwind von vorn“ läuft ab 15. März 2018 im Kino

Irgendwie, sie weiß nicht so recht. Charlie (Victoria Schulz), die als Lehrerin in Berlin arbeitet, würde ja schon ganz gern nach Südkorea. Schließlich reist ihre Freundin gerade durch Asien. Und wie cool wäre das denn, sie dort zu treffen! Charlies Freund Marco (Aleksandar Radenkovic) hält jedoch nichts davon. Zu teuer. Das Geld sollen sie lieber für eine eigene Wohnung sparen. Denn die werden sie brauchen, wenn erst einmal das Kind da ist, das er unbedingt will. Aber will sie es? Wäre es nicht besser, jetzt noch mal etwas von der Welt zu sehen? So wie ihr Kollege Gerry (Daniel Zillmann), der sich einen Wohnwagen kauft, um damit durch den Balkan zu reisen. Aber da wäre ja auch noch Charlies Oma (Angelika Waller), die sie nicht allein lassen kann …

Traditionell gibt es ja so zwei Phasen, in denen man sein Leben grundlegend überdenkt. Die erste kommt als Jugendlicher, wenn einem plötzlich die ganze Welt offensteht – oder zumindest so tut – und man sich entscheiden muss, welchen Weg man beschreitet. Die andere droht vielleicht so zwei, drei Jahrzehnte später, nachdem man nun eine ganze Weile auf diesem Weg unterwegs war und plötzlich diese Entscheidung überdenkt. Hallo Midlife-Crisis! Inzwischen wissen wir: alles Quatsch. Denn eigentlich wissen wir nie wirklich, ob wir nicht gerade dabei sein, unser Leben zu versauen. Den vielen Ansprüchen gerecht werden, die wir an uns haben. Die andere an uns haben.

… und was ist mit mir?
Siehe Charlie. Die wird so von so ziemlich jedem gedrängt, mit dem sie zu tun hat. „Wann bekommt ihr ein Kind?“ „Wann sehen wir uns in Asien?“ Nicht ob, sondern wann. Dass das vielleicht ein klein wenig viel Druck bedeutet, das merkt ihr bemerkenswert wenig einfühlsames Umfeld nicht. Charlie schon. Sie sagt nur nichts. Will nichts sagen, will es jedem recht machen. Vergisst dabei aber manchmal sich selbst, die eigenen Wünsche und Forderungen. Das könnte man wohlwollend als freundlich und hilfsbereit bezeichnen. Oder aber auch als schwach und rückgratlos. Oder eben: menschlich.

Denn das ist es, was Regisseur und Drehbuchautor Philipp Eichholtz antreibt: die Menschen. Das galt für seine letzten Werke Liebe mich! und Luca tanzt leise. Das gilt auch für sein neuestes Baby, das während der Berlinale 2018 das Licht der Welt erblickt hat. Erneut steht eine junge Frau im Mittelpunkt, ihr täglicher Kampf um das Leben. So täglich, dass er manchmal banal erscheint. Ihr Freund will ein Kind, sie nicht so wirklich – davon geht die Welt nicht unter. Zumindest nicht die Welt, die ihr dabei zusieht, wie sie schlingert, sich windet. Eichholtz verzichtet zudem dabei auf den Humor, der in solchen Momenten ganz gern angekarrt wird, um die Zuschauer bei Laune zu halten.

Das Leben hat seine eigenen Pläne
Ein bisschen lachen geht dann aber doch. Wenn große Pläne an kleinen Details scheitern, dann ist das im besten Sinne lächerlich. Eine große Reise damit endet, dass sie nirgends hingeführt hat. Aber vielleicht eben doch: Rückenwind von vorn ist auch ein Plädoyer dafür, vielleicht nicht ganz so viel zu planen. Spontaner zu sein. Das Leben zu entdecken. Den eigenen Platz findet man dann schon. Dass auch Charlie das zum Schluss gelingt, mag man als konventionell empfinden. So wie der Film allgemein mühselige Konventionen mit wunderbar frischen Momenten durchmischt, die spielerisch natürlich leicht die Misere zeigen. Das ist dann vielleicht nicht das ganz große Kino. Muss aber auch nicht. Man kann sich ja zwischendurch auch mal im kleinen Kino verlaufen und vor lauter Gängen den Ausweg nicht mehr wiederfinden.

Rückenwind von vorn
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Rückenwind von vorn
Kind kriegen oder nach Südkorea fliegen, das ist hier die Frage. Oder besser: eine von vielen Fragen. „Rückenwind von vorn“ erzählt die alltägliche Geschichte einer Endzwanzigerin, die gar nicht so genau weiß, was sie denn nun von ihrem Leben will. Das ist trotz gelegentlicher Konventionen schön nah dran an der Protagonistin und ermuntert, nicht alles immer durchzuplanen. Kommt am Ende eh alles anders.
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